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Zum Vorlesen:Wut tut gut

Christian MorgensternWut

Illustration aus: Toon Tellegen und Marc Boutavant: "Man wird doch wohl mal wütend werden dürfen."

(Foto: Verlag)

Zwölf Tiergeschichten über wilde Gefühle, die auch schon die Kleinen austoben müssen und die Teil jedes ordentlichen Gemütshaushaltes sind - ganz egal, wie alt man nun ist.

Von Michael Schmitt

Der Klippschliefer ist ein kaninchengroßes Tier, das vor allem in Afrika verbreitet ist. Es meidet den Regen und kann die Iris seiner Augen so eng zusammenziehen, dass es stundenlang direkt in die Sonne zu sehen vermag, ohne Schaden zu nehmen. Doch hat er ein besonderes Problem mit der Sonne - er mag nicht, dass sie Tag für Tag untergeht und davon niemals eine Ausnahme macht.

Das erzürnt ihn, treibt ihn geradezu zur Weißglut. Er schimpft, bis er heiser ist, stampft mit den Füßen und bleibt dennoch ohnmächtig und mit schlimmen Gedanken in der Dämmerung zurück. Um ihn herum dehnt sich dann die Steppe bis zum Horizont, keiner hört ihn, betroffen schaut er sich um - und setzt am nächsten Morgen einen breiten Hut auf, damit er die Sonne nicht sehen muss. Kann man es ihm übel nehmen? Soll er seinen Unwillen in sich hineinfressen? Würde es ihn trösten, wenn er wüsste, wie Erdrotation und Sonnenlauf am Himmel zusammenhängen? Die Sonne wäre trotzdem weg.

Wut tut gut, heißt es, und deshalb variieren Toon Tellegen und Marc Boutavant diese höhere Wahrheit gleich mehrfach in zwölf Tiergeschichten, feiern gemeinhin verrufene Seelenzustände als selbstverständlichen Teil jedes ordentlichen Gefühlshaushaltes, bebildern Wut und Zorn, aber auch Wehmut und Gelassenheit mit Ironie und bunten Farben, mischen krasse Regungen und niedliche Illustrationen zu einem Panorama der Gefühlsgemengelagen. Ein Spiel mit Adrenalinschüben, von denen die Betroffenen oft nicht recht wissen, warum sie überhaupt zustande kommen, mal als Wut auf andere, mal als Ärger über sich selbst. Die Kunst besteht daher im Umgang damit - wer sie beherrscht, richtet keinen Schaden an und fühlt sich doch befreit; wer streiten und sich in der Wut eines Gegenübers unmittelbar spiegeln kann, hat sich bald wieder im Griff. Anders als etwa beim anonymen Shitstorm. Wer seinen Unmut kultiviert, das sagen diese zwölf Geschichten, lebt besser und farbiger - sei es mit einer leichten roten Wut, sei es mit einer schneeweißen Raserei. (ab 4 Jahre)

Toon Tellegen: Man wird doch wohl mal wütend werden dürfen. Mit Illustrationen von Marc Boutavant. Aus dem Niederländischen von Mirjam Pressler. Hanser 2015. 80 Seiten, 14,90 Euro.

© SZ vom 30.04.2015
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