bedeckt München
vgwortpixel

Ästhetische Chirurgie:Die schöne Seele

Schönheit per Skalpell - die einen schwören darauf, die anderen verdammen sie. Der Münchner Chirurg Markus Klöppel sagt, mit seiner Arbeit heile er vor allem die Seele.

Markus Klöppel, 48, ist Facharzt für Plastische und Ästhetische Chirurgie mit Praxisklinik in München und Leitender Arzt der Abteilung für Plastische Chirurgie im Krankenhaus Martha Maria. Seine Ausbildung erhielt er bei Prof. Edgar Biemer, dem damaligen Leiter der Abteilung für Plastische und Wiederherstellungschirurgie am Klinikum rechts der Isar, der als einer der Pioniere der Mikrochirurgie gilt. Klöppel erhielt mehrere wissenschaftliche Preise und leitet Weiterbildungsmaßnahmen für Kollegen.

SZ: Ihr Berufsstand steht häufig in der Kritik - als Befeuerer des Jugendwahns. Wie stehen Sie dazu?

Markus Klöppel: Ich habe lange selber mit mir gehadert und mich gefragt: Bist du nicht nur ein Dienstleister und Vollstrecker der Eitelkeit und der Begierden dieser Zivilisation? Im Grunde meiner Seele bin ich ja ärztlicher Heiler. Dafür bin ich einmal angetreten. Soll ich einer Gesellschaft, die ja schon einem "Schönheitswahn" verfallen ist, also noch draufhelfen mit meiner langjährigen Erfahrung und Ausbildung?

SZ: Und, sollen Sie?

Klöppel: Worin die wahre Hilfe in dieser Art von Chirurgie liegt, habe ich habe erst im Laufe der Zeit verstanden. Maxwell Maltz, der Vorsitzende der American Society of Plastic Surgery, hat es aber schon vor 60 Jahren gewusst: "Ästhetische Chirurgie ist die Chirurgie der Seele." Mit meinen Worten: Über die Veränderung des Äußeren stärken wir die Seele.

SZ: Ist es nicht anmaßend, auf die Seele eines Menschen überhaupt Einfluss nehmen zu wollen?

Klöppel: Es klingt anmaßend, und doch erlebe ich jeden Tag in meiner Praxis, dass es diesen Einfluss gibt. Ich habe oft den Fall, das Patientinnen zu mir kommen und traurig sind, niedergeschlagen. Sie wünschen sich eine ganz bestimmte Veränderung ihres Äußeren und betonen in der Regel, dass sie den Eingriff weder für ihren Mann noch für die Umwelt, sondern für sich selbst wünschen. Wir behandeln diese Patienten. Und nach der Operation sagen sie oft: "Wenn ich in den Spiegel schaue, fühle ich mich besser, selbstbewusster, stärker. Ich gehe wieder aufrecht." Über dieses positive Selbstwahrnehmen nimmt auch das Gegenüber diesen Menschen selbstbewusster wahr. Wenn ich dazu beitragen konnte, dann habe ich als Arzt also geholfen - und damit meine Aufgabe erfüllt.

SZ: Wann haben Sie entschieden, diesen medizinischen Weg einzuschlagen?

Klöppel: Während des Studiums. Ich habe nicht Medizin studiert, um irgendein Arzt zu werden. Ich wollte immer Chirurg werden. Kurze Zeit dachte ich, Herzchirurg. Ich habe bei Professor Bruno Reichart in Kapstadt am Groote Schuur Hospital gearbeitet, aber die Herzchirurgie bald als etwas Monotones empfunden. Sie besteht in immer wiederkehrenden, ähnlichen Operationen. Ich wollte aber ein kreativer Chirurg werden. Somit stand der Weg zur Plastischen Chirurgie für mich fest. Und die feinste, die subtilste Form der plastischen Chirurgie ist meiner Ansicht nach die Ästhetische Chirurgie.

SZ: Treibt Ihre Kunst nicht trotzdem die Spirale der Eitelkeit an?

Klöppel: Es ist ein zentrales Merkmal eines Arztes, dass man nicht als Dienstleister einer reinen Begierde arbeitet. Ich sehe meine Aufgabe darin, den Menschen zu helfen herauszufinden, was wirklich ihr Bedürfnis ist. Man erarbeitet diesen neuralgischen Punkt im Gespräch. Viele Leute haben keine Ahnung, wie sehr manche junge Frau leidet, die keine ausgebildete Brust hat. Oder wie manche tiefen Kummerfalten Menschen in eine Art Teufelskreis bringen. Da braucht es viel Einfühlungsvermögen von Seiten des Arztes.

