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Zur Lage der Pop-Musik:Bob! Bob! Bob!

Pop ist die Verkörperung des Jetzt. Doch in Wirklichkeit ist es der größte Irrtum, dass es ständig etwas Neues geben könnte. Das gab es noch nie, und deshalb hören die Jungen heute alles - von Bob Marley bis Motörhead. Eine Analyse zur Lage der Pop-Musik.

Wenn Ai Weiwei eine seiner tausend Jahre alten Vasen fallen lässt, ist diese Vase, knallbunt bemalt, auch dann nicht kaputt, wenn sie auf dem Boden zerschellt. Ein Klick und Ai hält sie wieder als Ganzes in Händen. So geht es auch im Pop: Was als Musikstück einmal im Reich der technischen Reproduzierbarkeit gelandet ist, kann seiner Verfügbarkeit nicht mehr entgehen, ist unkaputtbar.

Lemmy Kilmister, Rock im Park 2004 in Nürnberg

Die ewige Jugend hat auch Lemmy von Motörhead (hier 2004 bei Rock im Park in Nürnberg) nicht. Doch seine Musik wird immer wieder als die Neuste entdeckt.

(Foto: dpa/dpaweb)

Seit der erste Dorn sich in Wachs gedrückt hat, quietschen die Tenöre, klimpert das Klavier, leidet der Blues, jodelt der Cowboy, rockt der Roll und zuckt der Beatle, von Bessie Smith über Edith Piaf bis hin zu Madonna in Ewigkeit, amen. Und was verfügbar ist, über das wird auch verfügt. Womit wir bei einem der Popmusik eingeschriebenen Widersprüche wären: dass Pop stets - und ausschließlich - das Neueste ist. Musik zur Zeit, wie es einmal geheißen hat.

Jens-Christian Rabe hat kürzlich in der SZ darauf hingewiesen, dass dieses "Neueste" inzwischen auch nur noch ein Nischenprodukt unter vielen ist, ein möglicher Zustand unter all den Zuständen, die Pop sein können. Ich möchte noch weiter gehen: Dass Pop das Neueste sei, ist eine seiner Warenform geschuldete Seinslüge und hat ursächlich mit der Geschichte von Pop zu tun.

Geschaffen, das Taschengeld von Minderjährigen und Minderbemittelten abzugreifen, war Pop von Anfang an nur die Travestie bereits existierender Stile, also etwa des Rhythm'n'Blues, der Jazzballade, des Country & Western, des Folk. Nur wusste das die blutjunge Kundschaft nicht. Man konnte der Teenage-Klientel der vierziger und fünfziger Jahre den alten Scheiß günstig als etwas Neues andrehen, bereichert um etwas Neusprech und ein klein wenig Sex, weil sie über kein kulturelles Gedächtnis verfügte, kein Aufschreibsystem, das sie über den Irrtum aufgeklärte hätte, "ihr Neuestes" sei etwas anderes als eine bloße Variation von bereits existentem Musikfutter.

Die Musiker selber wussten das. Man höre nur in die Elvis-Sessions bei Sun Records hinein, als "Blue Moon of Kentucky" von Presley eingespielt worden ist: "It's a Popsong!", freuen sich die Anwesenden. Aha, so geht es also. Und Keith Richards auf der anderen Seite des Atlantiks sagte in ganz frühen Interviews nie etwas anderes, als dass die Rolling Stones die Musik alter Schwarzer aus den USA spielen. Nur schneller. "Und wir sehen besser aus!"

Als Pop in den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts erwachsen zu werden begann - Folk Revival, Pop Art, Rock-Opern, Straßenschlachten und Festivals - musste das inkorporierte Hipster-Erbe, stets der am besten Informierte, der am besten Gekleidete, der weltanschaulich Fortschrittlichste zu sein, in neuen Idiomen fortgeschrieben werden. Die schnelle und wissende Bewegung durch die Zeit war das Ziel, die Überwindung des Gestern, eines blutigen Unortes für die Europäer, für die Amis ein dunkler Dachboden voller Mythen.

