3. September 2016, 00:00 Kasachstan Ein Schiff wird kommen

Das Austrocknen des Aralsees gilt als eine der schlimmsten Umweltkatastrophen überhaupt. Vor zehn Jahren baute Kasachstan einen Deich. Nun kehren die ersten Fischer zurück. Die Geschichte eines schwierigen Neuanfangs.

Von Jan Stremmel

Sein Ruderboot ist jetzt Teil des Kamelstalls. Der Kapitän hat den Stall gebaut, als sein Leben als Fischer vorbei war. Als nicht mehr nur die großen Trawler auf den Sandbänken auf Grund liefen, sondern sogar das kleine Boot stecken blieb. Der Kapitän entschloss sich also, einen Stall zu bauen und Kamele anzuschaffen. Und weil Baumaterial wie alles in der Wüste knapp ist, verwendete er, was er finden konnte: Reisig, Sperrholz, Teile einer alten Lkw-Karosserie. Und eben das Ruderboot. "Kamele kommen auch in der Wüste klar", sagt der alte Kapitän. Im Gegensatz zu Fischen.

30 Jahre ist das her. Seither lebt der alte Kapitän von der Milch, dem Fleisch und der Wolle seiner Kamele. "Aber vielleicht", sagt er und lächelt unter seiner weißen Schirmmütze hervor, "vielleicht brauchen meine Enkel das Boot ja bald wieder." Er hat Hoffnung. Wegen des Damms.

Der alte Kapitän heißt Bakytzhan Kurakbayev, er lebt im südlichen Kasachstan in einem Dorf namens Akbasty: eine nicht asphaltierte Straße, links und rechts ein paar windschiefe Häuser, deren Fenster gegen die Sonne mit Spiegelfolie verklebt sind. Das Dorf liegt auf einer Düne, fünf Meter erhöht, inmitten einer pfannkuchenflachen und backofentrockenen Steppe. Den Ortseingang flankieren zwei morsche Holzboote, ein Mahnmal an die Vergangenheit.

Früher war Akbasty eine der größeren Städte an der malerischen Westküste des Aralsees. Badeorte und Fischerdörfer wechselten sich in den kleinen Buchten ab. Die Industrie um den See blühte: 60 000 Männer fuhren zur See und fischten, die Frauen verarbeiteten den Fang in den Fischfabriken zu Konserven. Mit 15 Jahren heuerte Bakytzhan Kurakbayev auf einem Kutter an, genau wie sein Vater. Manchmal verbrachte er eine Woche am Stück auf dem See, ohne Land zu sehen - nicht ohne Grund hieß der Aralsee auf Kasachisch damals "Aralmeer". Heute haben sie für den nahezu ausgetrockneten See einen neuen Namen: "Aralsand". Aber wie es aussieht, könnten sie die alte Bezeichnung demnächst wieder verwenden.

Früh am Morgen steigt Kurakbayev mit seinem fünfjährigen Enkel in einen grauen sowjetischen Geländebus und fährt los. Der Kapitän ist jetzt 76 Jahre alt, der Dorfälteste. Und der Letzte in Akbasty, der noch selbst zur See gefahren ist. "Mir bleibt nicht mehr viel Zeit", murmelt er, als das Dorf im Rückspiegel langsam in einer Staubwolke versinkt. Er will dem Jungen deshalb heute etwas Wichtiges zeigen: den Kutter, in dem er, Bakytzhan Kurakbayev, früher zur See fuhr. Der Junge soll wissen, was sein Großvater als Letzter im Dorf tat, auch weil er, der Enkel, in ein paar Jahren hoffentlich wieder das Gleiche tun wird: zur See fahren und fischen.

Der Tod des Sees hatte sogar Auswirkungen auf das Klima in Europa

Zehn Zentimeter. Schon wieder zehn Zentimeter mehr als letzte Woche. "Sehr gut." Margulan Zhijsembijew steht mit hochgekrempelten Hosenbeinen im knietiefen Wasser. Er hält eine Messlatte an einen Metallpflock, der vor ihm im Schlick steckt. Die Pflöcke hat er im Abstand von fünf Metern in den Boden schlagen lassen, als der Damm fertig war. Seither überprüft er wöchentlich, welcher Pflock wie tief im Wasser steht. Und mal wieder überrascht ihn heute das Ergebnis. Das Wasser kehrt schneller zurück als erwartet.

