NS-Zwangsarbeiter:"Unser Vater hat nie irgendeinen Groll gegen die Deutschen empfunden"

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NS-Zwangsarbeiter: Ein Bild des verstorbenen Francesco di Nuzzo, gehalten von seinen Kindern.

Ein Bild des verstorbenen Francesco di Nuzzo, gehalten von seinen Kindern.

(Foto: Alessandra Schellnegger/Alessandra Schellnegger)

Das spätere Leben vieler ehemaliger Zwangsarbeiter aus der NS-Zeit eint, dass sie wenig erzählten. Doch was wissen die Nachfahren? Zu Besuch bei Familie di Nuzzo.

Von Alex Rühle

Die Geschichte von Francesco di Nuzzo (* 14.03.1921 in Acerra bei Neapel, + 10.09.1986 in Malgolo, Trient), erzählt von seinen vier Kindern Cecilia, Loredana, Mario und Sandro:

"Unser Vater hat sein Leben lang so viel gearbeitet, da war keine Zeit für Aufarbeitung. Und er ist ja schon mit 65 gestorben, da waren wir alle noch zu jung, als dass wir wirklich hartnäckig gefragt hätten.

Papa hat nur formelhaft von der Zeit als Zwangsarbeiter erzählt, 'grandi deprivazioni', große Entbehrungen ... Er hat in Neuaubing all seine Zähne verloren. Als er wiederkam, wog er noch 37 Kilo. Danach herrschte über dieses Kapitel das große Schweigen im ganzen Land, alle wollten vergessen. Aber der Körper vergisst nicht. Im Grunde ist unser Vater an den Spätfolgen der Neuaubinger Zeit gestorben, das Herz, die Nieren, am Ende ist alles kollabiert.

Wir wissen, dass in Neuaubing dieses Reichsbahnausbesserungswerk war, in dem kaputte Waggons repariert wurden. Aber wir vermuten manchmal, dass er in der Lagerküche gearbeitet hat, weil er öfters diese eine Geschichte erzählt hat von einem anderen Gefangenen, der in den Abfällen nach Essen suchte. Und dem hat er zugeflüstert, dass er ihm abends ein Paket mit Essensresten im Müll versteckt. Andererseits - wenn er in der Küche gearbeitet hat, warum hat er dann all seine Zähne verloren?

NS-Zwangsarbeiter: In München geboren: Die Geschwister di Nuzzo betreiben heute in Italien das Lokal des Vaters weiter.

In München geboren: Die Geschwister di Nuzzo betreiben heute in Italien das Lokal des Vaters weiter.

(Foto: Alessandra Schellnegger/Alessandra Schellnegger)

Na ja, und sieben Jahre später dann diese unglaubliche Verwechselung. Er hat damals in San Remo in einer Eisdiele gearbeitet, als ein Freund ihm einen Job in Monaco anbot. Papa dachte, er kommt an die Côte d'Azur und ist stattdessen in Monaco di Baviera gelandet, ausgerechnet. In München also, auf der Maximilianstraße, im feinen Ristorante Roma, wo er unsere Mutter kennengelernt hat. Wir sind dann alle vier in München geboren und in einer Wohnung in der Schwanthalerstraße 58 aufgewachsen, direkt an der Theresienwiese. Später hat er dann sogar ein eigenes Restaurant aufgemacht, das Fontana di Trevi, das war superchic damals, mit lauter Promi-Unterschriften an den Wänden. Und nachts hat er immer, immer hinter der Küche die Essensreste an arme Landsleute verteilt.

Unser Vater hat nie irgendeinen Groll gegen die Deutschen empfunden

Als ich (Sandro, geboren 1960) in die Grundschule kam, musste ich als Italiener in der letzten Bank sitzen, da hinten gab's das 'Italiener-Eck'. Wir waren die Außenseiter. Bis eines Tages die ersten Türken kamen. Von dem Tag an haben mich die Deutschen mitspielen lassen, wir haben dazugehört, und die Türken waren die Fremden.

Unser Vater hat nie irgendeinen Groll gegen die Deutschen empfunden. Er wurde als Süditaliener hier in Norditalien ja genauso diskriminiert wie in Deutschland. 'Terrone' hieß er, das ist ein Schimpfwort für die Süditaliener, und unsere Mutter musste sich jahrelang Sätze anhören, wie sie manche heute von ihren reaktionären Eltern zu hören kriegen, wenn sie einen Afrikaner heiraten. Dabei hat er hier im Dorf die gute Küche eingeführt, frische Nudeln, richtige Pizza, wir kochen bis heute nach seinen Rezepten, inklusive der 'Zuppa Romana' , die er damals in München erfunden hat. Das gab immer wieder ein großes Hallo, wenn Münchner Gäste hier im Nerina die Speisekarte lasen, sich wunderten und dann erfuhren, dass er, Francesco di Nuzzo, diese Nachspeise in den fünfziger Jahren auf der Maximilianstraße kreiert hat. Dass er in derselben Stadt nur wenige Jahre zuvor fast am Hunger, Überarbeitung und Kälte gestorben wäre, hat er nie dazu erzählt. 16 Jahre war er in München, von 1952 bis 1968, aber nach Neuaubing ist er in der ganzen Zeit kein einziges Mal gefahren.

Im Zimmer unserer Eltern stehen bis heute eigentlich nur die Möbel, die sie in den Fünfzigerjahren in München gekauft haben, fast wie ein Museum."

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