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China: Kinder von Todeskandidaten:Zum Leben verurteilt

Xiao Sheng war fünf, als die Mutter den Vater erstach. Weil der Sohn einer Verbrecherin Unglück bringt, wollte sich niemand um den Jungen kümmern. Die Hilfsorganisation "Morning Tears" bietet Kindern ein neues Zuhause, deren Eltern in chinesischen Gefängnissen auf ihre Hinrichtung warten.

Koen Sevenants ist ein großer Mann mit dickem Bauch und rotem Bart. Drei kleine Kinder turnen lachend auf ihm herum. Doch ihm stehen die Tränen in den Augen, als er die Geschichte von Xiao Sheng erzählt.

Morning tears

Die Hilfsorganisation "Morning Tears" kümmert sich in China um Kinder, deren Eltern im Gefängnis auf ihre Hinrichtung warten.

(Foto: www.morningtears.com)

Jahrelang hatte Shengs Vater die Mutter des fünfjährigen Jungen geschlagen. Irgendwann hatte sie die Misshandlungen nicht mehr ausgehalten und sah keinen anderen Ausweg mehr: Sie schlich sich von hinten an ihren Mann heran und stach mit seinem Küchenmesser zu. Immer wieder. Ihrem Sohn erzählte sie nach der Tat, sie habe es einfach nicht mehr ausgehalten.

Um die Kinder will sich niemand kümmern

Kurze Zeit später erschien die Polizei in der Bauernstube in der chinesischen Provinz Shaanxi. Die Mutter wurde wegen Mordes angeklagt und zum Tod durch Genickschuss verurteilt. Im Gefängnis wartete sie auf die Vollstreckung.

Um den kleinen Xiao Sheng wollte sich nun niemand mehr kümmern. Die Leute im Dorf sagten, er sei das Kind einer Verbrecherin, er bringe Unglück. Der einzige verbliebene Großvater war der Vater seines Vaters - und der wollte mit dem Sohn der Mörderin seines Sohnes nichts zu tun haben.

"Als er bei uns ankam, sprach er kaum", sagt Koen Sevenants. "Er zitterte am ganzen Körper und war sehr aggressiv anderen Kindern gegenüber. Xiao Sheng verstand nicht, warum sie nun ihn bestraften, warum sie ihm jetzt auch noch seine Mutter wegnahmen."

Aber mit der Zeit begann Xiao Sheng, sich zu öffnen, er lachte manchmal und spielte mit den anderen Kindern.

Der 39-jährige Belgier Koen Sevenants leitet "Morning Tears", ein nichtstaatliches Projekt, das sich um die Kinder von Eltern kümmert, die zum Tode verurteilt sind. China ist trauriger Spitzenreiter in der Statistik der meisten Todesurteile auf der Welt. Wie viele genau es sind, ist nicht bekannt - die Regierung veröffentlicht nichts zu diesem Thema. Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International rechnen mit mehreren Tausend vollstreckten Todesurteilen pro Jahr. 55 Delikte werden in China mit dem Tod bestraft, darunter auch Korruption und Steuerhinterziehung.

Um die Kinder der Exekutierten kümmert sich oft niemand. In westlichen Ländern werden solche Kinder meist vom Jugendamt bei Pflegefamilien oder in Heimen untergebracht. "In China gibt es kein soziales Netz, das diese Kinder auffängt", sagt Sevenants. Staatliche Waisenheime nehmen nur Kinder auf, wenn beide Elternteile und die Großeltern nicht mehr leben. "Verwandte wollen oder können sie oft nicht aufnehmen. Kinder von Straftätern sind in der bäuerlichen Welt im Westen Chinas stigmatisiert." Viele landen auf der Straße. "Einige der Kinder sind besonders aggressiv, weil sie auf der Straße gelernt haben: Der Stärkste bekommt am meisten zu essen", sagt Sevenants.

30 Kinder im Alter zwischen fünf und 14 Jahren schlafen, essen und leben in dem Heim nahe der Großstadt Zhengzhou in der Provinz Henan, weit entfernt von der glitzernden modernen Welt Pekings und Shanghais. Auf dem Gelände stehen drei Häuser, zwei weitere sind geplant. Jeweils sechs Kinder wohnen mit zwei Sozialarbeitern in einem Apartment. Die Helfer kümmern sich um das Essen der Kinder, sorgen dafür, dass sie ihre Hausaufgaben machen und spielen mit ihnen. Sie begleiten sie auch bei Besuchen im Gefängnis.

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