Zhijsembijew ist ein Mann mit sonnengegerbter Haut und beigefarbener Schiebermütze. Er lebt eine Stunde vom Damm entfernt, in einem Haus, an dessen Hoftor zwei gekreuzte Speere verschraubt sind. Er ist eine Mischung aus Häuptling, Politiker, Aktivist und Ingenieur. Jahrelang hat er mit einheimischen Politikern verhandelt und westliche Gutachter an den fast ausgetrockneten See gebracht. "Wenn jeder von denen eine Flasche Wasser mitgebracht hätte", sagt er lächelnd, "wäre das Problem längst gelöst."

Seit der Damm steht, ist Zhijsembijew im Auftrag der Wasserbehörde zuständig für die Kontrolle des Pegels und des Salzgehalts. Er ist zufrieden: In den zehn Jahren, seit es den Damm gibt, ist das Wasser um zwölf Meter gestiegen. Nicht sehr viel, aber der Aralsee war hier schon immer flach, an der tiefsten Stelle nur 25 Meter. In zehn Jahren ist die Uferlinie deshalb um bis zu 15 Kilometer landeinwärts gewandert. "Von den ersten Dörfern aus", sagt er, "sieht man in der Ferne schon wieder das Wasser."

Noch kann Bakytzhan Kurakbayev, der alte Kapitän, seine Schiffsroute von damals mit dem Geländewagen abfahren. Er steuert den Wagen durch riesige Krater, an sandigen Klippen entlang, die früher mal die Küste begrenzten. Heute bieten sie nur noch eine erhöhte Aussicht auf die salzverkrustete Steppe: eine postapokalyptische Landschaft wie das Ödland aus den "Mad Max"-Filmen.

Drei Stunden später steigt er aus dem Wagen. Es ist genau die Stelle, an der sein Kutter Anfang der 80er-Jahre im flachen Wasser auf Grund lief. Das Schiff steckt dort immer noch, ein rostiges Skelett im rissigen, weiß verkrusteten Erdboden. Kurakbayev atmet ein paar Mal tief durch und stemmt die Arme in die Seiten. Dann guckt er zu seinem Enkel. Aber der schaut gerade zwei Eidechsen nach, die unter das Auto flitzen. Nach ein paar Momenten wird klar: Der Enkel weiß gar nicht, was da vor ihm steht. "Es ist traurig", sagt der Kapitän. "Der Junge hat noch nie ein Schiff gesehen." Auch Wasser kennt er nur als das heiße, salzige Rinnsal, das sie am Rande des Dorfes durch ein Eisenrohr aus dem Boden pumpen, um sich zu duschen.

Sein Heimatort Akbasty ist eines der letzten Dörfer, die es in der Gegend überhaupt noch gibt. Der Rest des ehemaligen Küstenstreifens ist verwüstet, verlassen. 100 000 Bewohner flohen, als das Wasser verschwand. Sie zogen in die Städte, oder gleich ans Kaspische Meer. Von früher mehreren Tausend Einwohnern leben in Akbasty heute noch knapp 200. Aber seit die Zeitungen die Zahlen, die Margulan Zhijsembijew am Damm notiert, in die Städte tragen, werden es wieder mehr.

Wer hätte das gedacht? Das Gebiet, in dem der alte Kapitän seinem Enkel nun erklärt, was ein Boot ist, und was ein Fisch, erklärten die Vereinten Nationen Anfang der 90er-Jahre zur größten Umweltkatastrophe neben Tschernobyl. Auf keinem anderen Flecken der Erde hat der Mensch so dramatisch und nachhaltig ins Klima eingegriffen wie hier. Der Aralsee war früher das viertgrößte Binnengewässer der Erde. Ein Fischereiparadies halb in Kasachstan, halb in Usbekistan. Ein Süßwassersee von der Größe Bayerns. Die Sowjets erklärten das flache Land ringsum zum idealen Gebiet für den planwirtschaftlichen Anbau von Baumwolle. Sie zapften die einzigen beiden Zuflüsse des Sees für die Bewässerung der Felder an und leiteten damit die Katastrophe ein.

