Zum Tod von Silvia Seidel "Alles war eine Katastrophe"

Weder im US-Filmgeschäft noch im deutschen Fernsehen konnte sich Silvia Seidel etablieren. Stattdessen spielte sie 20 Jahre lang am Boulevardtheater vor kleinerem Publikum - und litt zeitlebens darunter, dass sich die Boulevardmedien an ihrem vermeintlichen "Absturz" ergötzten.

Als "Anna" wurde sie berühmt, später spielte sie am Theater. Der Tod ihrer Mutter habe "alles verändert", sagte Silvia Seidel 2011.

(Foto: dapd)

1992 nahm sich ihre schwer depressive Mutter das Leben. "Da war alles vorbei, alles", erzählte Silvia Seidel 2011 der Süddeutschen Zeitung: "Alles, was ich gemacht habe, war eine Katastrophe, wie ich gelebt habe, war eine Katastrophe, was man mit mir gemacht hat, war eine Katastrophe." Teile des Boulevards machten die berühmte Tochter für den Tod der Mutter verantwortlich. Während sie sich im Ruhm sonne, habe sie ihre kranke Angehörige vernachlässigt, die aus Gram darüber gestorben sei. Selbstsüchtig sei sie gewesen. Und so zickig, die kleine Primaballerina: Beschwere sich darüber, dass sie immer nur die gleichen Rollen angeboten bekomme, und die wolle sie dann nicht mal annehmen. Sogar zu Anna - der Film habe sie überredet werden müssen. Und danach nie wieder im Tutu auf der Leinwand stehen wollen. Ein bisschen undankbar sei das doch wohl.

Silvia Seidel, die Selbstzweifel und der Boulevard

Im Gespräch mit der SZ verriet Silvia Seidel noch im August vergangenen Jahres, wie schwer ihr diese zugeschriebene Rolle gefallen sei: Ausgerechnet ihr, der Schulabbrecherin, die sich nicht mal die Schauspielschule zugetraut habe, wurde in der Öffentlichkeit Hochnäsigkeit vorgeworfen, nur weil sie mal eine Ballerina gespielt habe. Und es ärgerte sie, dass immer noch Artikel auftauchten, die von ihrem Absturz schrieben, obwohl sie seit mehr als 20 Jahren von der Schauspielerei lebe. Dabei sei sie froh gewesen, dass sie am Theater "endlich richtige Rollen" habe spielen können. Und nicht nur die kleine blonde Ballerina. Immer und immer wieder.

Zuletzt spielte sie in Forsthaus Falkenau und bei den Rosenheim Cops mit, doch noch Anfang vergangenen Jahres sagte sie: "Ich bin oft arbeitslos und weiß manchmal nicht, wie ich meine Miete zahlen soll." Im Herbst diesen Jahres hätte sie wieder ein Engagement am Theater gehabt.

Silvia Seidel hat in ihrem kurzen Leben wohl viel gehadert. Mit sich, mit der Schauspielerei, mit ihrer Wahrnehmung in der Öffentlichkeit, mit den Geldproblemen, die eine Rolle als Theaterschauspielerin und ehemaliger Kinderstar mit sich bringen kann. Einst verriet sie: "Mir hat meine Angst viel kaputtgemacht. Sie ist das Gegenteil von Freiheit. Ich hatte so viel Angst und Selbstzweifel, dass ich schöne Momente nicht genießen konnte." Sie starb nun in der Stadt, in der sie geboren wurde, in ihrer Wohnung im Glockenbachviertel, einen Abschiedsbrief hinterlassend.

Die Wirtin ihrer Stammkneipe "Maria" in der Klenzestraße, Maria Mukalovic, eine Weggefährtin, die nach ein paar Tagen Sorge um die Schauspielerin die Polizei verständigt hatte, erzählt nun tief schockiert von den letzten Wochen ihres Lebens. Verzweifelt sei Seidel gewesen. Wegen der Trennung von ihrem Lebensgefährten, dem Autor Patrick McGinley, und immer wieder der Suche nach dem Sinn und den Sorgen um den Lebensunterhalt.

Silvia Seidel, die einst eine ganze Nation verzaubert und Tausende kleiner Mädchen inspiriert hatte, erschien im zarten Alter von 42 Jahren das Leben nicht mehr lebenswert. Im Jahr 2012, 25 Jahre nach ihrem Erscheinen in der Öffentlichkeit, im Jahr des Wulff-Rücktritts, Fußball-EM und Olympia, da bewegt ihr Tod nun die Öffentlichkeit.

Sie war wohl zu zart für diese Welt, und die Welt hat das wohl erkannt. Für ein paar tüchtige Schlagzeilen reichte das aus. Nicht aber für ein ganzes Leben.

Anmerkung der Redaktion: Wir haben uns entschieden, in der Regel nicht über Selbsttötungen zu berichten. Es sei denn, sie erfahren durch die Umstände besondere Aufmerksamkeit. Die Berichterstattung im Fall Seidel gestalten wir deshalb bewusst zurückhaltend, wir verzichten weitgehend auf Details. Der Grund für unsere Zurückhaltung ist die hohe Nachahmerquote nach jeder Berichterstattung über Suizide. Wenn Sie sich selbst betroffen fühlen, kontaktieren Sie bitte umgehend die Telefonseelsorge. Unter der kostenlosen Hotline 0800-1110111 oder 0800-1110222 erhalten Sie Hilfe von Beratern, die schon in vielen Fällen Auswege aus schwierigen Situationen aufzeigen konnten.