bedeckt München 30°

10 Jahre Viagra:Allzeit bereit

"Aufgeblasene Vorstellungen"

Seitdem hat das früher verschämt verschwiegene Thema die Tabuzone verlassen. "Männer gehen früher zum Arzt und reden mehr über diese Probleme", sagt Kliesch. Dazu trägt sicher die Hoffnung auf rasche Hilfe bei. Die PDE-5-Hemmer - neben Viagra die Präparate Levitra und Cialis - machen etwa 75 Prozent der Patienten wieder "beischlaf-fähig".

"Die Mittel wirken recht zuverlässig", sagt der Hamburger Urologe Hartmut Porst. "Die meisten Männer sind zufrieden." Allerdings kann eine stärkere Durchblutung anderer Körperregionen vorübergehend zu Kopfschmerzen, Schwindel oder Augenproblemen führen. "Das irritiert viele Männer zunächst, wird aber später als nicht mehr so gravierend empfunden", sagt Kliesch. Wer gegen Herzprobleme Nitrat-Präparate nimmt, muss auf PDE-5-Hemmer verzichten, da eine Kombination dieser Mittel den Blutdruck gefährlich sacken lässt.

PDE-5-Hemmer helfen zwar oft, aber sie heilen selten. Die meisten Patienten nehmen die Medikamente lebenslang - sofern sie es sich leisten können. Der Preis von 10 bis 15 Euro pro Pille, den die Kassen nicht erstatten, übersteigt laut Porst bei jedem dritten Patienten das Budget. Daher blüht der Schwarzmarkt über das Internet. "Ich warne die Patienten davor", sagt Porst. "Sie wissen nicht, was wirklich drin ist."

Trotz der illegalen Konkurrenz macht sich Viagra für Pfizer bezahlt: Das Mittel erzielte dem Konzern zufolge 2007 einen weltweiten Umsatz von 1,8 Milliarden Dollar (1,14 Milliarden Euro).

Die Behandlung mit Viagra und ähnlichen Medikamenten ist einfach - verführerisch einfach, warnt Abraham Morgentaler, Urologieprofessor an der Universität Harvard. "Es gibt zwei Wahrheiten über Viagra", sagt Morgentaler. "Für die Patienten ist es eine wunderbare Sache, sie sind glücklich. Aber viele Männer suchen mit Viagra nach persönlichem Glück in der Hoffnung, ein harter Penis könne Beziehungsprobleme lösen." Ein Irrglaube, warnt Morgentaler: Viagra fördere nur die Intimdurchblutung, nicht aber das Lebensglück an sich.

Der Professor beobachtet, wie immer mehr gesunde junge Männer Viagra benutzen. "Die nehmen jedes Mal eine Pille, wenn sie abends ausgehen", sagt Morgentaler. "Es gibt ihnen mehr Selbstvertrauen." Viele junge Männer hätten "völlig aufgeblasene Vorstellungen darüber, wie Sex sein sollte, weil sie im Internet Pornografie anschauen. Sie wollen ihr Männlichkeitsgefühl vergrößern." Kurzum: Wer immer können muss, will immer können. Doch solche Nutzer laufen Gefahr, psychisch von Viagra abhängig zu werden, warnt Morgentaler.

© AP/AFP/sueddeutsche.de/mmk

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite