100 Jahre Oktoberrevolution Liebesgrüße nach Moskau

Hans Georg Yourievsky ist Schweizer Geschäftsmann aus dem Hause Romanow. Was denkt der letzte Urenkel eines Zaren über die alte Heimat?

Von Frank Nienhuysen

Der Prinz kommt, und er weiß genau, wo es langgeht. Zuerst zur Ikone. Sie ist in der Mitte der Kirche in Brusthöhe ausgestellt, auf einem goldfarbenen Tuch, umrahmt von einem Gesteck aus roten, weißen und rosafarbenen Tulpen. Hans Georg Yourievsky bekreuzigt sich, er macht das russisch-orthodox. Drückt Daumen, Zeige- und Mittelfinger zusammen, führt sie zur Stirn und zum Bauch, zur rechten Schulter und dann zur linken. Ein Kuss auf die Ikone, und weiter zum gekreuzigten Jesus. Er küsst Jesus die Füße, zündet eine dünne Kerze an und steckt sie in den wuchtigen, silbernen Ständer.

Yourievsky schließt die Augen, versunken steht er nun da, kerzengerade, ein großer Mann im blauen Nadelstreifenanzug, hellem Hemd und mit feinem, dunkelblauem Halstuch. Er denkt gerade an einen anderen Prinzen, an Dmitrij Romanow, der vor wenigen Wochen in Dänemark gestorben ist. Yourievsky war auf seiner Beerdigung, man kannte sich.

Er geht oft in die russisch-orthodoxe Kirche. Sie liegt in einer kleinen Straße in der Nähe des Zürcher Universitätsviertels. Nebenan ein russischer Kindergarten, gegenüber gediegene Altbauvillen. Vor dreieinhalb Jahren hat er hier geheiratet. Der Priester setzte ihm und seiner Frau damals eine goldene Krone auf. Ein kurzer Film davon ist im Internet zu sehen, und wer sich nicht ganz auskennt im Hochzeitsritual der russischen Orthodoxie, den könnte das mit der Krone leicht auf falsche Gedanken bringen. Denn Yourievsky ist der Urenkel von Alexander II., er ist der letzte lebende Urenkel eines russischen Zaren. Die Krönung aber war ein reines Hochzeitssymbol.

Früher leitete er IT-Firmen, jetzt vermittelt er hochwertige Immobilien, auch an Russen

Im neuen Russland wird ja an die alten Zarenzeiten gerade wieder sehr oft erinnert. Ausstellungen werden gezeigt, neue Museen eröffnet, Gedenkfeiern geplant. Genau hundert Jahre ist es her, dass mit der Februarrevolution 1917 in Russland der letzte Zar, Nikolaus II., abdanken musste. Und damit eine der großen europäischen Herrscherfamilien, verbandelt, verwandt mit dem gesamten Adel des Kontinents. Mehr als 300 Jahre lang herrschten die Romanows in Russland, führten Kriege und vergrößerten das Imperium, schlossen Bündnisse und überlebten Aufstände. Es war eine Zeit von Armut und neuer Pracht, Hunger und Noblesse, eleganter Bälle und erschöpfendem Ringen um Landreformen, von Nationalismus und Frömmigkeit. In der Romanow-Dynastie spiegelte sich die ganze autoritäre Macht eines Imperiums, Triumphe und Tragödien. Dann begann ein Jahrhundert ohne Zarentum, mit Bürgerkrieg und der Geburt der kirchenfeindlichen Sowjetunion.

Hans Georg Yourievsky besucht oft die russisch-orthodoxe Kirche in Zürich, wo er lebt und arbeitet.

(Foto: Daniel Auf der Mauer)

Die Nachfahren der großen Romanow-Familie ließen sich damals quer in Europa und in der Welt nieder. Yourievsky, 55, ist in Graubünden aufgewachsen. Ein Schweizer, im Pass ein russisches Langzeit-Visum, gültig für drei Jahre.

