Zwischenstopp Auf großer Fahrt

Für unsere Sommerserie haben wir um Texte über Orte des Aufbruchs oder Innehaltens, über Transiträume und Haltestellen aller Art in nah und fern gebeten: Teresa Präaauer plant ein Abenteuer.

Für unsere Sommerserie haben wir Autorinnen und Autoren um Texte über Orte des Aufbruchs oder Innehaltens, über Transiträume und Haltestellen aller Art in nah und fern gebeten.

Mit Schulfreundin Tina habe ich mich einmal auf ganze große Fahrt begeben. Wir hatten am Vorabend unsere Rucksäcke gepackt, stellten unsere schweren Schuhe vor die Wohnungstür, jede für sich, ich in St. Johann im Pongau, Schulfreundin Tina in Großarl. Unsere Herzen klopften, als wir uns, jede für sich in ihr Bett, schlafen legten und den nichtsahnenden Eltern eine Gute Nacht wünschten. Schulfreundin Tina und ich hatten in der Vorwoche Atlanten gewälzt, die Pausen zwischen den Schulstunden genutzt in der Bibliothek, verschanzt hinter den Prachtbänden von Grzimeks Tierleben. Für eine Vorbereitung, die wir akribische Vorbereitung genannt hatten in unserem gemeinsamen Reisetagebuch.

Tag 1, stand da geschrieben, mit Neonmarker hervorgehoben. Tag 2. Tag 3. An Tag 4 hatte ich Schulfreundin Tina darüber aufgeklärt, wie, laut Karl May, ein Indianer einem Cowboy den Adamsapfel in den Hals drücken würde, um seinen Gegner zu bezwingen. Ich sagte zu ihr, sie müsse es mit aller Muskelkraft und beherzt unternehmen, wenn wir erst einmal im Westen angekommen wären. Schulfreundin Tina sah mich mit ernster Miene an, kaute an ihrem blauen Kaugummi und nickte. Wir rechneten weder mit Cowboys noch mit Indianern. Und mit deinen Eltern?, fragte Schulfreundin Tina. Ich zuckte mit den Schultern. Karl May hatte keinen Rat parat für zwei Schulfreundinnen, die gar nicht erst zu fragen wagten, ob sie sich denn auf große Fahrt begeben dürften.

Niemals hätten wir unseren Vätern den Adamsapfel in den Hals gedrückt oder unseren Müttern das Nasenbein ins Hirn geschossen. Immerhin verdankten wir ihnen doch unser Leben, sagten Schulfreundin Tina und ich. Tag 5: Fälschung zweier Unterschriften. Aus familiären Gründen ist es Martina Fröschl und Teresa Präauer bedauerlicherweise nicht möglich, fürderhin am Unterricht teilzunehmen, mit freundlichen Grüßen. Darunter zweimal unleserliches Erwachsenengeschmiere als Unterschrift, ein Datum, ein Kuvert. Ein wasserdichtes Alibi, sagte Schulfreundin Tina. Effektivität bestimmt das Handeln, sagte ich, und Schulfreundin Tina erkannte den Text sofort und sagte: Major Tom. Tag 6 verstrich dann ereignislos.

Tag 7 war kein Sonntag, doch wir sahen, dass wir gut vorbereitet waren. Wir verließen die Wohnung, jede für sich, so wie an jedem anderen Wochentag auch. Schulfreundin Tina nahm den Schulbus von Großarl nach St. Johann im Pongau, ich ging lediglich über die Straße zu unserem Nachbarhaus, das schon die Schule war. Von dort aus marschierten wir, unauffällig pfeifend, mit unseren Rucksäcken und in schweren Schuhen vom Obermarkt in den Untermarkt. Am Bahnhof St. Johann im Pongau warteten wir auf den Zug und verglichen den Inhalt unserer Rucksäcke. Schulfreundin Tina hatte mit Schokoriegeln gefüllte Semmeln eingepackt, außerdem Cola und Zigaretten aus der Kellerdisco ihrer Eltern. Ich hatte zwei Regenjacken für uns dabei, Karl May und ein Axe-Sprühdeo. Axeee!, rief Schulfreundin Tina wie in der Werbung. Und wir waren ja auch auf Achse. Ich klatschte in ihre erhobene flache Hand, als der Zug einfuhr. Jetzt aber!

Jetzt aber sofort einsteigen, gleich in der Toilette verschwinden und die Tür hinter uns zusperren. Bis Bischofshofen rauchten wir gemeinsam eine Zigarette und sprühten mit Deo nach. Schulfreundin Tina hob ihre Arme und rief noch einmal: Axeee! Ich sprühte uns beide von oben bis unten ein, zusammen mit dem Zigarettenrauch ergab das den Moschus-Duft von Abenteuer. Bei Bischofshofen sprangen wir aus dem Zug, der Schaffner rief uns noch nach. Wir liefen über die Gleise in Richtung der Bahnhofshalle und lachten.

In der Bahnhofshalle sage ich: Tina, da ist deine Mutter. Tina sagt mit der Stimme eines zahmen kleinen Moschusochsenbabys: Hallo, Mutter. Hallo, Frau Fröschl, sage ich, weit sind wir gekommen. Noch bevor sie eigentlich begonnen hatte, unsere große Fahrt, saßen wir bereits wieder im Zug retour nach St. Johann im Pongau. Ohne Cola und ohne Zigaretten, und ohne Karl May. Der hat sich nämlich nicht aufhalten lassen.

Teresa Präauer, geboren 1979, lebt in Wien. 2016 erschien ihr Roman "Oh Schimmi".