80 Jahre Oswalt Kolle Er war so frei

Eigentlich wollte er Landwirt werden. Doch Sophia Lorens Schweißgeruch führte Oswalt Kolle seiner wahren Berufung zu. Heute wird der "Aufklärer der Nation" 80.

Von Petra Schönhöfer

Was wäre eigentlich passiert, wenn Oswalt Kolle wie geplant Landwirt geworden wäre? Hätte der Nationalaufklärer, der heute seinen 80. Geburtstag feiert, das Viagra für die extra stramme Karotte erfunden und Blumenkohl, der beim Erhitzen errötet? Hätte er den Aufstand der Legehennen angeführt und den Bullen das zärtliche Besamen beigebracht? Dem Aufklärungsmissionar, dem die Missionarsstellung missfiel, wäre bestimmt etwas eingefallen, um auch die Landwirtschaft ein wenig zu enthemmen.

Der Aufklärer der Nation vor dem Portrait der Porno-Patriarchin: 2001 unterschreibt Oswalt Kolle die Kondolenzliste der verstorbenen Beate Uhse.

(Foto: Foto: AP)

"Ich bin so frei" heißt trefflich auch Kolles Autobiographie, die im September bei Rowohlt erschienen ist. Nun kann jeder Deutsche nachlesen, wie aus einem angehenden Bauer Deutschlands Sexperte Nummer eins wurde. Aus einer gutsituierten Kieler Ärztefamilie stammend, in der Unkonventionalität zum guten Ton gehörte, kommt Kolle über Gelegenheitsjobs zum Journalismus und avanciert schnell zum gefragten Boulevardreporter. Bild und B.Z. setzen ihn auf Weltstars wie Hildegard Knef, Curd Jürgens und Brigitte Bardot an. Schon bald lebt er fast so glamourös wie seine prominenten Opfer.

Der Schweiß von Sophia Loren

Ausgerechnet der Schweißgeruch von Sophia Loren bei einem Interview in Nizza sei sein paulinischer Moment gewesen, so Kolle. Mit seichtem Star-Journalismus war es vorbei. Was er für seinen neuen inneren Auftrag hielt: die Beleuchtung des Mythos der Jungfräulichkeit, die Homosexualität, die noch als Verbrechen geahndet wurde, Abtreibung und natürlich die Sexualität zwischen Mann und Frau. So wurde aus Oskar Kolle ein allseits bekannter, wenn auch nicht überall beliebter Experte für die sexuelle Aufklärung.

Eine Tageszeitung verglich ihn damals mit Hitler. Er hatte die Bürgerlichen und die Katholiken gegen sich, aber auch die 68er-Generation, die ihm zu viel Konsens mit der bestehenden Ordnung vorwarfen. Dennoch, oder gerade deswegen, sahen weltweit rund 150 Millionen Zuschauer seine Filme wie "Ehebruch" (1969) oder "Deine Frau, das unbekannte Wesen" (1969). Seine Bücher wie "Dein Kind, das unbekannte Wesen" wurden Bestseller, weil sie Geschlechtsteile bei ihren anatomisch korrekten Namen nannten.

Untreu vom ersten Tag an

Bis heute hat Kolle 13 Bücher und acht Drehbücher über Sexualität geschrieben und auch mit seinem eigenen Liebesleben nicht hinterm Berg gehalten: Seine erste sexuelle Beziehung hatte er im Alter von 14 Jahren - mit einem Jungen. Mit 21 lernte er seine Frau Marlies kennen, die im Jahr 2000 an Brustkrebs starb. 47 Jahre war er mit ihr verheiratet - und im sexuellen Sinne untreu vom ersten Tag an.

Das Ehepaar Kolle lebte eigenen Aussagen zufolge eine Liebe nahezu ohne Eifersucht und Neid. Was wiederum beneidenswert tolerant klingt. Nur einmal geriet diese Konstruktion ins Wanken, nämlich als Kolle sich rasend in Romy Schneider verliebte. Doch es dauerte kein Jahr, bis Kolle der Schwur des ewigen Zusammenhalts - und wohl auch die Angst davor, neben Romys Strahlen ein Schattendasein zu fristen - zurück zu seiner Frau und seinen drei Kindern trieb.

Mit 80 Jahren ist Kolle heute wieder allgegenwärtig. Mit dem Erscheinen seiner Autobiographie und seiner im Privatfernsehen fünfteilig ausgestrahlten Sexualstudie "Sex Report 2008 - So lieben die Deutschen", für die 100.000 Menschen online 250 Fragen beantworteten, ist eine beachtliche PR-Maschinerie angelaufen. Der sexuelle Freigeist zeigt eine Medienpräsenz wie seit den siebziger Jahren nicht mehr. Nahezu täglich tritt er in Talkshows auf, führt Interviews mit allen namhaften Zeitungen und Magazinen.

Er scheut auch nicht davor zurück, oben ohne im Playboy zu posieren. Denn sein neuer Auftrag gilt der Aufklärung über Sexualität im Alter und - bei Bedarf - der medikamentösen Nachhilfe. Auch über dieses Thema spricht er mit dem für ihn typischen schlagfertigen Furor: "Ich rege mich auf, wenn heute ein junger Mann fragt, wofür ein alter Mann mit 80 noch Viagra braucht! Dem sage ich: 'Gehen Sie doch zu Ihrem Großvater, zertrampeln Sie seine Brille und sagen: Du hast schon genug gesehen, Alter, was musst du noch weiter gucken?'"

Dass Sex ausschließlich für junge und schöne Körper in Frage kommt, hält Kolle für ein albernes Gerücht. So packt er die heißen Eisen immer noch an wie andere Leute Brötchen. Die Sterbehilfe, die er seiner todkranken Frau in den Niederlanden legal leisten konnte, gehört dazu.

Ich bin okay, du bist okay

Doch bei aller Berichterstattung ist eine Art von Skepsis im Umgang mit Oswalt Kolle spürbar. Es ist schwierig einzuordnen, was Kolles eigentlicher Verdienst war und wen er letztendlich darstellt: einen eitlen Journalisten, einen neurotischen Selbstdarsteller, die Erlösergestalt der sexuellen Revolution, einen Feministen oder einfach nur einen beneidenswert zufriedenen älteren Herrn, der auf ein erfülltes Leben zurückblicken kann.

Wer sein Bild im Playboy betrachtet, findet Letzteres am plausibelsten. Es zeigt einen Mann mit erstaunlich gerader Haltung, einem beeindruckend offenen Blick und einem sanften Lächeln. Die ganze Erscheinung scheint zu sagen: "Ich bin okay, du bist okay."

Sicher kein geringer Verdienst, um eine von Autorität und Scheinmoral gebeutelte Nachkriegsgesellschaft. "Wir müssen die Erotik der Frauen sexualisieren, und die Sexualität der Männer erotisieren", forderte Kolle einst in seinem "new moral code". Auch wenn derart menschenfreundliche Toleranz heute nicht mehr als revolutionär bezeichnet würde - angenehm indoktrinär klingt sie noch immer.

Zu seinem 80. Geburtstag wünscht sich Herr Kolle übrigens einen Eichenstock - damit er auch im Alter weiterhin auf den Tisch hauen kann ...

Aufklärer der Nation

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