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Zum Tode von Vicco von Bülow:Er sah ein Leben nach dem Fernsehen

Denn darin war er rigoros: Er hörte - trotz allen Senderbettelns und riesiger Angebote - immer dann auf, wenn es für ihn am schönsten gewesen war: "Ach, übrigens, das war unsere letzte Sendung," hat er einmal der fassungslosen Evelyn Hamann erklärt. Denn ihn hatte mal wieder "in diesem Augenblick das Gefühl beschlichen, mit der Fortsetzung meiner Arbeit nicht mehr besser werden zu können".

Nach dem Fernsehen intensivierte er in den achtziger Jahren seine Karriere als Bühnen- und Filmregisseur. Er wurde zunehmend zum gesamtdeutschen Star mit Gastauftritten in der DDR. 1985 inszenierte er am Stadttheater Aachen eine Bühnenfassung seiner schon als Fernsehsketch erfolgreichen Dramatischen Werke, und 1986 brachte er in Stuttgart seine Version von Flotows komischer Oper Martha (TV, 12/1986) heraus, zu der er auch das Bühnenbild und die Kostüme entwarf. Zu den Ludwigsburger Schlossfestspielen 1988 setzte er Webers Der Freischütz in Szene. 1992 fand im Nationaltheater Mannheim die Uraufführung von Wagners Ring an einem Abend in einer Fassung für Erzähler, Sänger und Orchester von und mit Loriot statt.

Im Herbst 1987 drehte Loriot mit Evelyn Hamann den Film Ödipussi, der am 9. März 1988 als Doppelpremiere in beiden Teilen Berlins vorgestellt wurde. Diese vielfach ausgezeichnete Komödie gilt als einer der größten deutschen Filmerfolge. In den Defa-Studios Potsdam-Babelsberg und an Originalschauplätzen in der Noch-DDR realisierte Loriot 1990 mit Pappa ante Portas seine zweite Kinokomödie um einen überraschend pensionierten Manager, der seiner Frau, natürlich Evelyn Hamann beim Haushalt unter die Arme greifen möchte, natürlich furchtbar damit auf die Nerven geht und ein kaum mehr zu bewältigendes Chaos erzeugt.

Im Nachruf auf seine Ende 2007 verstorbene Sketchpartnerin, die mit ihrem trockenen hanseatischen Humor auch die verschrobensten Charaktere zu Sympathieträgern aufbaute, erinnerte sich Loriot voll Dankbarkeit an ihre Disziplin, ihre Contenance und "ihr ungeheures Lachen."

Um Loriot ist es in letzter Zeit stiller geworden. Zwar gab es auch in den neunziger Jahren äußerst erfolgreiche Unternehmungen, die Bildende Kunst, die Musik und Literatur mit Humor und Ironie zu vermitteln. Er trat auf mit Walter Jens im ausverkauften Hamburger Schauspielhaus, um Ausschnitte aus dem Briefwechsel zwischen Friedrich dem Großen und Voltaire zu lesen. In den Münchner Kammerspielen las er 1996 aus Thomas Manns Werken. In diesem Jahr war er übrigens eigenen Angaben zufolge der meistgespielte Bühnenautor in Deutschland.

Die Kommunikationsstörung beim Frühstücksei

"Die getreulichste Spiegelung der bundesrepublikanischen Wirklichkeit findet sich zweifellos bei Loriot", schrieb die Frankfurter Allgemeine Zeitung und stellte fest: "Er allein hat die Archetypen der Bonner Republik entworfen, Männlein wie Weiblein." Im April 2006 kündigte Loriot in der ZDF-Talkshow Johannes B. Kerner nochmals seinen endgültigen Abschied vom Fernsehen und seinen Rückzug ins Privatleben an. Das Medium sei ihm zu schnell für seine Komik geworden. Nur mit gelegentlichen Auftritten im Theater, so mit der Lesung seiner Zwischentexte zu Leonard Bernsteins Candide nach Voltaire im Münchner Gärtnerplatztheater, ließ er sich noch in die Öffentlichkeit locken, ebenso mit einer Antrittsvorlesung anlässlich der Bestellung zum Honorarprofessor an der Berliner Universität der Künste.

"Ein Preuße karikiert mit preußischer Präzision den preußischen Ernst auf preußische Weise - hoch gebildet, hoch verdichtet und auf sprachlich unerreichtem Niveau", hat der Tages-Anzeiger einmal konstatiert. Stimmt, und stimmt auch wieder nicht ganz. Vom SZ-Magazin gefragt, was Loriot denn selber für seinen besten Sketch halte, antwortete er: "Vielleicht das Frühstücksei, es berührt ein Thema, das mir immer sehr am Herzen lag: die Kommunikationsstörung."

Um die zu behandeln, hat er ein Leben lang hart am Komischen im Wirklichen gearbeitet - und nicht dabei gelacht. Wieder sagte er dem SZ-Magazin: "Komik funktioniert nur bei perfektem Timing und exaktem Rhythmus. Die Entscheidung, ob etwas komisch ist oder nicht, ist in den Monaten vorher am Schreibtisch gefallen. Wenn einem beim Drehen Zweifel kommen, ist man erledigt. Und wenn man nach Abschluss der Dreharbeiten am Schneidetisch einen unabänderlichen Fehler entdeckt, möchte man aus dem Leben scheiden."

Am Montag ist nicht Loriot in Ammerland am Starnberger See verstorben.

Hinweis in eigener Sache: Die Süddeutsche Zeitung verabschiedet sich in ihrer Mittwochsausgabe von Loriot mit den besten Worten. Hermann Unterstöger bedankt sich auf Seite Drei mit einem großen Nachruf. Axel Hacke, Bully Herbig, Christoph Walz und viele andere schreiben im Feuilleton, wie der große Vicco von Bülow ihr Leben geprägt hat.

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