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Ladekabel:Fessel der modernen Menschheit

Von wegen Herrscher über die Technologie - der moderne Mensch verstrickt sich immer mehr in Kabelsalat. Und hängt an der Strippe wie ein Neugeborenes an der Nabelschnur.

(Foto: imago stock&people)

Der Akku soll uns größtmögliche Freiheit gewähren. In Wahrheit aber hängen wir am Ladekabel wie an einer Nabelschnur.

Der moderne Mensch, er wäre so gern frei. Also befreit er sich: von der Anstrengung, die zum Beispiel Rasenmähen, Staubsaugen, Zu-Fuß-Gehen oder Nachdenken verursachen. Er kauft sich Rasenmäh- und Saugroboter, E-Scooter oder Smartphones, in denen man alles nachschlagen und speichern kann, ja die einen sogar an Termine erinnern. Auch die Zigarette kommt inzwischen elektrisch daher - und daher ohne Teer und beißenden Gestank aus. Tolle Sache.

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Die Sache hat nur einen Haken: Die Freiheit des modernen Menschen, sie hängt an einem Akku. Der ist mitunter ziemlich klein, meistens eckig, in der Regel schwarz - und manchmal zerreißt es ihn. Überhaupt: Der Mensch und sein Akku - eine eigenartige Verbindung. Das wird einem durch ein paar Nachrichten dieser Tage wieder bewusst. Da war von E-Zigaretten zu lesen, deren Akkus in der Hosentasche explodierten, was nicht so lustig ist, weil das nicht nur die E-Zigarette und die Hose, sondern auch die Haut nachhaltig schädigen kann. Vor Kurzem ging der Akku eines E-Rollers in einer Wohnung im Sauerland in die Luft, die Feuerwehr rückte an, die Sache ging zum Glück glimpflich aus.

Dabei ist das Image des Lithium-Ionen-Akkus ohnehin schon genug beschädigt, seit Samsung im Jahr 2016 Smartphones zurückrufen musste, weil immer wieder Akkus brannten. Auch die neuen E-Roller bringen die Kehrseite der vermeintlichen Freiheit erst so richtig zum Vorschein: Da sammeln Menschen für einen lächerlichen Lohn - mit benzinbetriebenen Autos - nachts die Dinger ein, damit sie am nächsten Tag für den Kunden wieder aufgeladen bereitstehen.

Auf der Pirsch nach einer Steckdose

Der Kern des Problems ist der widersprüchliche Wunsch nach Kompaktheit und zugleich Leistungsstärke: Der Akku soll bitte wenig Platz wegnehmen und leicht sein, aber möglichst lange halten. Denn sobald er nicht mehr kann, ist die Stimmung dahin. Der Kontakt zur Außenwelt tot. Der Roboter mäht nicht mehr, der Scooter steht, das Smartphone haucht sein Leben aus. Und dann: Panik. Hektisches Suchen. Selten wirkt ein Erwachsener so hilflos wie mit einem Kabel in der Hand auf der Pirsch nach einer Steckdose. Und er muss erkennen: Der Akku befreit den Menschen nicht, er zeigt ihm seine Grenzen auf.

Die ewige Frage, ob der moderne Mensch die Technik beherrscht oder ob es nicht doch andersherum ist, dürfte damit geklärt sein. Der Mensch sieht sich zwar als Strippenzieher, verhält sich in Wahrheit aber eher wie eine Marionette: So wie der Patient am Tropf, hängt die technologisierte Gesellschaft am Ladekabel.

Der japanische Künstler Mio Iizawa, der in seinem Werk die Symbiose von Mensch und Technik darstellt, hat das Thema schon vor Jahren in einer Installation umgesetzt: Ein iPhone hängt an einer pulsierenden Nabelschnur, die in eine Steckdose führt.

Das Kabel als Nabelschnur, das ist ein schönes, aber trügerisches Bild. Es steht für einen Gegenstand, den der Mensch erfand, um sich unabhängig zu fühlen. Und der ihm stattdessen doch nur die eigene Abhängigkeit aufzeigt. In einer Gesellschaft, die sich der bedingungslosen Mobilität verschrieben hat, ist diese Nabelschnur längst nicht mehr nur Garant, sondern auch Voraussetzung für die lückenlose Versorgung.

Ganz offensichtlich versteht der moderne Mensch die Phase der Stromlosigkeit als Versorgungslücke, statt sie als das zu begreifen, was sie ist: eine Chance auf Autonomie. Und so trägt er stets eine Powerbank als Antwort auf den leeren Akku bei sich, das Ladekabel steckt wie die Nadel eines Heroinabhängigen in den Mini-Akkus, die ihn - ähnlich wie Blutkonserven - hinüberretten in die nächste Illusion.

Nur bei einer Sache versagt der rundum elektrisierte Mensch, die selbst Babys schaffen: den Alltag ohne Nabelschnur zu bewältigen.

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