17. Dezember 2012, 11:02 Ursachen der niedrigen Geburtenzahlen Warum die Deutschen so wenige Kinder bekommen

Die Geburtenrate in Europa ist leicht angestiegen. In Deutschland herrscht jedoch weiterhin Babyflaute. Perfektionismus, Rabenmutter-Klischees und Karrierechancen von Akademikerinnen - die Gründe im Überblick.

Von Ulrike Heidenreich

So sehr sich die Politik zuletzt bemüht hat, die Deutschen wieder zum Kinderkriegen zu animieren, es hat nicht gefruchtet: Deutschland gehört weltweit immer noch zu den Ländern, in denen am wenigsten Babys geboren werden. Während in Europa die Geburtenziffern in den vergangenen Jahren leicht angestiegen sind, ist der Trend zum Kind hierzulande ausgeblieben. Mit einer durchschnittlichen Geburtenzahl von 1,39 Kindern pro Frau gibt Deutschland in den Statistiken ein trauriges Bild ab.

Das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB) hat nun erstmals sämtliche Datenbanken zur Geburtenentwicklung zusammengefügt und dabei auch die Gefühlslage der Deutschen berücksichtigt (PDF). Elternschaft werde in Deutschland zur erdrückenden Elternpflicht gemacht, kritisiert Norbert Schneider, Direktor des Institutes. Anders als in anderen Ländern werde von Vater und Mutter verlangt, rund um die Uhr für das Kind da zu sein. "Der hohe gesellschaftliche Erwartungsdruck sowie die schwierige Vereinbarkeit von Familie und Beruf machen die Elternschaft in Deutschland unattraktiv", fasst er das Ergebnis der Studie zusammen, die an diesem Montag veröffentlicht wird. Kinderkriegen ist nicht nur eine Sache des Bauches - sie ist vor allem eine des Kopfes geworden. Acht Aspekte, die hierbei eine Rolle spielen.

Die große Leere tut sich schon bei der Frage nach dem Kinderwunsch auf: In Europa gibt es neben Deutschland nur sechs weitere Länder, in denen die Mehrheit der Befragten keine oder ausdrücklich weniger als zwei Kinder bekommen möchten. Statistisch kommt man auf die Zahl von 1,7 gewünschten Kindern. Nicht einmal die Hälfte - nämlich 45 Prozent der kinderlosen Deutschen zwischen 18 und 50 Jahren - glauben, dass sie glücklicher im Leben seien, wenn sie in den nächsten drei Jahren ein Kind bekommen würden.

"Kinder, die den Großteil der Woche in einer Tagesstätte verbringen, werden später im Leben Probleme haben." Oder: "Ein Vorschulkind wird darunter leiden, wenn seine Mutter arbeitet." Diesen Sätzen stimmen in Westdeutschland 63 Prozent der Befragten zu, in Ostdeutschland nur 36 Prozent. Der große Unterschied in der Akzeptanz, dass Mütter arbeiten und ihre Kinder außerhäuslich betreuen lassen, hat strukturelle und kulturelle Gründe. In der ehemaligen DDR gab es fast flächendeckend Kinderbetreuungseinrichtungen, die Berufstätigkeit von Müttern war die Regel. Das Leitbild der guten Mutter im Westen sieht traditionell anders aus. Dort haben die Forscher immer wieder das böse Wort von der "Rabenmutter" zu hören bekommen.

Das Fazit der Studie, gedrechselter formuliert: "In einer Situation, in der Erwerbstätigkeit mit kleinen Kindern als wenig toleriert erscheint, werden Entscheidungen gegen Kinder begünstigt". Die Ansicht, dass Kleinkinder unter der Berufstätigkeit ihrer Mütter leiden, ist in Ländern wie Österreich, Russland und Ungarn übrigens ähnlich stark verbreitet wie in Westdeutschland. Belgier und Franzosen hingegen sind da ähnlich tolerant wie die Ostdeutschen.

