Zur Zukunft des Journalismus (Einleitung) Qualität als Statussymbol

Ein Modell, das den kostenintensiven Qualitätsjournalismus im Netz dauerhaft rentabel macht, wird noch gesucht. Das "Newspaper Endgame", wie die Unternehmensberatung A.T. Kearney den Verdrängungskampf auf dem Pressemarkt genannt hat, wird sich zuspitzen, keine Frage.

Auflage und Selbstbewusstsein schrumpfen

Gegenwärtig zermartern sich Zeitungsleute vor allem über zwei Probleme die Hirne: Kann die Presse nach jahrelangen teuren Investitionen in technische Infrastruktur und Redaktion genügend Gewinne erwirtschaften? Wie lässt sich der Qualitätsjournalismus angesichts eines ausfasernden Online-Angebots aus Blogs, Podcasts und IP-TV sinnvoll schützen?

Dass das goldene Pressezeitalter vorbei sein könnte, zeigt die getrübte Stimmung unter Zeitungspionieren wie John Carroll, dem ehemaligen Chefredakteur der Los Angeles Times. Er gab im April 2006 in einer Rede vor der American Society of Newspapers Editors zu bedenken, dass nicht nur die US-Blätter schrumpften, sondern auch das Ego ihrer Macher.

Es stimme ihn nachdenklich, dass sich Journalisten immer mehr den Zeitungsaktionären verpflichtet fühlten statt ihren Lesern. Tatsächlich setzt die Ökonomisierung der Branche dem Wirken von Edelfedern und Investigativreporten zu enge Grenzen. Auch könnte die leidenschaftliche Bloggerszene irgendwann die Medien-Agenda setzen.

Reanimierung des Qualitätsjournalismus

Geschah früher gerade soviel, wie in die Zeitung des nächsten Tages passte, wie Karl Valentin spöttelte, so hat das Internet das Deutungsmonopol der Presse gesprengt: Zeigten sich Blattmacherqualitäten früher am Gespür für Aufmacher und an treffsicheren Kommentaren, geht es heute um eine 24-stündige Dauerpräsenz der Redaktionsbataillonen im Umgang mit Text, Bild und Ton. Das hat zuweilen manische Züge.

Entscheidend ist für Bill Kovach, den ehemaligen Leiter des Washingtoner Büros der New York Times und Autor des Branchen-Bestsellers The Elements of Journalism, dass bei aller Vorliebe der Verleger für die Netzaktivitäten der Journalismus in seinen Grundfesten nicht erschüttert werden darf. Kovach hat deshalb das Committee of Concerned Journalists gegründet, ein von der Knight Foundation und der Journalism School der Universität von Missiouri finanziertes Netzwerk aus Reportern, Verlegern, Redakteuren und Akademikern.

Das Hauptanliegen ist, den Qualitätsjournalismus am Leben zu erhalten: "Die Konzentration in den Besitzerstrukturen ist eines der Hauptprobleme im Mediengeschäft", findet Kovach - schließlich bedeute Medienkonzentration immer auch Konzentration von Macht.

Prinzip Selbstverantwortung

Laut einer Umfrage glaubt die Mehrheit der amerikanischen Medienschaffenden, dass sich die wirtschaftlichen Zwänge langfristig negativ auf ihren Redaktionsalltag auswirkten. Das wachsende Engagement von Finanzinvestoren und Private-Equity-Firmen alarmiert Journalisten und Verleger, aber auch Intellektuelle wie den Philosophen Jürgen Habermas, der für die Rettung des seriösen Zeitungswesens gesellschaftliche Alimentierungen nach Art des öffentlich-rechtlichen Rundfunks vorschlägt.

Andere wiederum vertrauen auf das Prinzip Selbstverantwortung: Paul Steiger, einst Chefredakteur des Wall Street Journal, hat vergangene Woche die Leitung eines unabhängigen Redaktionsbüros mit dem Namen Pro Publica übernommen. Das gemeinnützige Projekt wird von der Sandler Stiftung und einigen anderen Spendern mit zehn Millionen Dollar jährlich gefördert; es reiht sich damit ein in die Tradition der tatkräftigen Förderung journalistischer Prinzipien, die von Organisationen wie dem Center for Investigative Reporting bereits seit 30 Jahren hochgehalten wird.

Diese beschränken sich nicht auf Studien oder Pressemitteilungen, sondern arbeiten selbst journalistisch. Ein 24-köpfiges Team aus Topreportern und investigativen Rechercheuren werde, so Steiger, in den kommenden Wochen von Manhattan aus damit beginnen, "für Print- und Online-Medien, wahrscheinlich auch für den Rundfunk zu produzieren".

Noch lebt die klassische Tageszeitung als journalistische Qualitätsinstanz. Doch wird sie in 20 Jahren vielleicht wirklich so etwas wie das Totem Newspaper à la Tom Wolfe sein? Die Zeitungen suchen nach angemessenen Inhalten, mit denen sie sich gegen den Express-Journalismus im Netz und im Fernsehen behaupten. Und alle lauern auf das nächste große Ding im Netz, mit dem sich Geld verdienen lässt.