Zu dieser Hochgeschwindigkeit der kulturellen Daueradaption schien nur und weiterhin der junge Körper fähig: "Forever Young! Trau keinem über dreißig! Do thoust you willst! Live Fast, Die Young!" Aus dem Marketing-Konzept Jugend wurde eine Ideologie, welche die Jugend zum verbindlichen Dauerzustand des Pop erklärte. Doch auch hier verrät uns ein Blick auf das Medium das Falsche im Richtigen: Während "das Neuste" immer noch an das schnelle Teenager-Format Single gekoppelt war - Disco, Glam, Pop, Punk -, etablierte sich das Format Album als verbindliche Mitteilungsform für Pop-Künstler.

Dauer setzte ein, Entschleunigung. Wiederholbarkeit. Von Werken war die Rede. Von einem Erbe. Von Kunst. Zwar verschwanden auch die LPs nach kurzer Zeit vom Markt, doch bald tauchten dafür erste Doppel-LPs auf, die jene verschwundene Musik erneut und zu günstigeren Konditionen zugänglich machten: Ein Sekundärverwertungszyklus setzte ein, der mit der CD den Status der Normalität erreichte. Speicherplatz ohne Qualitätsverlust zum geringen Preis, mit Mehrwert aufgebrezelt, also informierten Kommentaren im Booklet, philologischer Betrachtung der Entstehungsgeschichte der jeweiligen Musik, Biographisches, Wirkungsgeschichtliches, Bilder, Raritäten, abweichende Fassungen, Mono-Abmischungen, Demo-Aufnahmen . . .

Das Neuste ist wieder in den Fünfzigern angekommen

Pop als linearer Ablauf, als kulturelle Entwicklung parallel zum Erwachsenwerden einer Generation hörte in den achtziger Jahren auf zu existieren. Auf die Zersplitterung der "Jugendkultur" folgte ein Pragmatismus der Gleichwertigkeit. Distinktion ging für immer flöten, indem sie bis zur Unkenntlichkeit eingefordert wurde. Heino war plötzlich neben Frank Sinatra und Death Metal: irgendwie erlaubt. Anything sells. Pop verlor seine gemeinsame Sprache, wurde wortlos, aber immer lauter. Der ganze Körper(einsatz) war mehr gefragt denn je. Techno, House. Schriftsteller sorgten jetzt mit flankierenden Worten für den ideologischen Halt, vorwärts, vorwärts aber um jeden Preis. Man konnte den Eindruck gewinnen, jeder Mitredende im Pop-Spiel sei dazu verdammt, schon heute zu wissen, wovon man übermorgen in Detroits Clubs träumen wird.

Die Definitionshoheit der schnatternden Hipster traf in Deutschland, den USA, in Großbritannien das gemeine Pop-Volk mit ganzer Härte: Wer nicht mitmachen wollte bei dieser sinnfreien, nur noch die eigene Bedeutung glorifizierenden Hetzjagd durch den immer schmaler werdenden Canyon des Neuen, hatte nur den Gnadenschuss zu erwarten: Du Nick Hornby. Alte Musik durfte - wenn überhaupt - nur noch als Wissensspeicher herhalten, als Geheimquelle, aus der man bei der Klassifizierung oder Fabrikation von Neuem schöpfen konnte, etwa im Hip-Hop. Jeder Flohmarkt konnte zur Schatzinsel werden, jedes verrauschte Original aus den Ramschkisten zum Rädchen im Perpetuum mobile dieser Pop-Hipster, die in ihrem Definitions- und Erklärrausch bis heute nicht wahrhaben können und wollen, dass, würden sie sich auf ihrer wilden Jagd umblicken, niemand mehr hinter ihnen ist. Nur Wüste.

Das Neueste findet sich heute vermutlich im Netz, in Blogs, auf YouTube. Die meisten Pop-Fans - und Fans sind sie noch immer - interessiert es nicht mehr wirklich. Denn das Neueste ist oft genug wieder nur das, was minderjährige und minderbemittelte Teenager gerade für sich als das Neueste entdecken. Witze, die man schon tausendmal gehört hat. Lieder, die schon tausendmal komponiert worden sind. Posen, die schon jeder einmal eingenommen hat. Das Neuste ist wieder in den Fünfzigern angekommen.

