Zuwanderung:Solange Flüchtlinge im Lager sitzen, kann Integration nicht beginnen

As Refugee Flow Ebbs Germany Concentrates On Integration

Geflüchtete mit subsidiärem Schutzstatus müssen mindestens zwei Jahre warten, bis sie Familiennachzug beantragen können.

(Foto: Sean Gallup/Getty)

Integration funktioniert nur über gesellschaftliche Teilhabe. Flüchtlinge dürfen nicht allein als Empfänger von Zuwendungen betrachtet werden - auch die gut gemeinte, private Spende kann schaden.

Gastbeitrag von Philipp Ther

Die gegenwärtige Debatte über die Flüchtlinge folgt einer dramatisierenden Dialektik, die aus der Feder eines Theaterautors stammen könnte. Die Flüchtlingskrise, die aus historischer Sicht gar nicht so krisenhaft oder außergewöhnlich ist, spaltet seit einem Jahr die Gesellschaft und Politik in Deutschland und Europa. Daher bedarf es der dialektischen Aufhebung dieser Spaltung und diese liegt im Begriff der Integration. Würde man eine Meinungsumfrage erstellen, was die Deutschen, die Österreicher oder andere europäische Nationen von der Integration halten, würde man vermutlich sehr hohe Zustimmungswerte erhalten. Sogar AfD- oder FPÖ-Wähler würden wohl antworten, dass sie eine (normativ verstandene) Integration irgendwie gut und wichtig finden.

Weil diese Aufgabe so wichtig ist, hat sie jüngst der Gesetzgeber in die Hand genommen. Das Bundesinnenministerium hat jetzt die ersten Eckpunkte für ein Integrationsgesetz veröffentlicht, offenkundig in der Erwartung, dass man Integration gesetzlich verordnen oder jedenfalls regulieren kann. In eine ähnliche Richtung geht die "Integrationspflicht", die jüngst von der deutschen Wirtschaft und diversen Politikern gefordert wurde. Aber was bedeutet eigentlich Integration?

Sie ist ein zwei- oder mehrseitiger Prozess, keine einseitige Anpassung einer Minderheit an die Mehrheit wie bei einer Assimilation. Auf dieser Einsicht gründet die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Integration, die auf den französischen Soziologen Emile Durkheim zurückgeht. Er interessierte sich vor gut hundert Jahren dafür, was eine Gesellschaft zusammenhält, wenn ihre traditionellen Bindungen verloren gehen (und zwar durch die Arbeitsteilung des modernen Kapitalismus, davon handelte sein Buch von 1893). Durkheim vertrat das Ideal einer integrierten Gesellschaft, Desintegration war der negativ besetzte Gegenbegriff dazu. Insofern beruht der heutige normative Konsens über die Integration als Endziel der Flüchtlingspolitik auf einem sehr alten Begriffsverständnis.

Hat spätestens mit der Neujahrsnacht in Köln eine schleichende Exklusion begonnen?

Zwei führende Soziologen des zwanzigsten Jahrhunderts, Talcott Parsons und Niklas Luhmann, entwickelten Begriff und Debatte weiter, indem sie Integration funktionalistisch betrachteten, als Inklusion verschiedener gesellschaftlicher Teilbereiche und Teilhabe an einem wirtschaftlichen und sozialen System. Das mag etwas abstrakt klingen, aber es kann zum Nachdenken anregen.

Werden die Flüchtlinge, nachdem sie in Deutschland oder Österreich angekommen sind, tatsächlich in den Arbeitsmarkt, den Alltag der Mehrheitsgesellschaft und das politische System inkludiert? Oder hat spätestens mit der Neujahrsnacht in Köln eine schleichende Exklusion begonnen?

Zwar war der Anteil der Deutschen und Österreicher, die sich 2015 für die "Willkommenskultur" engagierten, mit bis zu zehn Prozent der Bevölkerung sehr hoch - hier zeigt sich der Unterschied zum postkommunistischen Europa, wo dieses zivilgesellschaftliche Engagement bei etwa einem Prozent verharrte (man kann es diesen Gesellschaften nicht einmal übel nehmen; in Ungarn attackierte die eigene Regierung die Freiwilligen als Fluchthelfer, das schreckt von weiterem Engagement ab, die FPÖ argumentiert ähnlich aggressiv gegen die österreichischen "Gutmenschen"). Aber statt einer Willkommenskultur, die auf einem schwammigen Kulturbegriff beruht, bedarf es nun durchdachter Integrationskonzepte.

Historisch betrachtet bestimmten vier Dimensionen den Verlauf von Integration. Die rechtliche Gleichstellung (in Form grundlegender sozialer Rechte und/oder der Staatsbürgerschaft), die Ausstattung mit Wohnraum und das alltägliche Lebensumfeld, die berufliche Integration sowie schließlich, als höchste Stufe der Integration (sofern man diese in Stufen betrachten will, denn oft verläuft sie nicht als linearer Prozess) das Heiratsverhalten bzw. die Vermischung mit der Mehrheitsgesellschaft.

Solange ein Großteil der Flüchtlinge im Lager sitzt und nicht einmal einen Antrag auf Asyl stellen darf, kann die Integration nicht beginnen. Das Lager ist der Antipode der Inklusion, es ist ein Symbol der Exklusion, das die lange Geschichte der Flüchtlinge im modernen Europa leider allzu oft begleitet hat.

Flüchtlinge dürfen nicht allein als Empfänger von Zuwendungen dargestellt werden

Auf die Dauer noch wichtiger ist die bereits genannte Partizipation. Um die ist es ist nicht gut bestellt, so lange Flüchtlinge in erster Linie als Empfänger von Zuwendungen betrachtet werden, seien es staatliche Sozialleistungen oder gut gemeinte private Spenden, für die meist mit dem Bild elender und schicksalsergebener Flüchtlinge geworben wird.

Zu diesen Bildern sei hier nur kurz angemerkt, dass syrische Flüchtlinge, die auf der Balkanroute nach Deutschland kamen, acht Staatsgrenzen und eine Entfernung von mehr als 4 000 Kilometern überwinden mussten. Inwieweit kann man die offensichtlich vorhandene Energie dieser Menschen für eine Integration mobilisieren? Wird die Aufnahmegesellschaft dies auch zulassen?

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