"Überall Barrieren!", gebärdet der junge Mann. Er streckt die geöffneten Hände aus, dreht seinen Oberkörper nach links. Das könnte "überall" bedeuten. Dann klopft er mit den Fingerspitzen auf seine Handflächen, mehrmals: Das wird die Gebärde für die Barrieren sein. Doch einfach ist es nicht, den schnellen Handbewegungen zu folgen. Zum Glück bietet das Video, auf dem der junge Mann zu sehen ist (Minute 6:27), die Möglichkeit, sich das Gesagte als Text einblenden zu lassen - sonst wäre es für jemanden, der keine Gebärdensprache beherrscht, unmöglich zu verstehen. Umgekehrt haben Tausende von Gehörlosen in Deutschland täglich das gleiche Problem. Denn der Alltag kommt nicht mit Untertiteln.
Darauf will der Deutsche Gehörlosen-Bund aufmerksam machen: Anlässlich seines Aktionstages, der unter dem Motto "Gebärdensprache macht stark" in Berlin stattfindet, hat er das Video veröffentlicht. Darin kommen Gehörlose und Hörende zu Wort, die über die täglichen Behinderungen sprechen, mit denen Gehörlose zu kämpfen haben. "Ich kann nicht einfach 110 anrufen", sagt einer. "Museen, Theater, Kino", zählt eine junge Mutter auf - alles Bereiche, in denen eine Teilnahme erschwert wird. Denn für kulturelle Veranstaltungen, auch für Weiterbildungen wie etwa Kurse an der Volkshochschule, finanziert der Staat keinen Dolmetscher.
"Gehörlose müssen sich den Zugang zur Gesellschaft immer erkämpfen", sagt auch Daniela Unruh. Die 33-Jährige ist seit neun Jahren als Gebärdendolmetscherin im Großraum München tätig. Für Süddeutsche.de hat sie einige Sätze gebärdet, die zeigen, wie vielschichtig die Gebärdensprache ist: Sie ist von Land zu Land verschieden, es gibt Dialekte. Sie kann Abstrakta und Eigennamen ausdrücken und folgt, genau wie die Lautsprache, komplexen grammatischen Regeln. Das Verb steht etwa am Satzende, große Objekte werden vor kleinen genannt, bewegliche vor unbeweglichen. Mit ihr lässt sich alles sagen. Nur nicht zu jedem.
Andere Länder sind Deutschland da voraus: In Neuseeland etwa ist die Gebärdensprache seit 2006 Amtssprache. "Das wäre ein Traum", sagt Unruh, deren Mann selbst gehörlos ist. "Es müssen nur alle wollen."
Dabei gibt es auch hier schon Gesetze, die zumindest in die gleiche Richtung gehen. Vor etwa 25 Jahren, am 17. Juni 1988, beschloss das Europäische Parlament, dass die jeweilige nationale Gebärdensprache als vollwertige Sprache in allen Mitgliedsstaaten der Europäischen Gemeinschaft anerkannt werden soll. Erst 2002 erhielt der Beschluss in Deutschland gesetzliche Anerkennung, dafür sorgte das Behindertengleichstellungsgesetz. In der 2006 beschlossenen UN-Behindertenrechtskonvention verpflichtete sich Deutschland etwa, ein inklusives Bildungssystem zu ermöglichen.
Umgesetzt ist das noch lange nicht. Das zeigte jüngst der Fall der siebenjährigen Melissa, die eine Regelschule besucht und deren Eltern sich das Recht auf einen staatlich finanzierten Dolmetscher vor Gericht erstreiten mussten. Auch Unruh hält es für wichtig, dass Gehörlose und Hörende gemeinsam unterrichtet werden. "Ideal wäre es aber, wenn zwei oder mehr Kinder gemeinsam in einer Klasse sind", so Unruh. Denn Gehörlose brauchten einander, um sich zu identifizieren.
Schließlich besteht Gebärdensprache nicht nur aus Gesten, sondern mitunter steckt hinter ihr eine ganze Kultur: "Gehörlose sind sehr direkt", nennt Unruh ein Beispiel. Für Hörende sei das oft ungewohnt. Von dieser Direktheit zeugen auch die Namensgebärden: Sie entsprechen oft markanten äußeren Merkmalen oder Charaktereigenschaften. Theodor Waigels Namengebärde verweise etwa auf seine üppigen Augenbrauen. "Das soll aber nicht verletzend sein." Das Verabschieden dauere länger bei Gehörlosen, ein zugerufenes "Tschüß", wie Hörende es kennen, gebe es eher nicht. Und beim gemeinsamen Abendessen stehe das Weinglas auf der rechten Seite: "Damit es beim Sprechen nicht umkippt."
Das Problem, so Unruh, sei vor allem, dass Gebärdensprache so wenig präsent sei. Die Menschen reagierten überrascht darauf, dass Gebärdensprache eine eigenständige Sprache sei. Und sind schockiert, wenn sie erfahren, dass selbst in Schulen für Gehörlose oft nicht in Gebärdensprache unterrichtet werde, weil nicht genug Lehrer sie beherrschen.
Wenn Unruh berühmte Zitate - wie J.F. Kennedys "Ich bin ein Berliner" oder Martin Luther Kings "Ich habe einen Traum", gebärden soll - muss sie zuvor den Zusammenhang herstellen. Diese Sätze, die Hörende sofort zuordnen können, seien Gehörlosen weit weniger geläufig und benötigten Kontext, um richtig zugeordnet zu werden. Denn Gebärdensprache war damals kaum präsent.
In vielen Bereichen ist das noch heute der Fall. Vom Platz der Republik vor dem Reichstag bis in die Friedrichstraße 12 vor das Gehörlosenzentrum in Berlin sind deshalb an diesem Tag die Teilnehmer des Aktionstags gezogen und haben für mehr Rechte demonstriert. Denn der Deutsche Gehörlosen-Bund sieht noch viel Handlungsbedarf. Er verlangt, so schließt sein Forderungskatalog, eine "selbstverständliche und uneingeschränkte Nutzung der Deutschen Gebärdensprache in allen Lebenslagen".
Unruh kann das nur bekräftigen: "Es ist mein Wunsch, dass nicht nur geredet, sondern was getan wird und gehörlose Menschen endlich die Rechte bekommen, die ihnen seit Jahrtausenden zustehen."