11.11.11 - ein besonderes Datum:"Schwelle ins Reich der Sünde"

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Die Standesämter erwarten heute - am 11.11. - einen "Jahrhundert-Trautag", anderswo wird es ein Trauertag sein: Großbritannien gedenkt der Kriegsopfer. Und in den Karnevalshochburgen stürzen sich die Jecken alle Jahre wieder in die närrische Zeit. Warum eigentlich?

Anja Rillcke

Fast ein ganzes Jahr mussten sie sich gedulden. Nun klopfen sie sich in Köln, Mainz und anderen Faschingshochburgen wieder den Staub von den Narrenkappen, um sich am Freitag Punkt 11 Uhr 11 in den Karneval zu stürzen. Doch nicht allen steht an diesem Tag der Sinn nach Schabernack.

Hochzeit am 11.11.11

Schnapszahl-Tage sind besonders beliebte Hochzeitstermine. Die Konditoreien sind auf den 11. November vorbereitet.

(Foto: dpa)

Fragt man beispielsweise einen Briten, was er mit dem 11. November verbindet, fällt die Anwort überraschend aus: Schweigeminuten, Klatschmohn und Holzkreuze. Statt karnevalistischen Frohsinns zelebrieren die Nachbarn an diesem Datum den Remembrance Day - das Vereinigte Königreich, Kanada, Frankreich und Belgien feiern das Ende des Ersten Weltkrieges. Schulklassen, Bürgermeister und Veteranen strömen dann zu den landauf, landab versprengten Soldatenfriedhöfen, um der Kriegsopfer zu gedenken. Schon Wochen zuvor laufen die Menschen mit kleinen, roten Mohnblumen-Ansteckern auf der Brust durch Londons Straßen.

Die Mohnblume (engl. poppy) soll - in Anlehnung an das Gedicht "In Flanders Fields" des Kanadiers John McCrae - die vom Blut der Soldaten rot getünchten Felder Belgiens ins Gedächtnis rufen, weshalb der Gedenktag auch Poppy Day genannt wird. Er geht zurück auf den Waffenstillstand von Compiègne im Jahr 1918, als das Deutsche Reich und die Westmächte in einem Eisenbahnwaggon die Kriegshandlungen für beendet erklärten: vom "elften Tag des elften Monats um elf Uhr" an.

In Deutschland, Liechtenstein, Luxemburg, Österreich und in der Schweiz hingegen beginnt am 11. November die närrische Jahreszeit. Traditionell galt in deutschsprachigen Ländern der Dreikönigstag am 6. Januar als Beginn der Fastnachtszeit. Doch im Jahr 1823 organisierte man sich neu. Um den Karnevalsumzug besser vorbereiten zu können, legte ein "Festordnendes Comité" in Köln die Saisoneröffnung damals auf den 11.11. Nach diesem Auftakt ruht der Karneval bis Januar. Nun macht die Schnapszahl allein noch keine Schunkelstimmung. Warum also haben die Karnevalisten ausgerechnet an der Elf einen solchen Narren gefressen?

Das Zahlwort elf stammt vom althochdeutschen "einlif" ab, was so viel wie "eins übrig" bedeutet. Denn die Elf ist die erste natürliche Zahl, die nicht mehr mit den eigenen Fingern abgezählt werden kann - ein kleiner Schritt, aber folgenreich: "Während die Zehn sinnbildlich für das Göttliche Gesetz und dessen Gebote steht, markiert die Elf die Schwelle ins Reich der Sünde und der Übertretung", erklärt Sigrid Krebs, Sprecherin des Festkomitee Kölner Karneval von 1823. "Die gewöhnliche Ordnung wird dann aufgehoben und die Narren übernehmen das Zepter."

Und noch eine Besonderheit steckt in der Jeckenzahl: Eins und Eins stehen nebeneinander, keine Zahl ist höher als die andere. Diese Gleichrangigkeit gelte auch im Karneval. "Da schunkelt der Auszubildende mit dem Vorstand und der Arbeitslose mit dem Sparkassenangestellten", erklärt die Karnevalsexpertin. Ein Brauch, der bis in die Antike zurückreicht, als die Römer ihren Göttern für die Gaben des Herbstes dankten. Damals waren es die Herren, die während des Saturnalienfestes ihre Sklaven beköstigten und den rex bibendi, den König des Trinkens, wählten.

In diesem Jahr wird der 11. November aber noch Anlass für ein weiteres Event sein: Der 11.11. 2011 beschert Deutschland einen für diese Jahreszeit ungewöhnlichen Hochzeitsboom. An dem beliebten Datum wollen deutlich mehr Paare heiraten, als an einem gewöhnlichen Freitag im November. "Uns erwartet ein regelrechter Jahrhundert-Trautag", prophezeit die Leiterin des Kölner Standesamtes, Angelika Barg. Normalerweise gäben sich im November dort lediglich 35 bis 40 Paare das Jawort. Diesmal seien es gleich 133 an nur einem Tag.

Das Besondere verbinde, erklärt der Kölner Psychologe und Paartherapeut Peter Groß den Hang zu solchen Terminen. Aber es gäbe auch einen ganz praktischen Grund, sich für den 11.11.11 zu entscheiden: "Ein Hochzeitstag, der eine Schnapszahl enthält, ist schlicht leichter zu merken."

Peter Schneider kann den Glücklichen zu ihrer Entscheidung nur gratulieren. Für den Numerologen steckt in der magischen Elf die "geballte Ladung derselben Kraft." Sechs mal die Eins, das sei wie ein Höchstgewinn beim Lotto. Die Eins stehe für Anfänge, Möglichkeiten und große Chancen. "Ein Tag wie geschaffen, um Dinge zu kreieren oder Firmen zu gründen." Oder eben zu heiraten.

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