Yourievsky war Mitte 30 und das junge Russland gerade mal sechs, als sich 1997 erstmals nach der Wende in Sankt Petersburg 15 Verwandte der Romanows trafen. Ein historisches Familientreffen. In einem verstaubten Dachzimmer der sommerlichen Zarenresidenz sah Yourievsky, wie die Welt der Monarchen wieder ein Stück weit hervorgezogen wurde, eine Angestellte zeigte ihm gestapelte, noch unregistrierte Gemälde, die Jahrzehnte lang niemand zu Gesicht bekommen hatte. Eines zeigte den kranken Alexander II. Als er kurz darauf in der frisch renovierten Blutskirche genau an der Stelle stand, an der sein Urgroßvater 1881 getötet wurde, liefen ihm Tränen übers Gesicht. Alle, die damals dabei waren, fanden es einen zutiefst bewegenden Moment. Der Glanz der Zarenzeit, gespiegelt in Erinnerungen. Auch deshalb hängt Yourievsky, der Prinz aus der Schweiz, so sehr an Russland.

Er hat Porzellanteller aus der Familienvitrine an russische Museen verschenkt, in Petersburger Antiquitätenläden stöberte er alte Ikonen auf und stiftete sie der russischen Kirche, der er auch mit Ratschlägen hilft und mit Spenden. In der Europäischen Universität von Sankt Petersburg sitzt Yourievsky im Kuratorium. Von seiner Herkunft allein kann er sich natürlich nichts kaufen. 18 Jahre lang hat er IT-Firmen geleitet, jetzt vermittelt er hochwertige Immobilien und Kunstgegenstände. Auch an russische Kunden.

Auf seiner Visitenkarte steht Prince & Princess George Yurievsky in geschwungenen Buchstaben unter dem Familienwappen. "Stolz ist ein heikles Wort", sagt er. "Ich bin sicher mehr mit der Vergangenheit konfrontiert als andere, und ich bin mir meines Stammbaums bewusst." Sehr bewusst. An seiner linken Hand trägt er einen goldenen Siegelring, in den er sich das Familienwappen prägen ließ: den russischen Doppeladler von Alexander II., und den Romanow-Greif.

Sein Urgroßvater Zar Alexander II. (1818 bis 1881) mit seiner Familie.

(Foto: Fine Art Images/SZ Photo)

Die russische Führung ist sich ebenfalls ihrer historischen Wurzeln bewusst. Und sie weiß sie zu nutzen in diesen heiklen Jubiläumszeiten. Die Revolutionäre von einst sind ja Jahrzehnte lang Helden gewesen, und Russland pflegt zuletzt auch wieder mächtig die Sowjetnostalgie - andererseits ist ein revolutionärer Umsturz auch nicht das, was der machtbewusste Kreml gerade ausgiebig feiern und gutheißen möchte. Und so versucht man sich in Moskau gerade an einer Art "Best of" der Geschichte - alter Zarenstolz und Sowjetnostalgie verschmelzen. Moskau jedenfalls findet einiges, was zum neuen Patriotismus durchaus passt.

Im Oktober, kurz vor dem Tod von Dmitrij Romanow, hatte Regierungschef Dmitrij Medwedjew diesem den Alexander-Newskij-Orden überreicht. Der Premier erinnerte daran, dass die Romanows über Generationen Russland gedient hätten und für den Staat "wichtigste Entscheidungen" getroffen hätten. Sie stellten ja auch Jahrhunderte die Zaren. Als Romanow an Silvester mit 90 Jahren starb, schickte Präsident Wladimir Putin der Witwe ein Telegramm. Er nannte ihn "einen echten Patrioten Russlands", der sein ganzes Leben lang eine "unzertrennliche geistige Verbindung zum Vaterland bewahrt hat".

