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Zuschauerrückgang bei den Tagesthemen:"Geruhsame Nacht"

Die "Tagesthemen" sind die wichtigsten Nachrichten der ARD - und verlieren immer mehr Zuschauer. Das liegt, ja doch, auch am Inhalt.

Tom Buhrow wünschte zum Ende der Tagesthemen eine "geruhsame Nacht" - und fügte mit einem Lächeln fast entschuldigend an: "Weil es schon nach Mitternacht ist." Mancher Zuschauer fühlte sich da am Freitag vergangener Woche an früher erinnert. Buhrows Vorgänger Ulrich Wickert, der die Sendung 15 Jahre lang moderiert hatte, schickte die Zuschauer immer mit diesem Wunsch ins Bett, vorgetragen mit rollendem "R" und leichtem Augenaufschlag.

Clever und Smart: Tagesthemen-Moderator Tom Buhrow (re.) und heute-journal-Chef Claus Kleber sind befreundet, aber Konkurrenten im TV.

(Foto: Fotos: ZDF/Carmen Sauerbrei (li) ; NDR (re.))

Vom Status Wickerts, der bis Ende August 2006 Mr. Tagesthemen war, ist Buhrow noch weit entfernt. Und auch die Tagesthemen, zweifellos noch immer die wichtigste Nachrichtensendung der ARD, ist weit von ihrer früheren Form entfernt. Die Zuschauerquoten gehen kontinuierlich zurück. Waren es 1995 bei allen Zuschauern ab drei Jahren, die vor dem Fernseher sitzen, noch fast 13 Prozent, die die Tagesthemen einschalteten, sank der Zuspruch 2007 auf zehn Prozent, im ersten Quartal 2008 waren es sogar nur noch 9,6 Prozent. Von November 2007 bis Februar 2008 erholten sich die Werte leicht, nicht gut war aber der März. Der allgemeine Abwärtstrend ist offenbar nicht gestoppt. "Sie sind wirklich schlecht dran im Augenblick", sagte der frühere NDR-Intendant Jobst Plog schon Ende 2007 zum Zustand der Tagesthemen. Zu oft haben Buhrow und Caren Miosga das Nachsehen gegen heute-journal-Chef Claus Kleber und sein Team.

Faktor Anfangszeit

Zum dreißigsten Geburtstag der Sendung Anfang Januar waren die Tagesthemen-Macher zumindest nicht in Feierlaune. Der Hauptkonkurrent, das heute-journal im ZDF, verliert zwar auch, liegt nach wie vor aber deutlich besser. Während die Tagesthemen im Durchschnitt auf 2,16 Millionen Zuschauern kommen, erreicht das heute-journal 3,36 Millionen, die Hälfte mehr. Die Abweichung liegt natürlich auch an den unterschiedlichen Anfangszeiten: Die Tagesthemen beginnen seit Anfang 2006 mal um 22.15 Uhr, mal um 23 Uhr. Das heute-journal startet fast immer um 21.45 Uhr.

Wer eine Weile lang beide Sendungen parallel sieht, erkennt aber auch deutliche inhaltliche Unterschiede. Die ZDF-Leute setzen verstärkt auf emotionale Themen, auf die berühmte Nähe zum Zuschauer, reagieren mitunter auch schneller auf aktuelle Ereignisse. Am Montag dieser Woche beispielsweise startete das heute-journal mit dem beherrschenden Thema aus Österreich: In Amstetten war am Sonntag ein Frau mit ihren drei Kindern nach 24 Jahren aus einem Martyrium in einem Keller befreit worden. Ihr Vater hatte sie jahrelang eingesperrt, sexuell missbraucht und sieben Kinder mit ihr gezeugt. Das ZDF machte dieses unfassbare Verbrechen, das auch weltweit für Schlagzeilen sorgt, zum wichtigsten Thema der Sendung: Moderatorin Marietta Slomka führte zudem ein Gespräch mit einem Psychatrie-Professor der Uni Wien, der versuchte, das Unvorstellbare zu erklären. Dann folgte gleich das zweite Top-Thema: Das ICE-Unglück bei Fulda. "Wie sicher sind unsere Zugstrecken?", lautet die bange Frage.

Die Tagesthemen setzten am selben Abend ganz andere Schwerpunkte: Sie begannen mit einem langatmigen Bericht zur Sitzung des Koalitionsausschusses von CDU und SPD in Berlin. Es ging um die Pendlerpauschale und um die Bahnprivatisierung, gefolgt von einem Bericht über den Streit um die Höhe von Managergehälter und einen länglichen Kommentar, der sich in Plattitüden wie "den Gürtel enger schnallen" erschöpfte. Dann erst - die Sendung lief schon fast 15 Minuten - folgte ein einzelner Bericht aus Amstetten. Das ICE­Unglück vom Wochenende wurde in den Tagesthemen sogar nur noch im Nachrichtenblock mit einem kurzen Film abgehandelt. Dafür folgten zeitlose Berichte über eine Ausstellung zu den 68er, einen ostdeutschen Schriftsteller und über die Probleme bei der diesjährigen Spargelernte.

Staatstragender und wie vorproduziert

Am Mittwoch dieser Woche war es ähnlich: Das heute-journal machte die jüngste Entwicklung der Siemens-Affäre zum Hauptthema, erklärte sogar das komplizierte Thema Manager-Haftpflicht. Die Tagesthemen widmeten sich "15 Jahre World-wide-web". Sehen so Nachrichtensendungen mit öffentlich-rechtlichem Auftrag aus, die für sich eine führende Rolle reklamieren? Stil und Themenauswahl bei den Tagesthemen erscheinen noch immer staatstragender, auf die Berliner Politik konzentriert, manchmal weniger aktuell und manchmal wie vorproduziert.

