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Adoption:"Wie wenn man stirbt"

Mütter, die ihr Kind zur Adoption freigeben, werden als Versagerinnen geächtet und leiden meist ein Leben lang unter der Trennung.

Das also war das Wunder, von dem alle erzählt hatten. Warm und zerknautscht lag es in ihrem Arm und atmete und nuckelte an seinen Fingern und lebte: ihr Sohn. Als er sie anblinzelte und mit winzigen Händen nach ihr griff, flüsterte sie ihm zu, dass sie ihn nicht mehr hergeben würde, nie mehr. Kurz darauf musste Eva Jahn sich von ihrem Baby trennen. Die Schwestern nahmen es mit, das Kind schrie, für die Mutter schrie die ganze Welt.

Adoption

Es ist nicht selbstverständlich, dass Frauen das Kindeswohl über ihr eigenes Mutterglück stellen - genau das tun Frauen, die sich für die Freigabe ihres Kindes entscheiden.

(Foto: Foto: dpa)

"Die Adoptiveltern holten ihn schon am nächsten Tag ab, so hatte ich es mir für mein Kind gewünscht", erzählt sie, hebt die Kaffeetasse zum Mund und trinkt dann doch nicht, als hätte sie den Kaffee schon wieder vergessen über die Erinnerung an den Abschied. Sie hat die glückliche Familie damals zum Parkplatz begleitet, für ein Foto in die Kamera geblickt, dann dem Auto hinterher. Seit diesem Moment vor zwei Monaten befindet sie sich im freien Fall, sagt Jahn, die ihren richtigen Namen nicht nennen will. Dann endlich nimmt sie einen Schluck Kaffee.

Ihr fehlt die Kraft

Sie hatte vorgeschlagen, während des Gesprächs in der Bochumer Adoptionsvermittlungsstelle "Findefux" zu frühstücken, aber dann hat sie gar keinen Hunger, raucht nur und trinkt Kaffee, sitzt kerzengerade da, raue Stimme, müde Augen, ein fast magerer Körper. Eva Jahn hat ihr Kind zur Adoption gegeben - aus Überforderung, ihr fehlt die Kraft.

Es gibt nur noch wenige Frauen wie sie in Deutschland, die sich aus freien Stücken zu so einem Schritt entscheiden. Im Jahr 2006 zählte das Statistische Bundesamt - abzüglich der Verwandtschafts-, Stiefkind- und Auslandsadoptionen - gerade einmal 829 Kinder unter drei Jahren, die an eine neue Familie abgegeben wurden. Ein Großteil von ihnen nicht freiwillig, sondern nach Einschreiten des Jugendamts. Insgesamt ist die Zahl der Adoptionen in zehn Jahren um 37 Prozent gesunken, gleichzeitig wollen immer mehr Paare ein Kind adoptieren. Inzwischen kommen auf jedes Kind zehn Bewerber.

"Mein Sohn hat es so besser"

Dieses Missverhältnis liegt nicht nur daran, dass ungewollte Schwangerschaften nur noch selten vorkommen und dass, wenn doch, Abtreibung heute für viele ein Ausweg ist. 2006 entschieden sich dafür 32.800 Frauen. "Sein Kind zur Adoption zu geben ist gesellschaftlich verpönt", sagt Christine Swientek, Adoptionsforscherin und emeritierte Professorin für Erziehungswissenschaften in Hannover. "Man gibt sein Baby nicht weg", laute die Regel. Wer es doch tut, gelte als Monster, als Egoistin oder Versagerin. Adoptiveltern genießen dagegen das Image von Wohltätern, die ein armes Kind vor der Rabenmutter retten. Soweit die Vorurteile.

Die Wirklichkeit sieht meist anders aus, aber nach der, sagt Eva Jahn, fragt ja keiner. "Stattdessen erklärt mir jeder, dass ich das schon irgendwie geschafft hätte mit Kind". Zum Beispiel die Krankenschwester im Kreißsaal: "So etwas kann eine Mutter doch nicht übers Herz bringen", hat die gesagt.

Als würde sich Eva Jahn nicht selbst schon genug mit solchen Zweifeln quälen. "Ich bereue die Adoption nicht, mein Sohn hat es so besser", meint sie. Und: "Er ist ja nicht mein Eigentum, das ich behalten darf, um selbst nicht traurig zu sein". Ihr Verstand weiß das alles.

Isoliert, abgekämpft - und schwanger

Aber dann sind da noch ihre Gefühle, die immer wieder Oberhand gewinnen, da kann sich der Verstand noch so sicher sein. "Ich habe keine Reserven mehr, um einem Kind gerecht zu werden", sagt Jahn. Sechs Jahre lang hat sie neben ihrem Job als Buchhalterin bis zur Selbstaufgabe ihre demente Mutter und den nierenkranken Vater gepflegt. Kein Tag begann nach fünf Uhr morgens, es gab kein Wochenende, keine Ferien, keine Hilfe.

Als zuerst die Mutter und kurz darauf ihr Vater starb, war auch Jahn am Ende. Isoliert, abgekämpft, aufgebraucht - und im sechsten Monat schwanger. Sie hatte die Gewichtszunahme auf den Stress geschoben und das Ausbleiben der Periode auf ihr Alter, 41 Jahre. Eine Abtreibung kam nicht mehr in Frage.

Im zweiten Abschnitt: Was sich in der Adoptionspraxis verändert hat - und wie es den Müttern nach der Freigabe geht.