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Zwischenstopp:Harriersand

Nach Ansicht der asiatischen Meister eignen sich fade Orte, also solche, an denen oberflächlich betrachtet nicht viel los ist, in besonderem Maße für die ästhetische Erfahrung. Das gilt zum Beispiel für Brake. Und es gilt vor allem für Harriersand.

Von Marion Poschmann

Für unsere Sommerserie haben wir Autorinnen und Autoren um Texte über Transiträume und Haltestellen aller Art, Orte des Aufbruchs oder Innehaltens in nah und fern gebeten.

Seit einigen Jahren verfolge ich ein Fade-Orte-Projekt. Nach Auffassung der ostasiatischen Meister eignen sich fade Orte, also Orte, an denen, oberflächlich betrachtet, nicht viel los ist, in besonderem Maße für ästhetische Erfahrung. Sie bringen den Geist zur Ruhe, ermöglichen Subtilität der Wahrnehmung, verhelfen zur Selbsterkenntnis. Brake in der Wesermarsch ist solch ein fader Ort. Ich war auf Lesereise im Oldenburger Land, ich kam aus Lohne, ich würde nach Cloppenburg weiterfahren, ich hatte für Brake einen Tag Zeit. Wie verbringt man Zeit an einem faden Ort?

Ich setzte mit der Fähre über nach Harriersand. Eine Flussinsel ist ein merkwürdiger Hybrid. Die Weserinsel Harriersand sieht von Brake her wie das andere Ufer aus, sie ist schmal und langgezogen, aber es handelt sich um eine echte Insel, die man nur auf dem Weg über das Wasser erreicht. Es ist ganz leer an der Anlegestelle, meine Schritte hallen wie in einem Geisterfilm über das Wasser, ich bin der einzige Fahrgast. Der Kapitän verkauft mir einen Fahrschein für Hin- und Rückfahrt, dann erklimmt er die Treppenstufen zu seinem Steuerrad. Ein junger Mann, sagt man Matrose? Praktikant? ist dafür zuständig, die Gangway einzuholen, das Tau zu lösen und den Einstieg zu schließen.

Er arbeitet rasch und sorgfältig, mit den präzisen Bewegungen eines Teemeisters, er nimmt seine Sache ausnehmend erst. Die Tätigkeit dauert insgesamt etwa sechzig Sekunden, dann lässt er sich mit ausgebreiteten Armen auf eine Bank fallen und sonnt sich. Was für ein Arbeitstag: Die Fähre geht stündlich hin und zurück, pro Stunde hat der Matrose maximal zwei Minuten zu tun, die restliche Zeit muss irgendwie herumgebracht werden. Was tut er die ganze Zeit auf dem Schiff?

Das Licht ist wichtig. Es bildet auf dem Wasser einen eigenen Raum, einen goldenen Wasserpalast

Am anderen Ufer steigt niemand ein. Erst als ich schon ein gutes Stück auf der Insel bin, kommt mir in rasendem Tempo ein Radfahrer entgegen, wandertourmäßig bepackt, der die Fähre noch mitbekommen will. Ich sehe von Weitem, dass er es schafft. Ein schmaler Plattenweg führt durch eine Ferienhaussiedlung, der Flieder blüht, zwei ältere Leute stehen am Gartenzaun und unterhalten sich, es ist sehr ruhig. Ich habe meine Badesachen dabei und gehe zum Strand. Harriersand, ein langer Sandstrand, Dünengras, dahinter die maigrüne Siedlung. So üppig und idyllisch die Insel auch ist: Man blickt von hier aus auf den Hafen von Brake, eine gigantische Wand aus Frachtern und Betontürmen, Getreidesilos, Krananlagen, Stahl.

Die Weser ist um diese Jahreszeit noch kühl, aber so kühl nun auch wieder nicht. Kein Eisloch, kein finnischer See im November; im Mai lässt es sich in der Weser gut schwimmen. Die Strömung ist allerdings stark, ich schwimme gegen sie an, behalte dabei einen Baum am Ufer im Auge, der immer auf gleicher Höhe bleibt. Ich schwimme aus voller Kraft und bewege mich nicht von der Stelle.

Auf der Braker Uferseite hatte ich einen Schwimmer gesehen, der sich in ungeheurer Geschwindigkeit mit dem Strom treiben ließ. Er trug eine Badekappe, eine Schwimmbrille, kraulte sportlich und trat erst mehrere Kilometer flussabwärts wieder an Land. Jetzt passiert gar nichts, ich schwimme und schwimme, aber nichts verändert sich, der Baum bleibt an seinem Platz, und alles hält an.

Ich stecke im Wasser fest, stecke in den Wolken, die sich auf der Oberfläche spiegeln, die Wolken sind wichtig. Das Licht ist wichtig. Es bildet auf dem Wasser einen eigenen Raum, einen goldenen Wasserpalast, der beständig zerrinnt. In der Nacht ziehen die Weserschiffe an meinem Fenster vorbei. Lange Kähne, Blinklichter im öligen Dunkel, das Wasser schlägt klatschend durch die Scheibe, die Wellen rollen bis in den Schlaf.

Wie verbringt man Zeit an einem faden Ort? Man wartet so lange, bis die Zeit stillsteht. Dann kommen Kinder über den Sand. Ich trockne mich ab, ziehe mich an und fahre mit der nächsten Fähre zurück. Der Matrose sitzt wieder auf der Bank, die Arme weit ausgebreitet, als wolle er damit die große Weser zum Stoppen bringen.

Marion Poschmann, geboren 1969 in Essen, lebt als freie Autorin in Berlin. In Kürze erscheint ihr Roman "Die Kieferninseln" im Suhrkamp Verlag.

© SZ vom 05.09.2017

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