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Adoption für Ältere:Das Recht auf ein Kind

Es steht außer Frage, dass ältere Menschen ein Recht auf Elternschaft haben. Und Frauen ein Recht auf eine künstliche Empfängnis. Doch hier geht es nicht um Recht, sondern um Möglichkeiten. Es geht um die Frage, wann es klug ist, diese Möglichkeiten auszuschöpfen - und wann Dekadenz und Missbrauch beginnen.

Eine Regierung, die nicht imstande ist, das Vertrauen ihrer Bürger in die Familie zu stärken - sei es finanziell, sei es in ihrem Image -, sollte ihre Familienpolitik hinterfragen. Stattdessen erweitert sie die Zuständigkeit und die Verantwortung für Familie lieber um eine Bevölkerungsgruppe, die diese Aufgabe besser erfüllen: den beruflich etablierten, mit Events gesättigten Bürger.

Wenn nicht einmal der eigene Staat seinen jungen Leuten zutraut, eine Familie durchzubringen, wie sollen die jungen Familien selbst sich diesen Schritt zutrauen? Rein ökonomisch betrachtet wäre es durchaus begrüßenswert für den Bundesfinanzhaushalt, wenn Eltern erst dann eine Familie gründen, wenn sie sich etabliert haben - das gilt auch für Adoptiveltern. Aber kann das ein Motiv sein?

Habe ich alles erreicht

Mit dem neuen Vorschlag der Regierung haben wir uns einen weiteren Schritt von dem entfernt, was wir wirklich brauchen: eine gesunde Familienpolitik, die Zuversicht vermittelt und die Menschen dazu ermutigt, Kinder zu bekommen, wenn die Zeit dafür gekommen ist. Und die ist nicht unbedingt abhängig von ökonomischen Aspekten und der Frage: Habe ich auch genug erlebt und alles erreicht, was ich wollte?

Immer mehr Menschen beklagen sich, dass die Gesellschaft beherrscht wird von einem "Höher-schneller-weiter"-Mantra. Doch die Gesellschaft, das sind wir. Und deshalb ist nicht nur die Regierung gefragt, die auf diese Entwicklung reagiert. Sondern jeder Einzelne von uns. Wir müssen uns der Frage stellen, warum wir den Glauben daran verloren haben, dass Kinder - wie hieß das noch in den Generationen zuvor - "mitlaufen" können.

Die Antwort: Wir sind nicht bereit, Prioritäten zu setzen. Wir wollen alles - und wenn nicht auf einmal, dann hübsch hintereinander. Und am Ende, wenn wirklich alles andere erledigt, ausgelebt und erreicht ist, da steht die Familiengründung. Schließlich ist sie es, die - da sind wir uns ganz sicher - die Luft rausnimmt, und dann geht erst mal nichts mehr.

Doch genau da liegt die Krux: Je älter wir werden, desto schwerer fällt uns der Verzicht. Sind wir erst einmal einen bestimmten Lebensstandard gewöhnt, wollen wir nicht mehr zurück. Und verwechseln das mit "können nicht zurück". Kinder kosten Geld, keine Frage. Doch wenn wir nicht allmählich umdenken und bereit sind, für sie zurückzustecken, statt im Vorfeld Geld anzuhäufen, werden sie bald Luxus sein. Und den können sich bekanntlich nur wenige leisten.

© sueddeutsche.de/jja
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