90. Geburtstag Prinz Philip King of Comedy

Die einen halten ihn für ein frauen- und fremdenfeindliches Ekelpaket, andere für einen schrullig charmanten Querdenker. Fest steht: Nie war Prinz Philip, Ehemann der britischen Königin, wertvoller als heute - an seinem 90. Geburtstag.

Von Wolfgang Koydl

Eines ist sicher: Der Mann ist ein Anachronismus, ein Mensch, der in unsere Zeit gespült und dort zurückgelassen wurde wie ein Findling von einem Gletscher. In seinem Denken und Handeln ist Prinz Philip, der Ehemann der britischen Königin Elisabeth, irgendwo in den späten fünfziger, frühen sechziger Jahren stehengeblieben: Als Frauen noch den Mund hielten und am heimischen Herd standen, als Schwarze noch Neger hießen und Kräuselhaar trugen und Ausländer vor allem dankbare Witzobjekte waren.

Nein, dem jeweils wehenden Zeitgeist hat Prinz Philip, der nun 90 Jahre alt wird, nie irgendwelche Zugeständnisse gemacht, ebenso wenig wie er sich irgendwelchen gesellschaftlichen Gepflogenheiten unterwarf. Er verknüpft die bornierte Dickfelligkeit eines Borgia-Papstes mit den Umgangsformen eines Fischhändlers. Das Beste, was man über ihn sagen kann, ist, dass er sich stets treu geblieben ist. Nur: Macht ihn das zu einem arroganten, frauen- und fremdenfeindlichen Ekelpaket oder zu einem schrullig charmanten Querdenker?

Die Meinungen darüber gehen weit auseinander - je nachdem, welches Jahr man nun unter die Lupe nimmt. Denn derweil der Herzog von Edinburgh - so sein offizieller Titel - zu seinem 85. Geburtstag noch mit Adjektiven wie taktlos, grob, unverschämt, überheblich und instinktlos überschüttet wurde, so wird er heute als leuchtendes Beispiel einer leider untergegangenen Lebensart gepriesen. Pflichtbewusstsein, Diskretion, Mitgefühl und Freundlichkeit sind jetzt die Attribute, die ihm die Landespresse großzügig zuschreibt.

Selbst die zahllosen Beleidigungen, die unzähligen Fettnäpfe, in die er bei Auslandsreisen und Empfängen trat, werden mittlerweile verklärt. "Na, bewerft ihr Leute euch noch immer mit Speeren?", fragte er einmal eine Gruppe von australischen Ureinwohnern zum großen Gaudium der mitreisenden britischen Journalisten. Doch inzwischen rät ihnen ein Kollege, der damals dabei war, zu Scham und Reue. Der Prinz, schrieb Alan Hamilton in der Times, habe nur seine Hausaufgaben gemacht. Denn jene in der australischen Gesellschaft durchaus assimilierten Aborigines hielten an einem uralten Speerwurfritual fest, was Philip lobend erwähnt haben wollte.

In einige der prinzlichen Äußerungen kann man in der Tat Ironie und Sarkasmus hineinlesen - etwa, als er Helmut Kohl einmal mit "Herr Reichskanzler" ansprach oder dem paraguayischen Dauerdiktator Alfredo Stroessner versicherte, wie schön es sei, wieder einmal in einem Land zu weilen, in dem nicht das Volk das Sagen habe. Es ist freilich unsicher, ob die Antennen der derart Angesprochenen die nötige Feinabstimmung für ironische Untertöne besaßen.

Seit 60 Jahren steht Philip seiner Frau nun zur Seite - durch all die dramatischen Scheidungs- und Familiendramen des Clans ebenso wie durch die freudigeren Ereignisse. Zuletzt sah man ihn bei der Hochzeit seines Enkels William mit Kate Middleton in der Kirche und auf dem Palastbalkon. Nicht einmal seine schärfsten Kritiker würden behaupten, dass er dabei gebrechlich gewirkt habe. Er hält sich mit Schwimmen und Gewichtheben fit und absolviert mit Pferdekutschen schwierige Parcours. In diesem Jahr nimmt er immer noch 300Termine wahr, allerdings 100 weniger als 2010. Doch mit neun Lebensjahrzehnten, so meint er, hätte er das Recht erworben, ein wenig kürzer treten zu dürfen.

Elisabeth war 13 Jahre alt, als sie den schneidigen, aber verarmten 18-jährigen Spross der dänischen und griechischen Königshäuser zum ersten Mal sah. Als Philip ein Jahr alt war, musste die Familie 1922 aus dem chaotischen Nachkriegs-Griechenland flüchten, weil seinem Vater Andreas ein Todesurteil vor einem Revolutionstribunal drohte. Bis heute hat die Queen daher kein einziges Mal die Heimat ihres Mannes besucht.

Für seine Frau gab Philip nicht nur eine erfolgversprechende Karriere bei der Royal Navy auf, sondern auch seinen Familiennamen Mountbatten. Elisabeths Vater, König Georg VI., der Kronrat, und der damalige Premierminister Winston Churchill bestanden darauf, dass das Herrscherhaus den Namen Windsor beibehielt. Es dauerte viele Jahre, bis Philip diese, wie er es sah, Schmähung, verwand. Inzwischen hat er sich jedoch längst mit seiner Rolle immer einen Schritt hinter der Queen abgefunden. Als er in einem Fernsehinterview zu seinem Geburtstag nach seinen stolzesten Leistungen gefragt wurde, blickte er ein wenig ratlos drein: "Wen interessiert es schon, was ich davon halte?", erwiderte er schließlich. "Das ist doch lächerlich."

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