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Zum Tod von Willibald Sauerländer:Sauerländer hat Frankreich als Kriegsgefangener lieben gelernt

Den im Fischer-Taschenbuchverlag erschienenen Aufsatz über "Das Königsportal in Chartres" hat Sauerländer mit einer Reihe von Äußerungen prominenter Literaten, Künstler und Kunsthistoriker eröffnet. Die mit rühmenden oder abwertenden Adjektiven geradezu überhäuften Zitate - sie wurden allesamt im 19. oder frühen 20. Jahrhundert verfasst - widersprechen sich in ihrer Bewertung und Ausdeutung der extrem in die Länge gezogenen Figuren und ihrer wunderbar individuell beseelten Gesichter so fundamental, ja sie stürmen mit ihren Meinungen so wortgewaltig und überzeugt in die unterschiedlichsten Richtungen davon, dass man das Schmunzeln des Mannes zu sehen glaubt, der die aus dem Bauch getätigten verbalen Ergüsse kunstbeflissener Herrschaften zusammengestellt und so als subjektive Spekulationen entlarvt, ja fast der Lächerlichkeit preisgegeben hat. Sauerländer verzichtet zwar auf ein wertendes Resümee, doch die feinen Andeutungen, die er den Texten bei der Vorstellung mitgibt, vermitteln eine Ahnung davon, wie entschieden er Urteile über Kunstwerke lang vergangener Epochen ablehnt, die ohne Kenntnis der historischer Gegebenheiten gefällt wurden.

Dass das Interesse an einem Werk aber nicht nachlassen muss, wenn man historisches Wissen zu Rate zieht, ja dass sich Spannung überhaupt erst dann entwickelt, wenn man ein Kunstwerk aus den spezifischen Bedingungen seiner Entstehung zu begreifen versucht und mit literarischen Zeitzeugnissen in Verbindung bringt, führt Sauerländer in seinem Taschenbuch über das Westportal von Chartres höchst eindrucksvoll vor. So kann er, vom biblischen Subtext ausgehend, durch Vergleiche mit Bildprogrammen anderer Kirchenportale und durch Hinzuziehen weltlicher wie geistlicher Texte des Mittelalters die scheinbar widersprüchliche Vielfalt der am Königsportal verteilten biblischen und weltlichen Skulpturenzyklen als subtil geordnetes Idealbild jener auf der Kirche gründenden höfischen Ordnung deuten, wie sie in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts im Herzen Frankreichs noch existiert haben muss.

Wer ein Land im denkbar widrigsten Moment lieben gelernt hat, der wird dieser Liebe auch in guten Tagen treu bleiben. Willibald Sauerländer ist, wie er selber 2009 bei einer Tagung in München bekannte, dem Zauber Frankreichs schon vor seinem Studium erlegen. Im Alter von 21 Jahren hat er als Kriegsgefangener in Frankreich das silbrige Flimmern der Pappeln und Weiden im Sonnenlicht, das Maler wie Corot im 19. Jahrhundert immer wieder auf Leinwände zu bannen versucht haben, als intimen Ausdruck Frankreichs lieben gelernt. Die lebenslange intensive Beschäftigung mit der Kultur dieses Landes und ganz besonders mit der Gotik und dem 19. Jahrhundert, also den beiden Epochen, in denen Frankreich der Welt neue Wege gewiesen hat, ist also Ausdruck eines empathischen Gefühls für die spezifischen Qualitäten dieses Landes.

In Rubens' katholischen Altären fand er eine Art von Gottesbeweis

Die diversen Aufsätze über Poussin, über Houdon, Chardin oder Manet, die in der Kunstwelt wie Entdeckungen gewirkt haben, deuten die Spur an, die ihr Autor vom Mittelalter bis hin zur Moderne und zur Gegenwart verfolgt hat. Und der ikonologische Ansatz, dem Willibald Sauerländer mit seiner Art der Argumentation immer wieder sehr nahe gekommen ist, hat ihm 1961 eine Einladung an das Institute for Advanced Studies nach Princeton und danach eine ganze Reihe weiterer Einladungen an prominente Universitäten der USA eingebracht. Das eigentliche Wunder im Leben des Kunsthistoriker Sauerländer ist aber, dass dem in akademischen Diensten verfassten wissenschaftlichen Werk nach der Emeritierung im Jahr 1989 ein zweites, thematisch nach vielen Seiten sich öffnendes wissenschaftliches Werk folgen sollte. Aus dem Doyen der Kunstgeschichtsschreibung wurde, wie er selber sagte, ein "Flaneur" der Künste, ein Entdecker, der sein fundamentales Wissen und seine Darstellungskunst neuen Forschungsgebieten zugutekommen ließ und seine Leser mit höchst anschaulichen Beweisführungen und verblüffenden Erkenntnissen fesselte.

Eines der einprägsamsten Beispiele für diese buchstäblich mitreißende Methode des Spurenverfolgens ist das 2011 erschienene Buch "Der katholische Rubens", das sich mit den von der Forschung peinlich vernachlässigten oder mit Phrasen wie "barocker Überschwang" abgetanen Schreckensbildern der katholischen Märtyrergeschichte im Werk von Rubens auseinandersetzt.

Nicht nur für Rubens-Liebhaber dürfte es ein besonderes Leseerlebnis sein mitzuverfolgen, wie der "aufgeklärte Agnostiker" Sauerländer, der Sohn eines Künstlers und Abkömmling einer Familie, "welcher alles Katholische verdächtig war", durch kompromisslose Rückbeziehung auf die teilweise extrem blutdürstigen Parolen der Gegenreformation und auf die recht eigensinnigen Glaubensordnungen der auftraggebenden Kirchen dem dargestellten grausigen Geschehen einen vieldeutig tiefen Sinn gibt und so die bildschöpferische und interpretatorische Leistung des Malers überhaupt erst verständlich macht. Man begreift: Nie hat das erzählerische und dramaturgische Genie von Rubens größere Wunder vollbracht als dort, wo "der Terror irdischer Historie" in die "Gnade des Himmels" überführt werden musste. Bei der kompositorischen Überhöhung der theologischen Gruseldramen ist dem Katholiken Rubens eine Art von Gottesbeweis gelungen.

Am Abend des 18. April ist Willibald Sauerländer im Alter von 94 Jahren in München verstorben.

© SZ vom 20.04.2018/luch

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