SZ: Dabei ist Empathie nicht unbedingt eine Charaktereigenschaft, die man mit der Chirurgenzunft verbindet ...

Klöppel: Das ist wahr. Aber deshalb sind wir Plastischen Chirurgen ja auch keine typischen Chirurgen. Ein erfolgreicher Ästhetischer Chirurg ist immer anders: Einerseits braucht er genügend Aggressivität, also den Mut, in einen anderen hineinzuschneiden. Andererseits muss er aber auch die feinen Schwingungen eines Patienten empfangen können. Und er muss ein außerordentlich präziser Handwerker sein. So eine Kombination kommt bei Menschen relativ selten vor. Da habe ich Glück.

SZ: Sind Sie religiös?

Klöppel: Ich bin im katholischen Glauben beheimatet. Ich glaube an einen Gott, der für alle Menschen da ist. Ich glaube an eine große Kraft, die da existiert - daneben glaube ich aber auch an die Naturgesetze nach Darwin.

SZ: Sie haben nie den Eindruck, Sie pfuschen dieser Macht ins Handwerk?

Klöppel: Im Gegenteil, ich glaube eher, dass ich ein sinnvoller Bestandteil dieser Welt bin und ihr etwas Positives gebe. Wenn ich den Eindruck hätte, dass ich hier etwas Grauzoniges tue, würde ich meine Arbeit nicht machen. Und schon gar nicht mit der Liebe und dem Erfolg.

SZ: Also die Gretchenfrage: Würden Sie auch Ihre Mutter operieren?

Klöppel: Ja, und meine Frau und meine Kinder auch. Nach sorgfältiger Überlegung und Abwägen der Risiken. Es gibt ja im Leben nichts, ohne dafür etwas zu geben.

SZ: Wenn Sie so nah an der Seele operieren - kommen Ihnen da nicht viele Patienten unter, bei denen im Grunde eine psychische Erkrankung vorliegt?

Klöppel: Das herauszufinden ist eine der komplexesten Fragen unserer Arbeit. Wo beginnt die krankhafte Selbsteinschätzung des Patienten? Es gibt einen Begriff dafür. Der heißt "Thersites-Komplex". Thersites ist eine Figur aus der griechischen Mythologie. Er war ein junger Mann, der sich fürchterlich hässlich fand. Es gibt viele prominente Beispiele für so eine Ausprägung des krankhaften Schönheitswahns.

SZ: Woher nehmen Sie Ihre eigene Vorstellung von dem, was schön ist? Sind Sie sich sicher, keiner Mode zu erliegen?

Klöppel: Der Zeitgeist ist tatsächlich ein arbeitsbestimmender Inhalt für mich, da mache ich mir keine Illusionen. Ich lehne aber ein uniformes Design für alle Menschen ab. Meine Vorstellung dreht sich um die individuelle Schönheit, die den Charakter des Menschen unterstreicht. Meine Arbeit ist gelungen, wenn ein Patient besser aussieht, aber niemand erkennt, warum. Dafür braucht man eine breite Palette an Techniken. Um die zu beherrschen, habe ich sozusagen nächtelang mikrochirurgisch Daumen angenäht in der Uniklinik.

SZ: Fühlen Sie sich selber immer in Ihrer Haut wohl?

Klöppel: Es gibt auch ein paar weniger schöne Stellen, die ich an mir entdecke: meine Oberlieder zum Beispiel. Ich denke manchmal, es wird Zeit, diese Partie aufzufrischen. Aber noch mal: Kein Mensch muss sich operieren lassen, wenn er selbst mit sich zufrieden ist.

SZ: Ich habe neulich irgendwo den Satz gelesen, "Altern ist nichts für Feiglinge". Wie sehen Sie das?

Klöppel: Das ist zwar ein platter, aber ein wahrer Satz. Ich halte das Altern jedenfalls nicht auf. Ich verschönere den Weg ins Altern, entbinde aber niemanden von der Pflicht, dem Altern ins Gesicht zusehen. Und die Angst vorm Altern, die kann niemand wegoperieren.