Der Ausdruck "Niedriglohnland" gehört inzwischen zum Standard-Wortschatz und bezieht sich auf die Armen weit weg in Afrika oder Asien. An den Ausdruck "Niedrig-Fertilitätsland" muss man sich erst noch gewöhnen. Als Land mit der elftniedrigsten Geburtenziffer in Europa, nämlich 1,39, wird Deutschland nur negativ getoppt von Ungarn (1,25), Andorra (1,22), Bosnien und Herzegowina (1,20) und Lettland (1,17). Länder mit dem höchsten sogenannten Fertilitätsniveau sind Island (2,20), Irland (2,07), die Türkei (2,04) und Frankreich (2,01). Dass die Franzosen beim Kinderkriegen so weit vorne liegen, erklären die Statistiker mit der dortigen jahrelang verfolgten Politik, die darauf abzielt, dass sich Familie und Beruf miteinander vereinbaren lassen. Und in Nordeuropa wirke sich die Politik zur Gleichstellung der Geschlechter auf die Geburtszahlen positiv aus.

Fast ein Viertel der Frauen (24 Prozent), die in den Jahren 1964 bis 1968 in Westdeutschland geboren wurden, haben keinen Nachwuchs bekommen. Die Statistiker haben zudem aufgedröselt, dass in diesen Jahrgängen sogar mehr als 30 Prozent der Frauen mit Hochschulabschluss kinderlos geblieben sind. In den Befragungen ist den hochqualifizierten Frauen gemeinsam, dass sie sich bewusst so entschieden haben, weil sie Beruf und Elternschaft für nicht kombinierbar halten.

Gut ausgebildete Frauen bekommen weniger Kinder

Umgekehrt gilt: Je niedriger der berufliche Ausbildungsabschluss ist, desto mehr Kinder bringen die Frauen zur Welt. Frauen in Deutschland ohne Berufsabschluss haben durchschnittlich 1,8 Kinder geboren. Bei dieser Gruppe ist der Anteil kinderloser Frauen mit 17,4 Prozent besonders niedrig, gleichzeitig bekommen 32 Prozent sogar drei oder mehr Kinder.

Der Geburtenrückgang in Deutschland setzt sich einerseits aus der rasant gestiegenen Kinderlosigkeit von Akademikerinnen im Westen zusammen und andererseits aus dem fast vollständigen Verschwinden kinderreicher Familien. Letzteres macht sich vor allem im Osten bemerkbar. So bleiben in den neuen Bundesländern zwar grundsätzlich weniger Frauen kinderlos als im Westen - weil sie nicht befürchten, schief angesehen zu werden, wenn sie weiter arbeiten. Das Problem liegt anderswo: Ostdeutsche Eltern entscheiden sich heute oft für nur ein Kind, weil sie für ein zweites schlichtweg nicht genügend Geld haben. Die Sozialforscher bezeichnen dies in der Studie als "schwierigere ökonomische Lage der Familien in Ostdeutschland".

Geht man ganz weit zurück, zeigt sich noch drastischer, wie sich Deutschland verändert hat. Die Frauen des Geburtsjahrganges 1865 hatten noch durchschnittlich 4,7 Kinder geboren. Exakt hundert Jahre später, bei den Frauen des Jahrgangs 1965, waren es nur noch 1,55. Viele Faktoren zählen hier mit: natürlich die bewusste Geburtenkontrolle, vor allem aber, dass Kinder ihre Rolle als Alterssicherung der Eltern zu verlieren begannen. Diese konnten nach der Geburt von zwei Kindern inzwischen damit rechnen, dass beide das Erwachsenenalter erreichen würden; zwei bis drei Generationen zuvor war dies wegen der hohen Sterblichkeit noch nicht der Fall gewesen. Heute wiederum ist mit gar nichts mehr zu rechnen - in Ermangelung nachwachsender Rentenzahler. Sicher ist nur, dass sich nach 40 Jahren Geburtentief das Verhaltensmuster "Kleine Familie, wenig Kinder" verfestigt hat, heißt es in der Studie.

Norbert Schneider vom BiB rät Eltern zu mehr Gelassenheit, wenn es um die Familienplanung geht: "Es muss nicht alles perfekt sein." Von der Politik fordert er ein Umdenken, um die Geburtenzahlen wieder zu steigern. Eine strategisch ausgerichtete Familienpolitik müsse auf fünf Ebenen arbeiten, und nicht nur auf dreien wie bisher. Ein System, das lediglich auf Geldleistungen basiere - dem Kindergeld, der gesetzlich bezuschussten Elternzeit, dem Ausbau von Kindergärten -, führe nicht zum erhofften Babysegen. Am nötigsten, sagt Schneider, "ist zusätzlich eine aktive Gleichstellungspolitik und die gezielte Imagekorrektur kultureller Leitbilder - wie jenes von der Gluckenmutter in Deutschland."