7. Oktober 2016, 18:59 Philosophischer Alltag Menschliche Abgründe

Norbert Nedopil war mehr als 20 Jahre Leiter der Forensischen Psychiatrie der Uni München. Wie und wann wird man zum Mörder? Darum geht es in seinem Buch. Das Schöne an der Lektüre dieses exzellenten Sachbuchs: Das Fazit ist ein positives.

Von Lars Langenau

Begeben wir uns auf eine Zeitreise, sagen wir 200 Jahre zurück. Vielleicht hätten wir bereits ein Duell überlebt, ein Sohn wäre im Krieg gegen Napoleon gefallen, die Tochter an Tuberkulose gestorben. Gehen wir noch weiter zurück, dann würde es auf dem Marktplatz Hinrichtungen geben, Folter wäre ein Mittel zur Wahrheitsfindung, Vergewaltigung das Recht des Siegers. Willkür. Überall. Rechtssicherheit. Nirgends. Alles besser also heute?

Nun ja, gibt es nicht auch Zeitgenossen wie Armin Meiwes, den Kannibalen von Rothenburg? Den Maskenmann, der drei Jungen aus dem Schullandheim entführte und ermordete? Einen Mann, der sechs Prostituierte strangulierte? Alles Probanden von Norbert Nedopil, Deutschlands bekanntestem Gerichtsgutachter. So schlimm die Taten dieser Männer sind: Es sind Einzelfälle - was die Angehörigen der Opfer nicht trösten wird. Dennoch wird bei Weitem nicht alles immer schlimmer, beruhigt Nedopil, der gerade sein erstes Sachbuch vorgelegt hat. Seine These: "Wir sind nicht mehr an den Umgang mit Gewalt gewöhnt." Mit Zahlen belegt er den zivilisatorischen Fortschritt zumindest in Zentraleuropa: 2014 gab es in Deutschland lediglich 624 vollendete Tötungsdelikte, das entspricht einer Häufigkeitszahl von 0,78 pro 100 000 Einwohnern, davon passierten mehr als die Hälfte in der Familie. 1890 waren es noch 2,5 und 1990 noch 1,7 Mordopfer unter 100 000. Und dennoch hat sich die Angst vor dem Verbrechen nicht verringert - sie ist gestiegen.

Nedopil listet die wichtigsten Triebkräfte für Verbrechen auf: Gier und Neid, Angst (vor Entdeckung), Rache und Wut, Fanatismus und Radikalisierung, aber auch die Lust an der Gewalt. Ja, diese Fälle gibt es. Aber eben nicht in der Häufigkeit, wie wir sie subjektiv gefühlt als Bedrohung empfinden. Er schildert erschreckende Beispiele aus seiner Tätigkeit, aber: "Ich bin noch niemals einer Bestie gegenübergesessen, sondern immer einem Menschen, egal, was er getan haben mag." Er beschreibt, dass oft die Situation und nicht die Täterpersönlichkeit ausschlaggebend war und bejaht den Satz: Jeder kann zum Mörder werden.

Sein Buch macht nachdenklich, wenn er Narzissmus beschreibt, von dem jeder Anteile in sich trägt, der aber nur bei manchen Menschen pathologisch wird. Oder wenn er unsere Vorstellungen von normal infrage stellt und wir erkennen, dass auch wir manchmal dem Mitmenschen den Hals umdrehen möchten. Plötzlich bröckelt die eigene Sicherheit, und man bekommt eine Ahnung, wie es auch sein könnte. "Psychisch Kranke erscheinen uns ebenso andersartig wie Kriminelle". Aber "anders ist kein Synonym für gefährlich, bedenkt man, dass jeder Mensch anders ist - von welchem anders wollen wir ausgehen, was ist die Referenzgröße?" Nedopil hat zum Ende seiner Karriere ein im besten Sinne aufklärerisches Werk vorgelegt. Sein Fazit: "Die Welt ist besser, als Sie glauben." Und schließt doch mit einer Mahnung: Zivilisation ist "kein Selbstläufer, sondern etwas, das man pflegen, fördern und auch verteidigen muss".