So liefert das heute-journal schneller einen Schwerpunkt zur Preisexplosion bei Lebensmitteln aus mehreren Blickwinkeln. Die Tagesthemen zeigen eher zeitlose Berichte wie den über eine Firma in Reutlingen, die von Chinesen gerettet wurde, über Manager in Rente, die als Senior-Experten kleinen Firmen helfen, über den Bau einer neuen Kirche in Belgrad, oder über Fitness-Programme am Arbeitsplatz. Viel Zeit wurde am Dienstag vergangener Woche etwa dem Kampf von Bürgerrechtlern gegen Stasi-Täter eingeräumt. Das heute-journal widmet sich derweil der "Volkskrankheit Depression". Nur selten überraschen die Tagesthemen, wie an diesem Donnerstag, als es kurz nach der Niederlage des FC Bayern einen Hintergrundbericht über Bezwinger Zenith St. Petersburg gab.

Pflichtstück in jeder Tagesthemen-Sendung ist der Kommentar. Doch die geraten nicht selten langatmig, wenig pointiert und kaum meinungsstark. WDR-Journalistin Sonia Mikich etwa sprach zu Rentendebatte, erinnerte an ihre Mutter und forderte: "Wir brauchen neue Ideen zur Altersarmut." Rainald Becker vom SWR stellte an diesem Donnerstag zum Tag der Arbeit fest: "Die große Koalition hat den Gewerkschaft gut getan." Die Gesichter wechseln oft, manchmal tauchen ARD-Redakteure in schlecht sitzenden Anzügen auf und lesen merklich starr vom Teleprompter ab. Hier zeigt sich auch das strukturelle Problem der Tagesthemen: Alle ARD-Anstalten liefern zu und wollen mitreden. Nach dem öffentlich-rechtlichen Proporz will auch jeder mal einen Kommentar liefern - manchmal hat man das Gefühl: egal zu welchem Thema.

"Justierungen hinter den Kulissen"

An der Institution des Kommentars soll zwar offenbar nicht gerüttelt werden. "Der bleibt", heißt es aus der ARD. Aber die ARD-Aktuell-Macher sind alarmiert. Hinter den Kulissen wird schon länger an "Justierungen", wie es ein Beteiligter ausdrückte, gearbeitet. So gibt es inzwischen weniger Beiträge pro Tagesthemen-Ausgabe als früher. Es sollen verstärkt Schwerpunkte gebildet werden - ein Thema wird etwa mit einem Beitrag, einem weiteren Hintergrundstück und einem Interview präsentiert. "Entschleunigung" heißt das bei der ARD. Die Sprache der Tagesthemen soll jünger und frischer werden, um auch wieder jüngere Zuschauer vor den Bildschirm zu locken. Bei den 14- bis 49-jährigen pendelt die Tagesthemen-Quote nur um fünf Prozent. Die Tagesthemen sind noch zu oft eine verlängerte Tagesschau, wird oft kritisiert. Aber "nachrichtenmäßig jungfräulich" ist am Abend kaum noch ein Zuschauer - es braucht also mehr Einordnung, Hintergrund, Erklärung. Aber es sei weder "Politiker-Geblubber noch Schicksalsbericht" gefragt, sagte dazu vor kurzem heute-journal-Chef Kleber.

Der Ehrgeiz sei, auf das Niveau vom heute-journal zu kommen, ist aus der ARD zu hören. Bis zu zwölf Prozent Marktanteil wird für machbar gehalten - auch wenn das generelle Interesse an Nachrichtensendungen im Fernsehen beständig sinkt. Doch die Konkurrenz schläft nicht, das heute-journal soll demnächst ein neues Studio bekommen.

An der föderalen Struktur der ARD lässt sich so schnell nichts ändern. Die Beiträge werden von allen Anstalten zugeliefert und variieren in der Qualität. "Wir müssen einen handwerklich guten Standard halten, das hat auch viel mit Autoren zu tun", heißt es selbstkritisch aus der ARD. Die Nachrichtenmacher vom heute-journal können auf einen festen Reporter-Pool zurückgreifen, die Qualität garantieren. Dies könnte ein Vorbild für die Tagesthemen sein. Auch inhaltlich sollen neue Akzente gesetzt werden. Vollständig Richtung Boulevard will die ARD sich aber nicht wenden. "Wir gehen nicht auf Rotlicht, Blaulicht und Promiklatsch", verspricht ein Beteiligter. Aber das macht auch das heute-journal nicht.

Konzept bis zum Spätsommer

ARD-Chefredakteur Thomas Baumann kritisiert besonders die unterschiedlichen Anfangszeiten der Tagesthemen und mahnt eine schnelle Änderung an, da sonst die Marke kaputt gemacht würde. Bis zum Spätsommer soll nun ein Konzept entwickeln werden, sagte der ARD-Vorsitzende Fritz Raff nach der letzten ARD-Hauptversammlung. Wie das aussehen könnte, ist offen. Montags, dienstags und donnerstags starten die Tagesthemen um 22.15 Uhr, verschieben sich aber auch durch die Ausstrahlungsdauer der vorangehenden Programme. Mittwochs beginnen sie nach Frank Plasbergs Hart aber fair erst um 23 Uhr, freitags nach der Tatort-Wiederholung um 23.15 Uhr. Fest steht wohl nur, dass die Tagesthemen auch künftig nicht vor 22.15 Uhr gesendet werden - dort stünde man in direktem Vergleich zum heute-journal.