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50 Jahre Pille:Raum für neue Träume

Kinderlose Karrierefrauen sind die neuen Heldinnen in Kino und Fernsehen. Das hat auch viel mit Erfindung der Pille zu tun.

Das Kino und das Fernsehen gehören nicht gerade zur feministischen Avantgarde. Als teure Medien sind sie auf den Mainstream angewiesen, an neue Rollenbilder trauen sie sich immer erst heran, wenn es einen Markt für solche Träume gibt. Dass heute Anwältinnen und Ärztinnen das Fernsehen prägen, alleinerziehende Mütter und kinderlose Singles als Kinoheldinnen funktionieren, hat auch sehr viel mit der Pille zu tun. Kino und das Fernsehen spiegeln, was wir sind oder was wir zu sein hoffen, und die massiven Veränderungen der Gesellschaft sind nach und nach in die Bilder eingesickert.

50 jahre pille

Mediale Frauenbilder, wie sie in Fernsehserien wie "Ally McBeal" transportiert werden, wären ohne Erfindung der Pille kaum zu denken.

(Foto: Foto: Reuters)

Frauen, die nicht ein Kind nach dem anderen bekommen, haben andere Möglichkeiten im Leben. Auch vor der Pille ging die Entwicklung schon in diese Richtung, der dramatische Einschnitt aber bleibt der Pillenknick. Der hat in den Familien der westlichen Industrienationen neue Konkurrenzverhältnisse geschaffen: Wer nur ein oder zwei Kinder hat statt sechs, hat oft keine männlichen Nachkommen. Und plötzlich war Platz für andere Erwartungen an die Töchter - Anwältin sollten sie werden, Firmenchefin, ach, Präsidentin! Diese Sehnsüchte hat das amerikanische Fernsehen - überall in der westlichen Welt dominant - zutiefst verinnerlicht, mehr noch als die Traummaschine Kino.

Nach den trüben Familienserien der Sechziger war die "Mary Tyler Moore Show" 1970 revolutionär - es ging um eine Nachrichten-Produzentin, eine Frau, die sich einen Job sucht, nachdem sie beschlossen hat, nicht zu heiraten. 1988 startete die Serie "Murphy Brown" mit Candice Bergen, da war die Heldin eine knallharte Polit-Journalistin in Washington mit wenig Privatleben, die schließlich allein ein Kind bekommt. Da wurde die Serie dann tatsächlich zum Politikum, der republikanische Vizepräsident Dan Quayle griff sie an, weil sie eine "Verarmung von Werten" fördere.

Inzwischen hatten wir dann noch die Anwältin "Ally McBeal", die von 1997 bis 2002 zwischen den Gerichtsverhandlungen doch meistens übers Heiraten nachdenkt. Und natürlich Geena Davis, die 2005 - allerdings mit kurzer Amtszeit - die Präsidentin der USA mimen durfte, in "Welcome Mrs. President". Zu den erfolgreichen US-Serien im Moment gehören: "The Closer", über eine Polizei-Kommandeurin, die von ihrem Mann jene Opfer für ihre Karriere verlangt, die Männer normal finden, solange sie sie nicht selbst bringen müssen; "Bones" über eine Anthropologin, deren romantischer Held ihren Ausführungen zwar manchmal nicht folgen kann, sie aber trotzdem anhimmelt; und "Damages - Im Netz der Macht", Glenn Close als Staranwältin, die die Geliebte ihres Sohnes hinter Gitter bringt. Man muss diese Serien nicht mögen - aber was das Rollenverständnis von Frauen betrifft, hat sich im amerikanischen Fernsehen einiges getan.

Zweifelhafte Weiterentwicklung der Emanzipation

Das Kino ist da langsamer. Es wird sich jetzt erst bewusst, dass der weibliche Teil der Besucher nicht nur mitbestimmt, was im Kino angeschaut wird, sondern auch allein dorthin geht - weswegen es nun Filme gibt wie "Twilight", die auf die Wünsche männlicher Teenager wenig Rücksicht nehmen.

Zwar gab es schon in den Dreißigern Filmstars wie Katharine Hepburn - von ihren Kritikern damals gern als uncharmant beschimpft -, die herbe und selbstbewusste Karrierefrauen sein durften. Es hat dann aber über Jahrzehnte keine Weiterentwicklung des Rollenverständnisses gegeben.

In den Neunzigern öffnete sich das Kino dann für weibliche Action-Heldinnen: Die Frauen in den Bond-Filmen schlugen plötzlich zurück, Angelina Jolie spielte "Lara Croft" (2001) , und dass Scarlett Johansson aktuell in "Iron Man 2" zwei Dutzend Männer in ein paar Sekunden umhaut, findet man schon fast normal - eine eher zweifelhafte Weiterentwicklung der Emanzipation.

Mit der Vorstellung aber, dass Frauen immer jung, hübsch, sexy und charmant sein müssen, haben weder das Kino noch das Fernsehen je wirklich aufgeräumt. Es gab immer mal wieder Ausnahmeerscheinungen - Barbra Streisand, die immer als komisch, aber unattraktiv galt (was so nicht ganz stimmte), den Fernsehstar Roseanne Barr Anfang der Neunziger, Sandra Bullocks versuchten Imagewandel vor ein paar Jahren, der aber nicht von Dauer war.

"Männer machen den Großteil der Kreativen aus", zitierte die New York Times unlängst Martha M. Lauzen, Leiterin des Zentrums für Studien über Frauen in Film und Fernsehen an der Universität von San Diego, und das führe dazu, dass das, was wir zu sehen bekommen, "männliche Phantasien von weiblicher Sexualität sind". Dem hat die Pille nicht entgegengesteuert - letztlich ist sie selbst die Erfüllung einer Phantasie.

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