Sicher liegt viel Schuld am Relevanzverlust von Pop als Zeitgeistmessgerät bei der Musikindustrie selbst, die jedes inhaltliche Interesse an ihrer Ware verloren hat, doch trägt auch die wilde Jagd der Sinnstifter Verantwortung. Dass man jahrzehntelang das Beste, was Pop hervorgebracht hat, zugunsten marginaler Ausdifferenzierungen oder lächerlicher Eintagsmoden ignoriert oder gar abgeschrieben hat, verzeiht die Praxis des Lebens im Pop nicht so leicht.

Der Jugendfetisch, die Vitalitätsreligion machte es ihnen unmöglich zu erkennen, dass die tatsächliche Jugend heute mit großer Liebe und Hingabe die Musik eines Bob Marley, eines Johnny Cash, von Motörhead oder Black Sabbath hört, New Order herunterlädt oder die Undertones - denn eingefroren im Medium ist dies immer noch Musik von jungen Leuten. Und was davon gut ist, kann heute ebensolche Wunder wirken wie einst: Die "Teenage Kicks" riechen immer noch nach "Teen Spirit". Und die ältere Generation der Pop-Hörer wehrt sich mit dem immer zahlreicher werdenden Kauf von bei der avancierten Kritik so verpönten Box-Sets, Luxus-Editionen oder Best-of-DVDs gegen das Diktat der allfälligen Beweglichkeit.

Was hat es schon gebracht, sich nicht mit Dingen und Menschen zu umgeben, die man liebt? Man wird von den Arbeitgebern noch rücksichtsloser durch die Arbeitswelt und um den Globus geballert, jetzt, wo man alles dafür getan hat, frei und ungebunden zu sein und es stets mit den Jungen aufnehmen soll und kann.

Die Ideologien der Hipster von vor dreißig Jahren sind das Gesicht der Aus- und Vernutzung von heute. Es ist geradezu ein Akt des Widerstands gegen diese Art als Freiheit getarnten Verfügbarkeitsirrsinns zu heiraten, fünf Kinder zu kriegen, ein Haus zu bauen und nie woandershin als nach Osnabrück in Urlaub zu fahren, und sich dazu eine LP-Box mit den Mono-Abmischungen der ersten acht Alben von Bob Dylan ans Bein zu binden.

Es ist Protest, wenn die Charts gerade mit sündteuren oder spottbilligen Editionen von Pink Floyd oder Nirvana verstopft werden, Protest gegen den offenkundigen Schwachsinn, der uns einreden will, dass wir die Untiefen einer Lady Gaga für wichtiger nehmen sollten als einst die Untiefen der Les Humphries Singers. Der Einzug der Philologie in den Pop ist nur ein Zeichen seines Erwachsenseins.

So wie es keinen Grund gibt, sich über einen Bildband von Cy Twombly, die Luxusausgabe der Tagebücher Andy Warhols oder eine Neuübersetzung der "Göttlichen Komödie" zu echauffieren, so wenig Grund gibt es, über Outtakes der "Loaded"-Sessions von Velvet Underground zu lächeln.

Ob die dabei ausgebuddelten Songs in meinem Leben einen Platz finden, ob sie Bestand haben, ist eine Frage, die man auch an das Tagebuch Thomas Manns stellen kann oder an Musil-Fragmente. Pop spricht heute zu Zwölfjährigen wie zu den 72-Jährigen. Einmal die Radiowellen für ältere Hörer einschalten genügt, um zu verstehen, warum da die Beatles und selbst Kraftwerk laufen. Die Musik ist einfach um so vieles besser als die von: Bitte nach Bedarf selbst einsetzen.

Pop ist eine ästhetische Lebenswirklichkeit, die uns heute vollends umgibt. Wir leben im Pop. Oder in und mit Dingen, die sich wie Pop gerieren. Die Schlacht ist geschlagen, der Krieg ist vorbei. Die Kavallerie darf einrücken. Keiner muss vorauspreschen. Jeder darf die Eagles hören. Außer wenn ich im Raum bin. Sonst fliegt eine Vase.

© SZ vom 29.10.2011/gr

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