Sehr gut kam im Kreml an, dass Romanow im Sommer die annektierte Krim besucht hat und in einer Zeremonie am Flughafen von Simferopol mit Pathos sagte, wie schwer es ihm an diesem Ort falle, über seine Emotionen zu reden. Und dass es ihn einfach nicht interessiere, "was in der Welt erzählt wird". Hans Georg Yourievsky denkt da sehr ähnlich wie sein entfernter Verwandter. Er sagt, "historisch war die Krim russisch". Aber völkerrechtlich gehört sie jetzt nun mal zur Ukraine.

Hans Georg Yourievsky

"Sie können 70 Jahre nicht so einfach wegwischen. Viele Russen sind ja von sowjetischen Eltern großgezogen worden. Dass Stalin historisch falsch und zu positiv dargestellt wird, das stört mich aber schon."

Russland, das ist für ihn eine Verpflichtung, eine Sehnsucht. Yourievsky, der sich als sehr religiös bezeichnet, liebt die Heimat seiner berühmten Vorfahren, aber die Sprache beherrscht er nur in Ansätzen, obwohl er drei Versuche gemacht hat, Russisch intensiver zu lernen. Seitdem der Westen Sanktionen gegen das Land verhängt hat, fallen seine Besuche dort kürzer aus. Aus zwei, drei russischen Monaten im Jahr sind zwei, drei Wochen geworden. Es ist zu spüren, wie sehr ihn dies ärgert. Es hat Auswirkungen auch auf seine Geschäfte, etwa weil der ein oder andere nicht nach Westen einreisen darf, um Immobilien zu inspizieren oder Geld blockiert sind. Er sagt, und das mit schwer unterdrücktem Groll: "Ich bedaure, dass die neutrale Schweiz bei den Sanktionen der Europäischen Union mitmacht und nicht genug Rückgrat zeigt."

Steckt so viel Erbe, so viel Russland in ihm, dass er das Gefühl hat, er müsse dessen Politik verteidigen? Es wirkt so. Vor zwei Jahren gehörte Hans Georg Yourievsky zu den Erstunterzeichnern einer Erklärung, an der sich Fürsten und andere Aristokraten beteiligten. Die Erklärung hieß "Solidarität mit Russland in Zeiten der ukrainischen Tragödie". Yourievsky rechtfertigt den Anschluss der Krim, "das schnelle, professionelle Eingreifen Russlands". Wenn man ihm das Völkerrecht entgegenhält, das Russland gebrochen hat, fragt er gereizt zurück, wo sich die USA denn ans Völkerrecht halten würden.

Es gibt da natürlich eine Sache, die auch dem Urenkel von Zar Alexander II. nicht passt. Dass viele Russen der Sowjetunion nachtrauern, Hammer und Sichel auf rotem Grund wieder ungemein schick sind, hält Yourievsky noch für verständlich. Obwohl es letztlich die preist, die einst die Monarchie abserviert haben. "Sie können 70 Jahre nicht so einfach wegwischen", sagt er. "Viele Russen sind ja von sowjetischen Eltern großgezogen worden." Aber der neue Trubel um den immer beliebter werdenden Diktator Stalin missfällt ihm sehr. "Stalin wird historisch falsch und viel zu positiv dargestellt", sagt er.

Wie genau nun dieses geschichtsträchtige Jahr 2017 in Russland begangen wird, ist noch immer nicht klar, obwohl es längst angebrochen ist. Ein gutes Dutzend Tage noch, und die 100 Jahre seit der Februarrevolution sind rum. Sicher, es wird Feiern geben, in Jekaterinburg, in Petersburg. Aber sie werden von der Kirche veranstaltet, von Museen, Stiftungen. Ob es auch einen Staatsakt gibt wie 1998, ist völlig unklar.

Yourievsky ahnt, dass es womöglich auch keinen geben wird. "Mein Eindruck ist, dass die Bälle gerade flach gehalten werden", sagt er. Putin ist bewusst, dass er einen Teil der Romanow-Geschichte würdigen kann, Kapitel von Großmacht und Grandezza. Aber der Präsident ist kein Romantiker, er weiß: Nicht einmal zehn Prozent der Russen wünschen sich die Monarchie zurück.