Mit dem Ende der Sowjetunion hatte der See drei Viertel seiner Größe verloren. Das verbliebene Wasser war so salzig, dass nur ein paar Krebse, Flundern und Bakterien darin überleben konnten. Es entstand: Aralkum. Die Wüste, die der See zurückgelassen hat. 50 000 Quadratkilometer ausgetrockneter Seeboden, mit Pestiziden und Düngemitteln verseucht. Der giftige Salzstaub wird von Stürmen Tausende Kilometer weit durchs Land getragen, er verursacht Kehlkopfkrebs und Asthma. Die Winter sind härter, die Sommer heißer und trockener als je zuvor.

Es ist unwahrscheinlich, dass die Jüngeren im Dorf je so alt werden wie der Kapitän - sie sind im Staub aufgewachsen. Die Lebenserwartung im Aralbecken ist stark gesunken. Viele Kinder kommen mit geistiger Behinderung auf die Welt. Die Fälle von Tuberkulose, Typhus und Blutarmut haben sich vervielfacht. Jedes zehnte Kind stirbt im ersten Lebensjahr. Nicht nur die ökologischen, auch die gesundheitlichen Folgen der Aralsee-Katastrophe gelten als vergleichbar mit denen von Tschernobyl.

Der Dammwärter Margulan Zhijsembijew zieht die Schiebermütze in die Stirn und blickt in den Himmel: Wolken ziehen langsam über den Stausee. "Die gab es bis vor ein paar Jahren überhaupt nicht mehr hier", sagt er. Auch das Klima in Europa, sagen Meteorologen, habe sich durch das Austrocknen des Sees verändert: Mit ihm verschwand ein Puffer gegen allzu starke Temperaturschwankungen. Doch nun, wo wieder Wasser da ist, das verdunsten kann, springt die Thermik des Sees langsam wieder an. Das Schilf am Ufer wiegt sich im Wind. Zhijsembijew tippt seine Messungen in einen Laptop, rollt die Hosenbeine runter und sagt: "Kommen Sie mit. Sie werden staunen!"

Der Tod des Aralsees ist vor allem, aber nicht nur eine Spätfolge der sowjetischen Planwirtschaft. Er zeigt auch, wie schwierig länderübergreifende Projekte in dieser Gegend der Welt sind - und wie politisch das Wasser. Seit Anfang der 90er-Jahre gibt es einen Rettungsfonds, eine Art transnationale Behörde der fünf Anrainerstaaten Kasachstan, Usbekistan, Tadschikistan, Kirgisistan und Turkmenistan. Doch auf eine gemeinsame Strategie konnten sie sich nie einigen. Stattdessen streiten sie seit Jahrzehnten immer lauter um Wasserdurchflussmengen, Staustufen, Dämme. So schrumpfte der See immer weiter.

Nur zwei Zuflüsse speisen ihn: einer im Nordosten auf kasachischer Seite, einer im Süden auf usbekischer. Dort wird bis heute Baumwolle angebaut, das mit Abstand wichtigste Exportgut Usbekistans. Verbindliche Wasserquoten oder den Umstieg auf sparsamere Baumwollarten lehnt die Regierung ab. Also begannen die kasachischen Anwohner des Sees 1999, den nördlichen Teil mit einem Deich vom südlichen zu trennen. Sollten die Usbeken mit ihrem Teil des Sees machen, was sie wollten - wenigstens das kleine kasachische Stück sollte gerettet werden.

Nur Monate darauf riss einer der Sandstürme den Damm wieder ein. Sie bauten ihn noch einmal auf. Diesmal ist der 13 Kilometer lange Deich aus Beton, er hat 65 Millionen Dollar gekostet, mitfinanziert durch einen Kredit der Weltbank. Vor gut zehn Jahren war der Kok-Aral-Damm fertig. Seitdem ist der nördliche Teil des Sees endgültig vom südlichen getrennt.

Ein paar Hundert Meter vom Damm entfernt vertäuen fünf junge Männer ihre Ruderboote am Ufer. Sie sind gerade fischen gewesen, sie rollen die Netze zu Ballen und tragen sie die Böschung hinauf zu ihren Zelten. Sie kämen aus Qysylorda, sagt einer von ihnen, er hat gerade die ersten Bartstoppeln im Gesicht, der Ort liegt zwei Tage Autofahrt entfernt. Als Kinder sind sie von hier weggezogen, nachdem ihre Eltern am Aralsee keine Zukunft mehr sahen. Nun aber hätten sie gehört, dass im nördlichen Teil wieder Süßwasserfische lebten. "Also sind wir wieder hier", sagt der junge Fischer. Erst mal nur für vier Wochen. Auf Probe, im Zelt, um zu sehen, wie der Fang ausfällt. Sie sind erst ein paar Tage da, aber bisher sieht es gut aus. Laut offiziellen Messungen hat sich die Fangmenge binnen zehn Jahren fast verzehnfacht, die Zahl der Fischarten verdoppelt. "Wenn Gott es will", sagt der Fischer, "werden meine Kinder wieder hier aufwachsen." Der Dammwärter steht daneben und nickt zufrieden.

