Süddeutsche Zeitung

Zur Intelligenz-Debatte:"Das ist vollkommen überholt"

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Der Knackpunkt ist die Bildung: Gene spielen laut dem Sozialpsychologen Richard Nisbett bei der Entwicklung von Intelligenz keine entscheidende Rolle.

Andrian Kreye

Richard Nisbett ist Professor für soziale Psychologie an der University of Michigan, an der er auch einer der Leiter des Culture and Cognition program ist. Im vergangenen Jahr veröffentlichte er das Buch "Intelligence and How to Get It".

SZ: Ist Intelligenz vererbbar, genauer - beruht Intelligenz auf sechzig bis achtzig Prozent auf Genen?

Richard Nisbett: Wenn solche Zahlen diskutiert werden, gehen die meisten Leute davon aus, dass ihre eigene Intelligenz zu sechzig bis achtzig Prozent vererbt und zwanzig bis vierzig Prozent von der Umwelt geprägt sind. Das stimmt nicht. Vererbbarkeit ist ein Wert, der auf die Bevölkerung bezogen wird, nicht auf ein Individuum. Wenn man von sechzigprozentiger Vererbbarkeit spricht, bedeutet das, dass sechzig Prozent der IQ-Unterschiede in einem bestimmten Teil der Bevölkerung zu einem bestimmten Zeitpunkt auf Vererbbarkeit zurückgeht. Allerdings unterscheidet sich die Vererbbarkeit von IQ in den verschiedenen sozialen Schichten. Die Vererbbarkeit des IQ ist in Ober- und Mittelschichten viel höher als in Unterschichten.

SZ: Woher kommt das?

Nisbett: Wächst man in Ober- oder Mittelschichten auf, dann hat man meist die besseren Voraussetzungen, den vererbten IQ auch zu entwickeln. Unter solchen Bedingungen ist der Unterschied zwischen zwei Familien auch sehr gering.

In Unterschichten sind die Grundvoraussetzungen von Familie zu Familie unterschiedlicher. Das reicht von optimalen Bedingungen wie in einer bessergestellten Familie bis zu einer chaotischen, gestörten Umgebung. Es ist also die Umgebung, die den entscheidenden Unterschied ausmacht. Gene spielen da nur eine kleine Rolle. Zum anderen grenzen Gene die Rolle der Umgebung nicht ein.

SZ: Ist das bewiesen?

Nisbett: Der beste Beweis dafür ist der Flynn-Effekt. Demnach ist der IQ in entwickelten Ländern in den letzten beiden Generationen um drei Prozentpunkte pro Jahrzehnt gestiegen. Wobei der Unterschied zwischen jemandem in einem einfachen Beruf und jemandem mit höherer Schulbildung um die achtzehn bis zwanzig Punkte liegen kann. Außerdem können wir das nachweisen, wenn wir den Effekt von Schulbildung auf den IQ untersuchen.

SZ: Warum wird die Vererbbarkeit des IQ trotzdem immer wieder debattiert?

Nisbett: Gute Frage. Das Verständnis von Intelligenz, die solchen Debatten zu Grunde liegt, ist vollkommen überholt. Wer so argumentiert, ignoriert die wissenschaftlichen Erkenntnisse der letzten zwanzig Jahre. Die sind keineswegs umstritten. Den Flynn-Effekt kennen wir seit 1984, den Effekt von Schulbildung seit zwanzig bis dreißig Jahren.

SZ: Wie steigert man also den IQ eines Landes?

Nisbett: Die Rechnung ist ganz einfach und durch Experimente belegt - sorgt man für gute Bildung, steigt der IQ. Ein Schuljahr ist gleichwertig wie zwei Lebensjahre. Versagt man Menschen diese Bildung, sinkt der IQ um vier bis fünf Punkte für jedes versäumte Schuljahr. Das zeigt auch der Flynn-Effekt. Die Gene haben sich nicht verändert, doch der IQ ist gestiegen. Niemand weiß genau warum. Aber die industrielle Revolution und die Informationsgesellschaft haben den Bedarf an Intelligenz gesteigert. Bildungswesen und die Gesellschaft haben darauf reagiert. Was auch zu höherer Intelligenz geführt hat. Denn IQ und Intelligenz sind keineswegs dasselbe.

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Quelle:
SZ vom 08.09.2010/ls/rus
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