50. Geburtstag von Johnny Depp:Freundlich und durchaus exaltiert

Frauen finden ihn jetzt seit zwei Jahrzehnten durchgehend unfassbar. Männer finden ihn wunderschön und kommen sich auch nicht doof vor, das zu sagen. Depp ist außerdem der Traum eines jeden Interviewers, ohne Übertreibung. Es gibt keinen Journalisten, der ihn länger traf und dann hinterher nicht verklärt-begeistert über ihn, seine Freundlichkeit, Intelligenz, Exaltiertheit schrieb, kurioserweise. Denn es kommt fast nie etwas Provokatives, Vergnügliches oder auch etwas hier Zitierbares herum, wenn Johnny Depp und ein Journalist sich treffen. Depp spricht dann über Weine und Unschuld und die Tücken des Berühmtseins, über die Liebe zu seinen zwei Kindern, über den Wahnsinn Hollywoods . . .

Am liebsten aber redet er über Schriftsteller, die ihn beeindrucken, und von denen wiederum findet er Hunter S. Thompson am beeindruckendsten. Der sich 2005 nach sorgfältiger Planung das Leben nahm, und dessen seltsame Beerdigung Johnny Depp orchestrierte. Thompson ließ seine Asche in der Nähe von Aspen durch ein eigens konstruiertes Kanonenrohr in den Himmel schießen, und Depp, der das Ganze finanziert hatte, durfte den Auslöser betätigen. Aber nun, versprochen: Das war auch schon die interessanteste Anekdote aus der Liaison der beiden. Denn die Filme, die Depp nach dessen literarischen Vorlagen drehte - "Fear and Loathing in Las Vegas" und "The Rum Diary" - sie sind kurzlebig und erstaunlich öde.

Also beherrscht Johnny Depp neben seinem Job noch etwas anderes Tolles. Ob er mit seinem geradezu absurd symmetrischen Gesicht, mit seinem kohleschwarzen Blick und mit eingesogenen Backen für Fotos posiert, oder ob er zum tausendsten Mal über seinen Aufstieg aus kleinsten Verhältnissen zu Hollywoods Dionysos staunt - nie wirkt er dabei so profan wie all die Anderen, die von dieser Milliardenindustrie kantenlos geschliffen werden wie Bachkiesel.

Wenn er es aber doch täte - profan wirken - wäre das wohl auch egal, weil die Leute von ihm sowieso immer nur das hören wollen, was sie sowieso schon über ihn denken, und weil sie ansonsten eigentlich auch schon glücklich sind, wenn sie ihn nur sehen. Wie er als Captain Jack Sparrow durch die Meere hampelt nämlich. Wie gerne genau sie ihn dabei sehen wollen? So gerne, dass er für Teil 6 angeblich 300 Millionen bekam. Muss man nach 300 Millionen Dollar Gage etwas anderes erzählen als vor 300 Millionen Dollar Gage? Er nicht.

Nur einmal hat er etwas Dummes, vielleicht aber auch etwas enorm Schlaues gesagt, mal sehen. Es war 2009, er war gerade zum zweiten Mal im People Magazine zum "Sexiest Man alive" gewählt worden. "Darüber kann ich nur noch lachen", kommentierte er das Ergebnis, "was ist das für eine Idee - dass irgendjemand irgendwen zum sexiesten Mann der Welt wählt? Was soll das denn bitte bedeuten?"

Es gibt natürlich niemanden, der alle Männer der Welt kennt, begutachtet und dann den sexiesten rausgefischt hat. Deshalb gibt es auch keinen Gewinner dieser Wahl, nicht einmal die Wahl selber gibt es. Es gibt auch niemanden hier draußen, der Johnny Depp liebt, weil er Johnny Depp ist, wir kennen ihn ja nicht. Aber der erfolgreichste Hollywoodstar ist nicht nur der reichste, sondern auch der, der die meisten Menschen auf die endlosen Weiten seiner Projektionsfläche einlädt.

Wir sehen Johnny Depp auch deshalb so gerne an, weil uns sein Anblick an allerlei erinnert. Wie es damals war und sich anfühlte, Anfang der Neunziger, als man ihn zum ersten Mal sah. Und noch Goatee, Motorradstiefel und Totenkopfkette trug und sich supercool fand. Was die meisten dann alles irgendwann gelassen haben, Johnny Depp aber eben nie. Dafür hat er Vanessa Paradis und das ganze Französischwerdenwollen wieder in den französischen Orbit geschickt. Wie wir irgendwann auch. Und wenn es jetzt, zu Johnny Depps 50. Geburtstag an diesem Samstag, heißt: "Er wird nicht älter, sondern nur cooler", dann ist einmal mehr nicht Johnny Depp gemeint, sondern - wieder wir. Beziehungsweise das, was wir uns gegen jede Vernunft auch für uns selber wünschen. Also dann mal: Happy Birthday allerseits.

© SZ vom 08.06.2013
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