Am Nachmittag ist Kurakbayev, der alte Kapitän, mit seinem Enkel zurück im Dorf. Neben seinem Haus steht eine kleine Moschee, und daneben ein Neubau, ein zweistöckiges Gebäude, knallrot gestrichen: die Schule von Akbasty. Vor einigen Monaten ist sie fertig geworden. Die Regierung hat kürzlich begonnen, die verbliebenen Dörfer am ehemaligen Seeufer zu fördern - sie baut Schulen, legt Stromleitungen, lässt verfallene Häuser renovieren. Drei Jungs in Schuluniform stehen vor dem Eingang, sie haben Pause. Was sie später mal machen wollen? "Fischen!" - "Ein eigenes Boot haben!" - "Ein Haus mit Meerblick!" Im Unterricht lernten sie schon die 24 verschiedenen Fischarten, die hier früher mal lebten und bestimmt bald wiederkämen.

Auf usbekischer Seite bleibt der Aralsee trocken. Dort bohren sie demnächst nach Öl

Dieser Optimismus breitet sich aus. Die Stadt Aral, das frühere Zentrum der Fischerei im Norden des Sees, lag 1990 noch 100 Kilometer vom übersalzenen Wasser entfernt. Kürzlich habe eine Fischkonservenfabrik dort eröffnet, erzählen sie im Dorf. Die Fangmengen sind von der Regierung noch streng begrenzt, aber 41 Arbeitsplätze habe man in der Fabrik schon geschaffen. Wenn das Wasser erst mal so weit gestiegen ist, dass auch Akbasty wieder am Ufer liegt, hoffen sie, wird es auch hier wieder eine Fabrik geben. "Höchstens ein paar Jahre", sagt einer der Jungs vor der Schule.

Die Rettung, oder das, was sie hier als Rettung feiern, ist mit etwas weniger Optimismus betrachtet allerdings eher eine Kapitulation - vor der Katastrophe, und vor allem vor der Unfähigkeit, eine gemeinsame Lösung für den gesamten See zu finden. "Das nördliche Becken ist tatsächlich stabil und regeneriert sich sogar schneller als prognostiziert", sagt Holm Voigt, Geograph am Zentrum für Entwicklungsforschung der Uni Bonn. Aber in absehbarer Zeit den Zustand vor dem Austrocknen wiederherzustellen sei "äußerst unwahrscheinlich". Im Gegenteil: Der Staudamm, der den Norden des Sees nun langsam wieder füllt, schnürt den Süden endgültig von der Wasserversorgung ab. Tatsächlich meldete die Nasa 2014, dass der große Ostteil des Aralsees, auf usbekischer Seite, nun komplett trocken sei. Usbekistan protestierte trotzdem nicht gegen den kasachischen Damm: Statt sich mit der Regeneration des Beckens aufzuhalten, will man auf den Zehntausenden Quadratkilometern Neuland lieber nach Öl und Erdgas bohren.

Da kommt gelegen, was geologische Untersuchungen ergeben haben: Der Wasserpegel des Sees schwankte über die Jahrtausende immer wieder stark. Offenbar war der Aralsee in seiner Geschichte mehrmals fast trocken und hat sich dann wieder gefüllt. Von alleine, ganz ohne Dämme. Für Gegner von nachhaltigen Rettungskonzepten ein Beweis, dass man weiter nichts tun muss. Die Natur regle das schon.

Während die anderen Anrainer also weiter das sowjetische Erbe fortführen und die extrem durstigen Baumwoll- und Weizenfelder bewässern, scheint es, als habe Kasachstan als einziges Land seine Lektion gelernt. In Aral, der einstigen Hauptstadt der Fischerei, wartet die Fischfabrik auf die Rückkehr des Wassers. Noch fehlen 17 Kilometer. Gut möglich, dass man vom Dorf des alten Kapitäns aus das Wasser früher sehen wird: Von dort sind es nur noch zehn Kilometer. Und jeden Tag weniger.