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Ärztin in Gießen:Abtreibungsdebatte verschärft sich wieder

In den vergangenen Jahren hat sich die Debatte über Schwangerschaftsabbrüche wieder verschärft. Artus glaubt, dass das am Aufstieg von Parteien wie der AfD und Bewegungen wie Pegida liegt, "in deren Reihen evangelikale und radikalkatholische Kräfte an Einfluss gewinnen". Dahinter stehe "ein Frauenbild, das wir eigentlich lange glaubten, überwunden zu haben", sagt Artus.

Mitte der neunziger Jahre schien der Konflikt vorläufig beigelegt, als eine gesamtdeutsche Regelung gefunden wurde. Es war ein Kompromiss zwischen Frauenrechtlerinnen, liberalen und kirchlich-konservativen Kräften. Anders als vielfach angenommen, sind Abtreibungen in Deutschland weiterhin rechtswidrig. Allerdings bleibt die Frau straffrei, wenn der Schwangerschaftsabbruch vor der zwölften Woche vorgenommen wird und sich die Frau mindestens drei Tage vor dem Eingriff beraten lässt.

Das Thema geriet auch deshalb in den Hintergrund, weil die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche im Laufe der Jahre stetig zurückgegangen ist. Inzwischen liegt sie nach Zahlen des Statistischen Bundesamtes bei etwa 100 000 pro Jahr. Doch es gibt immer weniger Ärzte, die Schwangerschaftsabbrüche vornehmen. Die Gründe dafür sind vielfältig. So gehen immer mehr Mediziner in Rente, die in den siebziger Jahren die Auseinandersetzung um den Paragrafen 218 erlebt haben und aus "politischen Gründen" Frauen in Not helfen wollten. Es kommen nicht genügend nach; auch, weil Schwangerschaftsabbrüche nicht lukrativ sind. Einige Ärzte lehnen den Eingriff auch aus moralischen Gründen ab, dieses Recht haben sie. Andere, besonders niedergelassene Kollegen, fürchten juristische Auseinandersetzungen mit Abtreibungsgegnern.

Hänel ist in Gießen, einer 85 000-Einwohner-Stadt, nach eigenen Angaben die einzige Ärztin, die Schwangerschaftsabbrüche anbietet. Dass es in Deutschland kein Recht auf Abtreibung gibt, wurde vergangenes Jahr in Niedersachsen deutlich. Mehrere Kliniken in kirchlicher Trägerschaft kündigten an, künftig keine Eingriffe mehr vorzunehmen, es sei denn, das Leben der Frau sei in Gefahr.

Liberale Juristen halten § 219a für überholt

Was Hänel und ihre Unterstützer erreichen wollen, ist eine juristische Klärung und am besten eine Änderung des Gesetzes. Mehrere Politikerinnen von Linken und Grünen haben angekündigt, dass sie sich dafür einsetzen wollen. "Liberale Juristen sagen schon lange, dass Paragraf 219a der Rechtslogik widerspricht. Es kann nicht sein, dass medizinische Leistungen kriminalisiert werden", sagt Pro-Familia-Expertin Artus.

Für Hänel ist das Wichtigste, dass sich die Frauen neutral und selbständig informieren können, bevor sie sich für einen Schwangerschaftsabbruch entscheiden. Genau das verhindere die jetzige Regelung. "Niemand ist für Abtreibung", sagt die Gießener Ärztin, deshalb könne man für diesen Eingriff auch nicht im eigentlichen Sinne werben. Ein Kind nicht auszutragen, sei für jede Frau stets die letzte Möglichkeit in einer Notlage.

Radikale Abtreibungsgegner negieren, dass es solche Notlagen gibt und sind der Ansicht, dass jede Abtreibung Mord sei. Sie argumentieren mit dem Vergleich aus der Nazi-Zeit. Dabei ist das Gesetz, das sie verteidigen - Ironie der Geschichte - selbst von den Nazis geschaffen. Es stammt - in seiner alten Fassung - aus dem Jahr 1933.

© SZ.de/feko/leja
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