Zum Tod von Umberto Eco Eine unerhörte Neuigkeit

All diesen Werken ist eine extreme und empörungsfreie Künstlichkeit gemeinsam, sie sind Arbeiten eines neuen Manierismus, und in ihnen allen ist der menschliche Körper nur eine Matrix, der sich die strukturelle Gewalt der Verhältnisse einschreibt. Diese diese ziemlich provokante Aufkündigung des Autonomiegedankens war eine unerhörte Neuigkeit. Sie verabschiedete die säkulare Befreiungstheologie der Siebzigerjahre.

Umberto Eco hatte eben nicht nur einen raffiniert-doppelbödigen, ironisch gewitzten und mit allen Wassern der Theorie gewaschenen historischen Roman geschrieben, sondern er hatte das Lebensgefühl der Achtzigerjahre ähnlich pointiert ausformuliert wie etwas später beispielsweise Stephen Frears mit seiner Verfilmung des Romans "Gefährliche Liebschaften", der ebenfalls im historischen Kostüm daherkam - ist doch das Kostüm selbst schon Ausdruck von Uneigentlichkeit und listig bejahter Nicht-Identität.

Eco wird unvergessen bleiben

Umberto Eco, der geniale Architekt eklektisch-historischer Irrgärten, hat seiner ersten literarischen Schnitzeljagd weitere folgen lassen: "Das Foucaultsche Pendel" (1989) etwa, dessen Titel auch wieder eine Augentäuschung ist, verbirgt sich doch hinter der Figur des Physikers Léon Foucault der gleichnamige Denker Michel Foucault. Danach kamen "Die Insel des vorigen Tages" (1995), "Baudolino" (2001), "Die geheimnisvolle Flamme der Königin Loana" (2004) und zuletzt "Der Friedhof von Prag" (2010) heraus.

Diese Bücher waren allesamt postmoderne Scharaden im Spannungsfeld von Synkretismus, Wissen­schaftskolportage und Verschwörungstheorie. Dass sie nicht mehr so populär wurden, wie es sein erstes war, hing nicht nur mit der zunehmend routiniert wirkenden Technik des Autors zusammen.

Vielmehr war es der sich wandelnde Zeitgeist, der aller historischen Kulissenschieberei bald schon wieder überdrüssig wurde und die Kunst des ironischen Pastiches als so abgeschmackt empfand wie Memphis-Möbel oder Karottenjeans. So wurde Umberto Eco selbst ein Opfer der ästhetischen Mode, die er miterfunden und entscheidend geprägt hatte. Als unvergleichlicher Spurenleser und philosophischer Meister­detektiv wird er unvergessen bleiben.

Literatur Meister der Raffinesse
Umberto Eco zum 80.

Meister der Raffinesse

Eigentlich ist er Wissenschaftler, doch seinen Namen machte sich Umberto Eco als Großer der Weltliteratur: Seit drei Jahrzehnten begeistert der fulminante Fabulierer die Welt mit mysteriös verschlungenen literarischen "Schnitzeljagden". An diesem Donnerstag wird er 80 Jahre alt.