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Zur Nachhaltigkeit:Wir sind die letzten

Totale Mobilmachung, von der Hausfrau bis zum Unternehmensberater: Warum die Nachhaltigkeit, das neue Ideal unserer Zeit, fast schon lebensgefährlich ist.

Anders als in den Zentralen der westlicher Demokratien erhofft, haben die Kernbegriffe der europäischen Neuzeit - Menschenrecht und freie Marktwirtschaft - zwanzig Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer ihre universalisierende Leitfunktion eingebüßt.

Im Zuge einer Verschiebung der Macht von Westen nach Osten zeichnete sich vielmehr politisch wie ethisch eine Welt mit mehreren Polen, aber ohne Leitvision ab - und damit die schlechteste aller Entwicklungen. Der fortschreitende Bedeutungsverlust der Vereinten Nationen stand und steht beispielhaft für dieses Dilemma.

Gesucht wurde eine neue Idee, um die sich neue, notwendig gewordene Formen der global governance würden organisieren können, ein kleinster gemeinsamer Wert der Globalisierung - kraftvoll genug, die Ängste und Hoffnungen unserer Zeit überzeugend zu bündeln. So kam es, dass eine Formel, die gut dreihundert Jahre in forstwirtschaftlichen Spezialwörterbüchern gedämmert hatte, zum praktischen Ideal des 21. Jahrhunderts aufstieg: Nachhaltigkeit (sustainability).

Ein Begriff, dessen normativen Druck Diktatoren von Ölstaaten ebenso entschieden bejahen können wie vom Untergang bedrohte Inselregenten, rohstoffreiche Ärmstnationen wie demographisch explodierende Milliardendemokratien. Die Erregung über das Scheitern des Kopenhagener Gipfels erklärt sich vor allem daraus, dass jede Partei vorgab, die Einsicht in die Notwendigkeit nachhaltiger Entwicklung zumindest zu teilen.

Ein Wort, das es so weit bringt, muss unmittelbar einleuchtend, denkbar umfassend und in der konkreten Anwendung äußerst flexibel sein. Trivialität schadet ihm überhaupt nicht. Tatsächlich erweist sich die dazugehörende Einsicht als denkbar einfach. Dass es für ein System, welches überdauern will, nicht ratsam ist, sich die stofflichen Grundlagen der eigenen Existenz zu entziehen, kann geradezu als Voraussetzung des Lebens bezeichnet werden. Nachhaltiges Denken ziemt sich bei der Büffeljagd wie beim Autodesign, erfüllt die Existenz des klugen Reisbauern in gleicher Weise wie die seines Feudalherren, leitet Hausfrauen wie Unternehmensberater.

Lesen Sie weiter auf Seite 2, warum die Idee der Nachhaltigkeit den Bereich des Zwischenmenschlichen sprengt.