bedeckt München 19°

Zum Tode von Malcolm McLaren:Der lachende Vagabund

Malcolm McLaren war der schlimmste Paradiesvogel, den der Pop hervorgebracht hat. Ein Postmoderner, der Nietzsche gefallen hätte. Außerdem hat er die Sex Pistols erfunden. Ein Nachruf.

Es war in den achtziger Jahren, etwa in ihrer Mitte, vermutlich 1984. Jedenfalls hauchte Sade ihren Smooth Operator durch sämtliche Bars, die aus irgendeinem Grund stylish leer und gut ausgeleuchtet sein mussten. Die Schulterpolster der Damen wuchsen und wuchsen, dafür wurden die Haare der Herren immer kürzer. Mit anderen Worten: Revolution was over.

Flower Power, Hippie-Kultur und Wallawalla, alles von Motten zerfressen, und auf Mick Jagger, den Hampelmann des Rock'n' Roll, schaute man inzwischen, wie man auf eine sexuell umgepolte Tarantel auf einem Hochzeitskuchen schaut: No more pleased to meet you, please! Und Bob Dylan? War der nicht irgendwie religiös unterwegs damals? Mein Gott, Bob! Give us a minute!

Während man so die alten Zeiten beerdigte und die neue Ernsthaftigkeit mit einem bunten Irgendwas-Drink düngte, rollte sich nach Operator-Sade plötzlich ein sattes Gemecker in die Ohren. Scharfe E-Gitarre, klarer Beat und eine britische Stimme, die es gar nicht erst darauf anlegte, singen zu wollen.

Sie lachte im Rhythmus: Haha-Haha-Haha-Hah und erzählte irgendwas von verpfuschter Jugend, von Strafarbeiten in der Schule, vom ewigen Unpünktlichsein und davon, dass sie nicht einmal einen Sch... darauf geben werde, was die vielen, vielen Erziehungsberechtigten so von einem wollten. Dann wieder dieses Haha-Gemecker - halbwegs im Rhythmus -, der Beat, die Gitarre und dann das: ein Knabenchor wie ihn Bad Tölz nicht schöner hervorbringen könnte.

Himmlische Phrasen, glockenhelle Stimmchen. Ja, da schluckt sogar der Lachende, unterbricht seinen Sermon über die verkorkste Jugend und wendet sich unmittelbar an mich, den Zuhörer: "Hörst du das?" fragt er mich also, während die Tölzer tirilieren: "Hörst du das? Ain't that lovely? Ist es nicht lieblich?" Dann lacht er doch wieder weiter und beschreibt wieder sich als wildes Tier, das die Strafarbeiten gesucht habe.

Was, um Himmels willen, war das?

Man fragt die Kellnerin, die passend zur gut ausgeleuchteten Bar so unterkühlt serviert, dass man auf Eiswürfel in den Drinks verzichten konnte, also, was, um Himmels willen, war das?

Und sie raunt: " Fans. Von Malcolm McLaren."

Am nächsten Tag wurde der Plattenladen des Vertrauens aufgesucht, um nachzuschauen, was Fans von Malcolm McLaren ist. Ja, liebe Kinder, es gab mal eine Zeit, da konnte man das noch nicht er-googeln, da musste man seinen Hintern bewegen, wenn man etwas herausfinden wollte.

Synthesizer-Salz und ein ungelenker Mädchenchor

Fans also war der Titel eines Albums von Malcolm McLaren, auf dessen Cover man einen auf androgyn geschminkten, dürren, nackten Engel in einer typischen 19. Jahrhundertpose gestellt hatte. So eine Art hagerer Cupido ohne Pfeil und Bogen. Heute würde man vermutlich feststellen, dass er wie ein blond gelockter Mario Gomez vor dem leeren Tor aussah. Auf der Rückseite des Albums sah man den Rückenakt einer Asiatin, die ihre Blöße mit einem Fächer bedeckte.

Und dann die Tracklist: Sechs Stücke, die in etwas mehr als einer halben Stunde - ... ja, was eigentlich? - die persönliche Geschichte Malcolm McLarens berichten oder die von Madame Butterfly und Carmen nacherzählen - in weniger klug gewählten Worten.

Denn das war das Fans-Prinzip: McLaren konfrontierte Original-Arien aus Puccinis Madame Butterfly und Bizets Carmen, göttlichst vorgetragen von Diven ihres Metiers, mit seinem dionysischen Sprechgesangs-Gelächter, etwas Synthesizer-Salz und einem ungelenken Mädchenchor, den er irgendwo im finstersten Mittleren Westen der USA für ein paar Freigetränke zusammen gebracht haben musste.

White Trash trifft also auf Hochkultur - und maßt sich an, etwa die Geschichte der unglücklichen Butterfly, der japanischen Geisha, die an den US-Marine Pinkerton gerät und von ihm verführt, verlassen, gedemütigt und schließlich in den Selbstmord getrieben wird, aus der Perspektive dieses Marine-Arschlochs zu erzählen: " She got a little problem", höhnt dieser Pinkerton im krummen Slang und meint damit das Kind, das er ihr gemacht hat.

McLaren, du Bastard, du Kretin!

Aber seitdem war Malcom McLaren auch als Interpret eine feste Größe im Music-Business: Er war es, der die Postmoderne in den Pop gebracht hat, die heitere Selbstreferenz, die Ironie, die fröhliche Eingemeindung des Hohen ins Tiefe, die Aberkennung von Autoritäten, die neuen Mischungen. Ein Mann für V-Effekte, ein Bert Brecht des Pop. Ain't that lovely? Tun Sie sich jetzt bitte selber den Gefallen und hören hier mal rein: "Paris, Paris" - McLaren mit Catherine Deneuve, zweisprachig, gesungen und gesprochen.

Die britische Rock'n'Roll-Mischpoke

Und wenn Sie ganz tapfer sein wollen, geben Sie sich bitte das: Nymphchen im Dampfbad von Madame Butterfly, ein Video zu einer dieser Arien von Fans, Bilitis lässt übrigens ganz herzlich grüßen.

Wir haben eben behauptet, dass er nun auch als Interpret eine Rolle im Music-Business spielte. Stimmt. Denn zuvor war Mclaren schon als Manager von The Strand aufgefallen. Nie gehört? Klar, haben Sie! Daraus gingen die Sex Pistols hervor, die mit ihren grünen Haaren und dem "I-hate-Pink- Floyd" -T-Shirt damals die britische Rock'n'Roll-Mischpoke aufmischen sollten.

Und diese rüden Jungs prallten ausgerechnet mit dem Paradiesvogel- Quatschkopf-McLaren zusammen, der seit den sechziger Jahren eigentlich hauptamtlich Bühnenkostüme für Film und Theater schneiderte und später mit seiner Freundin Vivienne Westwood äußerst erfolgreich die Mode-Boutique Let it Rock an der Londoner Kings Road betrieb.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, was aus Vivien Westwood wurde.