NS-Zwangsarbeiter:"In Neuaubing herrschte der Hunger"

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NS-Zwangsarbeiter: Ein Bild von Luigi Ganora, gehalten von Sohn Pier Vanni.

Ein Bild von Luigi Ganora, gehalten von Sohn Pier Vanni.

(Foto: Alessandra Schellnegger/Alessandra Schellnegger)

Das spätere Leben vieler ehemaliger Zwangsarbeiter aus der NS-Zeit eint, dass sie wenig erzählten. Doch was wissen die Nachfahren? Zu Besuch bei Familie Ganora.

Von Alex Rühle

Die Geschichte von Luigi Ganora (* 30.03.1922 in Sala Manferrato, Piemont, + 29.06.2003 ebendort). Erzählt von seinem Sohn Pier Vanni Ganora:

"Danke, dass Sie extra aus Deutschland gekommen sind. Aber ich habe leider nichts zu erzählen, ich weiß nichts. Mein Vater hat nichts erzählt. Ich hab nur diese Dokumente und das Familienalbum. Wenn er das aufgeschlagen hat, hat er immer sofort geplaudert, die sieben Geschwister, das Leben auf dem Land ... Er war ein sehr guter Tänzer und sehr gesellig, aber die Zeit in Deutschland, die hat er tief in sich weggesperrt.

Was ich weiß: Er war gerade in Montenegro stationiert, als sie von den Deutschen entwaffnet und deportiert wurden. Und in Neuaubing herrschte der Hunger. Extremer, grausamer Hunger. Es gab Bombardierungen. Einmal ist er eingebrochen in den Brotschrank. Auf dem täglichen Weg zur Arbeit wurden sie regelmäßig von Kindern angespuckt. Nach der Befreiung ist er zu Fuß über den Brenner. Auf dem Weg hat er sich aus alten Zugvorhängen notdürftigste Kleidung gemacht. Seine eigene Schwester hat ihn nicht erkannt, als er auf dem elterlichen Hof ankam, er musste ihr seinen Namen nennen, so dünn war er. Mehr weiß ich nicht."

NS-Zwangsarbeiter: Kann sich die Vergangenheit nur über Dokumente erschließen: Pier Vanni Ganora.

Kann sich die Vergangenheit nur über Dokumente erschließen: Pier Vanni Ganora.

(Foto: Alessandra Schellnegger/Alessandra Schellnegger)

Pier Vanni Ganora verstummt. Seine Frau erzählt von ihrem Vater, der bei der Entwaffnung durch die Deutschen in einen Kasernenhof gebracht wurde. Da war ein Tisch gedeckt, und die Deutschen haben gesagt: Entweder du kämpfst für Mussolini oder du kommst nach Deutschland. Er konnte fliehen und war dann bei den Partisanen. Nach dem Krieg hat er gern davon erzählt, auch sie erzählt all das munter, fast stolz.

"Na ja", sagt Pier Vanni Ganora, "das ist die andere Geschichte. Da redet es sich leichter, das wollten alle gern hören. Mein Vater hat nie Entschädigung bekommen. Geschweige denn Anerkennung. Nach dem Krieg hat er in Turin erstmal Eisenbahnwaggons ausgebessert, wie in Neuaubing. Er war dann ein Leben lang bei Fiat angestellt. (Ganora weint.) Mir bleibt nur dieser Schmerz. Warum hab ich ihn nicht gefragt. Es tut mir sehr leid, dass ich Ihnen nicht mehr erzählen kann."

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