Aids:Ich verstecke mich nicht mehr

2011 fand ich einen neuen Partner. Doch mich meinem Mann gegenüber als HIV-positiv zu outen, war unglaublich schwer. Wie würde er reagieren? Würde er so denken wie ich früher: Niemals eine Beziehung mit einem Positiven? Beim Frühstück platzte es dann irgendwann aus mir heraus: 'Ich bin HIV-positiv!' Er reagierte gefasst, ruhig. Er wäre aufgeklärt, wisse Bescheid über das Risiko und kenne die Vorsichtsmaßnahmen. Wir sind mittlerweile in einer eingetragenen Lebenspartnerschaft, bald sogar Ehepartner. Er unterstützt mich bei allem, verteidigt mich gegenüber Menschen, die mich stigmatisieren. Und er respektiert, dass ich inzwischen offen über mein Leben mit dem HI-Virus rede.

Seit einiger Zeit engagiere ich mich als Kampagnen-Model für die Deutsche Aids-Hilfe. Ich verstecke mich nicht mehr. Das war nicht immer so. Die ersten Jahre wusste niemand von meiner Krankheit. Zu groß war die Angst, diskriminiert zu werden. Aids bekommen schließlich nur Drogenabhängige, Prostituierte oder unaufgeklärte Schwule. Das dachte ich selbst lange Zeit.

Meine Eltern wissen bis heute nichts von meiner Krankheit. Sie würden es nicht verstehen. Viele Freundschaften von früher bestehen mittlerweile nicht mehr. Keiner hat mir direkt ins Gesicht gesagt, dass er aufgrund meiner Krankheit nichts mehr mit mir zu tun haben will. Das traut sich dann doch niemand. Aber man merkt es unterschwellig. Plötzlich wird man nicht mehr angerufen, Einladungen zu Partys bleiben aus, gemeinsame Aktivitäten schlafen ein.

Zu groß war die Angst

Es kristallisiert sich heraus, wer die wahren Freunde sind. Die Freunde, die auch in einer schweren Zeit näher rutschen und nicht verschwinden. Heute weiß ich: Wer nicht mein Freund sein will, den will ich auch nicht. Ich muss niemanden von mir überzeugen und ich laufe niemandem mehr hinterher.

Aids hat mich nicht umgebracht. Ich lebe und ich liebe das Leben. Trotzdem hat es eine Weile gedauert, bis ich mich wieder nach draußen getraut habe. Das erste Jahr nach meiner Diagnose habe ich mich vollkommen abgeschottet. Kein Körperkontakt zu niemandem, außer zu meinem Partner. Zu groß war die Angst, sich mit anderen Krankheiten anzustecken. Ein Husten, ein Schnupfen und schon könnte es um mich geschehen sein. Erst mit der Zeit habe ich wieder Vertrauen in das Leben und in meinen Körper gefunden. Mein Immunsystem hat sich wieder zurück ins Leben gekämpft und mir meine Freiheit zurückgeschenkt.

Ich habe meine Endlichkeit gespürt. Das ist der Grund, warum ich noch so viel erleben möchte wie möglich. Alles besser gestern als heute. Manche würden mich als rastlos beschreiben. Das stimmt vielleicht, aber ich kann es nicht abschalten, es ist ein Drang. Wer kann schon nachvollziehen, wie es ist, wenn man einen Virus in sich trägt, der gegen den eigenen Körper arbeitet. Als hätte man einen Parasiten in sich wohnen. Ein kleines Ding, das dir sagt: 'Du könntest heute sterben.'

Dank der Medikamente bin ich jetzt unter der Nachweis-Grenze und kann niemanden anstecken. Meine Lebenserwartung ist so hoch wie die eines Gesunden. Und trotzdem: Das HI-Virus hat mich geprägt, es hat mich verändert. Es hat die Art verändert, wie ich mein Leben gestalte. Ich bin jetzt 44 Jahre alt und weiß, es muss nicht die Karriere bis zum Vorstandsvorsitz sein. Es müssen nicht immer 150 Prozent sein. Ich muss nicht perfekt sein. Heute lebe ich jeden Tag, als wäre es mein letzter. Dieses Jahr habe ich meinen zehnten Geburtstag gefeiert - mit 44 Jahren. Wenn ich morgen gehen müsste, ich würde nichts bereuen. Es wäre okay. Bis dahin mache ich aus jedem Tag das Beste. Denn es gibt kein Übermorgen.

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