Abstimmung zur Zeitumstellung "Es gibt einen regelrechten Krieg"

Wer kennt das nicht, das Gefühl, dass man den Wecker am liebsten zertrümmern würde? Die Morgenmüdigkeit hat allerdings wenig mit der Zeitumstellung zu tun. Man könnte ja einfach früher ins Bett gehen.

(Foto: imago/photothek)
  • In einer europaweiten Umfrage haben sich mehr als 80 Prozent der Teilnehmer gegen die Zeitumstellung ausgesprochen.
  • Die meisten sind für eine dauerhafte Sommerzeit.
  • Unter den 4,6 Millionen Teilnehmern waren mehr als drei Millionen aus Deutschland.
Interview von Nora Reinhardt

Spring forward, fall back, heißt der englische Merksatz zur Zeitumstellung. Nun könnte der Wechsel von Sommer- und Winterzeit in der EU bald abgeschafft werden. In einer europaweiten Umfrage haben sich mehr als 80 Prozent der Teilnehmer gegen die Zeitumstellung ausgesprochen, die meisten sind für eine dauerhafte Sommerzeit. Von den mehr als 500 Millionen Menschen in der EU haben sich 4,6 Millionen beteiligt.

SZ: Von den 4,6 Millionen Teilnehmern waren mehr als drei Millionen aus Deutschland. Wie erklären Sie sich diese unverhältnismäßig hohe Beteiligung?

Till Roenneberg: Das Thema beschäftigt die Deutschen sehr, mich erreichen jede Woche Medienanfragen. Es gibt einen regelrechten Krieg in Sachen Zeitumstellung.

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Ja? Das müssen Sie erklären.

In Deutschland kämpfen die Langschläfer gegen die Frühaufsteher. Die beiden nehmen sich als Gegenspieler wahr, obwohl sie gar keine sind. Man kann ja auch lange schlafen, wenn man einfach früher ins Bett geht. Eulen rufen auf, bei der Umfrage mitzumachen: "Die spießigen Frühaufsteher wollen, dass wir alle eine Stunde früher in die Arbeit gehen!" Und die Lerchen rufen zur Solidarität auf, nach dem Motto: "Da müssen wir gegenhalten. Die faulen Langschläfer wollen uns den langen Abend stehlen." Ich kann mir vorstellen, dass deswegen die Beteiligung so hoch ist.

Dabei sind die Spanier im Westen Europas viel stärker betroffen als wir in der Mitte.

Da haben Sie recht. Wenn ein Galicier auf die Uhr blickt, und sie zeigt 22 Uhr, dann ist es vom Sonnenstand her eigentlich erst 19.30 Uhr. Das ist eine Differenz von zweieinhalb Stunden. Deswegen ist die Behauptung, die Spanier würden "spät essen", Quatsch. Sie essen genau wie die Münchner, nur lügt halt deren Uhr und behauptet einfach, es wäre schon später.

Und warum haben dann nicht mehr Spanier abgestimmt?

Ich denke mal, den Spaniern ist es einfach egal, die denken, okay, dann gehen wir halt erst um 22 Uhr ins Restaurant und fertig. Im Übrigen sind die Deutschen ja dafür bekannt, meinungsstark zu sein und gerne Entscheidungen zu treffen.

Professor Till Roenneberg, 65, ist Chronobiologe an der LMU München. Er erforscht den Einfluss des Lichts auf den Tagesrhythmus des Menschen.

(Foto: oh)

Sie beschäftigen sich beruflich mit Leistungskurven, Schlaf und dem Einfluss von Tageslicht auf den Körper. Wie hätten Sie persönlich abgestimmt?

Als ich mir die Umfrage angesehen habe, konnte ich meinen Augen nicht trauen. Die Formulierungen sind für eine Umfrage höchst dilettantisch und propagandistisch - vielleicht nicht willentlich, aber dennoch. Nehmen Sie allein den Begriff "Winterzeit", den es offiziell gar nicht gibt. Wenn man fragt: "Hätten Sie lieber nur noch die Winterzeit?", dann sagt natürlich niemand Ja. Man hätte fragen sollen: "Möchten Sie lieber acht Monate lang eine Stunde früher zur Arbeit gehen?" Oder: "Möchten Sie lieber früher nach Hause kommen?" Das ist klar und sachlich.

Gut. Möchten Sie lieber früher nach Hause kommen?

Insgesamt ist es verrückt, was der Mensch da macht. Es gibt eine Normalzeit und eine "Daylight Saving Time" im Sommer. Am besten wäre es, letztere abzuschaffen. Die innere Uhr richtet sich nicht nach einer Armband- oder einer Turmuhr. 85 Prozent der Deutschen brauchen einen Wecker, um aufzuwachen. Das bedeutet, dass die meisten dann noch gar nicht fertig sind mit dem Schlafen. Bei dauerhafter Sommerzeit wäre das noch eine Stunde früher. Das ist schlecht: Wir werden dicker, dümmer, grantiger, bekommen mehr Diabetes, wenn wir nicht in unseren natürlichen, von der inneren Uhr vorgegebenen Zeitfenstern schlafen können.

Sie finden: Weg mit der Sommerzeit?

Ich mag den Begriff nicht, aber ja. Man sollte so wenig wie möglich an der Natur herumjustieren, weil wir noch nicht alles in seiner Komplexität verstehen. Wir müssen jetzt schon zwei bis drei Prozent des Bruttosozialprodukts dafür ausgeben, dass wir nicht richtig schlafen.

Und Spanien? Die Spanier sollten dringend ihre Zeitzone ändern. Sie haben unsere Zeit ja nur, weil Franco unbedingt mit Hitler in einer Zeitzone schlafen wollte. Die Spanier bräuchten die Greenwich Mean Time, wie man sie in England hat.

Wieso fällt es uns so schwer, die Konzepte Zeitumstellung und Zeitzonen zu begreifen? Viele können sich nicht mal merken, ob die Uhr vor- oder zurückgestellt wird.

Unser Gehirn kann Uhrzeit nicht gut verarbeiten, es will Ereignisse. Geht die Sonne in Deutschland oder in Spanien früher auf? In Deutschland! Das ist ein Ereignis, das kann man sich gut vorstellen. Alle Überlegungen, wer früher mit dem Sonnenstand dran ist und wo es später ist, sind für unser Gehirn verwirrend.

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