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10 Jahre Viagra:Allzeit bereit

Vor zehn Jahren kam eine Pille für den Mann auf den Markt, die eine sexuelle Revolution auslöste. Die Verlockung der immanenten Potenz ist heute so groß, dass auch gesunde Männer zu Viagra greifen.

Ein Männertraum ging 1998 in Erfüllung: Eine kleine blaue Pille versprach nie versiegende Manneskraft. Viagra revolutionierte den Umgang mit Potenzstörungen. Statt in langwierigen Therapiesitzungen über mangelnde Erektionsfähigkeit zu reden und auf Besserung zu hoffen, können Männer heute mit einem Schluck zu voller Form zurückfinden.

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Die Angst vor der Flaute im Bett lässt selbst junge Männer zur blauen Pille greifen.

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Doch nicht nur das. Viagra hat auch die Sicht der Mediziner auf das gefüchtete, oft tabuisierte Problem verändert: "Wir haben gelernt, dass das Problem meist organisch bedingt ist", sagt die Andrologin Sabine Kliesch vom Universitätsklinikum Münster.

Zwar seien viele Männer nach einem Durchhänger beim Sex psychisch verunsichert, aber: "Eine rein psychisch bedingte erektile Dysfunktion ist die Ausnahme", betont die Ärztin.

Acht Prozent aller Männer haben laut Kliesch Erektionsstörungen, wobei der Anteil mit zunehmendem Alter stark steigt. Betroffen ist schätzungsweise jeder dritte Mann über 60 und jeder Zweite über 70. Und mit einem Anteil von rund 70 Prozent sind Gefäßstörungen die häufigste Ursache des Problems.

Ein glücklicher Zufall

Vor zehn Jahren mussten die Betroffenen - sofern sie überhaupt medizinische Hilfe suchten - auf abenteuerliche Mittel zurückgreifen und sich etwa Potenzmittel in den Schwellkörper spritzen, auf die dann eine Erektion von ein bis drei Stunden Dauer folgte. Nun schlucken Männer eine Tablette, deren Wirkung je nach Präparat zwischen einigen Stunden und drei Tagen andauert und die nicht zwangsläufig zu einer Erektion führt.

Der Grund: Nur bei Stimulierung wird im Schwellkörper der Botenstoff cGMP freigesetzt. Erektionsstörungen beruhen stets auf einem cGMP-Mangel. Viagra verstärkt nicht die Bildung des Botenstoffs, sondern hemmt das Enzym PDE-5, das ihn abbaut. So hält der PDE-5-Hemmer den Botenstoff über dem Schwellenwert, der für eine Erektion erforderlich ist.

Entdeckt wurde der Wirkmechanismus durch Zufall: Der Pharmakonzern Pfizer entwickelte 1989 den Wirkstoff Sildenafil zur Therapie der koronaren Herzkrankheit. Als auffällig viele männliche Teilnehmer der Teststudien von Erektionen erzählten, erforschte Pfizer diese Nebenwirkung. Nachdem die USA bereits im Frühjahr 1998 dem Medikament die Zulassung erteilten, kam es im Herbst des selben Jahres auch in Deutschland auf den Markt.

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Allzeit bereit

"Aufgeblasene Vorstellungen"

Seitdem hat das früher verschämt verschwiegene Thema die Tabuzone verlassen. "Männer gehen früher zum Arzt und reden mehr über diese Probleme", sagt Kliesch. Dazu trägt sicher die Hoffnung auf rasche Hilfe bei. Die PDE-5-Hemmer - neben Viagra die Präparate Levitra und Cialis - machen etwa 75 Prozent der Patienten wieder "beischlaf-fähig".

"Die Mittel wirken recht zuverlässig", sagt der Hamburger Urologe Hartmut Porst. "Die meisten Männer sind zufrieden." Allerdings kann eine stärkere Durchblutung anderer Körperregionen vorübergehend zu Kopfschmerzen, Schwindel oder Augenproblemen führen. "Das irritiert viele Männer zunächst, wird aber später als nicht mehr so gravierend empfunden", sagt Kliesch. Wer gegen Herzprobleme Nitrat-Präparate nimmt, muss auf PDE-5-Hemmer verzichten, da eine Kombination dieser Mittel den Blutdruck gefährlich sacken lässt.

PDE-5-Hemmer helfen zwar oft, aber sie heilen selten. Die meisten Patienten nehmen die Medikamente lebenslang - sofern sie es sich leisten können. Der Preis von 10 bis 15 Euro pro Pille, den die Kassen nicht erstatten, übersteigt laut Porst bei jedem dritten Patienten das Budget. Daher blüht der Schwarzmarkt über das Internet. "Ich warne die Patienten davor", sagt Porst. "Sie wissen nicht, was wirklich drin ist."

Trotz der illegalen Konkurrenz macht sich Viagra für Pfizer bezahlt: Das Mittel erzielte dem Konzern zufolge 2007 einen weltweiten Umsatz von 1,8 Milliarden Dollar (1,14 Milliarden Euro).

Die Behandlung mit Viagra und ähnlichen Medikamenten ist einfach - verführerisch einfach, warnt Abraham Morgentaler, Urologieprofessor an der Universität Harvard. "Es gibt zwei Wahrheiten über Viagra", sagt Morgentaler. "Für die Patienten ist es eine wunderbare Sache, sie sind glücklich. Aber viele Männer suchen mit Viagra nach persönlichem Glück in der Hoffnung, ein harter Penis könne Beziehungsprobleme lösen." Ein Irrglaube, warnt Morgentaler: Viagra fördere nur die Intimdurchblutung, nicht aber das Lebensglück an sich.

Der Professor beobachtet, wie immer mehr gesunde junge Männer Viagra benutzen. "Die nehmen jedes Mal eine Pille, wenn sie abends ausgehen", sagt Morgentaler. "Es gibt ihnen mehr Selbstvertrauen." Viele junge Männer hätten "völlig aufgeblasene Vorstellungen darüber, wie Sex sein sollte, weil sie im Internet Pornografie anschauen. Sie wollen ihr Männlichkeitsgefühl vergrößern." Kurzum: Wer immer können muss, will immer können. Doch solche Nutzer laufen Gefahr, psychisch von Viagra abhängig zu werden, warnt Morgentaler.

© AP/AFP/sueddeutsche.de/mmk

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