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Zum Tod von Petra Schürmann:Mehr Liebe geht nicht

Eine Bilderbuchkarriere, eine Bilderbuchfamilie, ein Bilderbuchleben. Und doch: Ihrer Tochter in den Tod folgen zu dürfen, bezeichnete sie als Feierlichkeit.

Die Nachricht kam nicht überraschend. Sie hatte sich angekündigt. Menschen, die sie gut kannten, sprechen von einer "Erlösung", sie selbst hat diesen Moment sogar mal als "Feierlichkeit" bezeichnet. Petra Schürmann, die ehemalige TV-Moderatorin und bisher einzige deutsche "Miss World" (1956) ist im Alter von 74 Jahren in der Nacht zum Donnerstag gestorben.

Petra Schürmann fühlte sich für den Tod ihrer Tochter Alexandra schuldig.

(Foto: Foto: dpa)

Petra Schürmann ist 21 Jahre alt, als sie 1956 zunächst zur "Miss Köln", dann zur "Miss Germany" und ein paar Monate später zur "Miss World" gewählt wird. Ihre Eltern, strenggläubige Katholiken, halten eine "Miss" anfangs für so etwas wie eine Stripperin. Als Familie Schürmann nach der Wahl zur "Miss World" gemeinsam in die Kirche geht, schimpft der Priester von der Kanzel herab: "Man stellt seinen christlichen Leib nicht zur Schau! Im Übrigen - nur die Mutter Gottes, Maria, war schön." Mönchengladbach, die fünfziger Jahre in der alten Bundesrepublik.

Schürmann zieht nach München, und weil sie nicht nur die schönste Frau der Welt ist, sondern auch eine wunderbar klare Aussprache hat, bekommt sie einen Job als Ansagerin im Bayerischen Rundfunk. Es ist der Start einer großen westdeutschen Karriere. Bald schafft sie den Sprung zur Moderatorin. Populär wird sie Anfang der achtziger Jahre mit dem "MM-Montagsmarkt", sie moderiert bis 2000 "Das Verkehrsgericht tagt" und ab 1985 vor allem Unterhaltungssendungen und Galas. Mehr als 600 Sendungen finden sich in den Archiven von ARD und ZDF. Schürmann wird, wenn man so will, zum weiblichen Thomas Gottschalk der Achtziger. Sie gehört zur Münchener High Society, wohnt in einer Villa in Starnberg. Seit 1973 mit Gerhard Freund verheiratet. Die beiden haben eine Tochter: Alexandra Maria. Eine Bilderbuchkarriere, eine Bilderbuchfamilie, ein Bilderbuchleben. Bis zum 21. Juni 2001.

Ein Bilderbuchleben endet abrupt

Im Polizeibericht steht, dass am 21. Juni 2001 um 8:45 Uhr auf der A 8 der Geisterfahrer Tobias B. aus Rosenheim mit seinem Mercedes frontal in den VW Passat von Alexandra Maria Freund raste. Es ist der Moment, der Petra Schürmanns Leben zertrümmert. Sie steht damals im Wohnzimmer ihres Hauses, eine Tasse Tee in der Hand. Eigentlich war sie für die Moderation nahe Rosenheim vorgesehen, und ihre Tochter, die auch beim Bayerischen Rundfunk als Moderatorin arbeitete, war nur eingesprungen, weil es ihrer Mutter nicht gutging. Das Radio läuft. "Liebe Hörer, wir unterbrechen unser Programm, ein Unfall auf der A 8 Richtung Rosenheim", und Petra Schürmann fühlt, dass etwas Schreckliches passiert ist.

Der Schweizer Paar- und Familientherapeut Peter Fässler-Weibel, der Angehörige von Unfallopfern psychologisch betreut, beschreibt den erlittenen Verlust Schürmanns so: "Beim plötzlichen Tod eines Kindes verändert sich das Leben von einer Minute auf die andere: fundamental, radikal, unvorbereitet. Es ist so, als ob man einem Computer den Stecker zieht. Man kann den Stecker natürlich wieder reinstecken, aber bis die ganze Maschinerie wieder hochgefahren ist, dauert es eine Weile - und es kann sein, dass einige Programme nicht mehr funktionieren. Die emotionale Erschütterung führt zu einer völligen Neudefinition des künftigen Lebens und ist irreversibel."

Im Fall von Petra Schürmann diagnostiziert ein Arzt eine psychoreaktive Sprechstörung aufgrund ihrer Trauer. Die Ex-Fernsehansagerin verliert ihre Stimme, erst fallen ihr ein paar Wörter nicht mehr ein, dann spricht sie gar nicht mehr. Vor die Kamera tritt sie nicht mehr. In Zeitschriften ist die Rede von Magersucht, Alkohol- und Tablettenabhängigkeit, von einem Schlaganfall, von Parkinson, von Alzheimer. Diese Gerüchte dementiert Petra Schürmann selbst, per SMS.

Sie beginnt mehrere Trauertherapien, bricht sie aber nach kurzer Zeit wieder ab. Sie geht zu einer Logopädin wegen ihrer Sprachprobleme, aber sie wird ihre Sprache nie wieder finden. Sie stellt ein Fernglas auf den Balkon ihres Hauses, damit sie immer auf die Grabstätte ihrer Tochter auf dem Aufkirchener Friedhof schauen kann. "Petra hat ihre Tochter nie aus den Augen gelassen", sagt eine Freundin. "Aus Furcht, dass ihr etwas passieren könnte. Als Alexandra älter wurde, waren die beiden wie ein seelenverwandtes Paar. Petra fühlte sich für den Tod Alexandras schuldig."

"Meerstern, ich dich grüße"

Zu den Sprachproblemen kommen körperliche Hemmnisse. Im April 2006 fällt es Schürmann schon schwer, sich zu bewegen. Sie geht kaum noch aus, um nicht immer angestarrt zu werden. Ihre einst wöchentlichen Besuche beim Friseur des Bayerischen Hofs stellt sie ein, zu Hause wird ein Pflegeteam engagiert, das für das Paar wäscht, kocht, putzt und einkauft. Wenn Schürmann ans Grab ihrer Tochter will, chauffiert sie ein Pfleger.

Bei ihrem Mann Gerhard Freund wird wenig später Krebs diagnostiziert. Kurz vor seinem Tod 2008 spielt er für seine Frau "Meerstern, ich dich grüße". Es war Alexandras Lieblingslied, es ist Petra Schürmanns Lieblingslied. Das Paar hatte mit Alexandras Tod den Lebensmittelpunkt verloren. "Frau Schürmann saß mit großen Augen neben ihm, hielt seine Hand, erkannte die Melodie, und die Tränen kullerten ihr über die Wangen", erinnert sich Ursula von Bayern, ihre beste Freundin, Alexandras Patin.

Familientherapeut Fässler-Weibel sagt: "Schuldgefühle können einen Menschen um den Verstand bringen." In ihrem Buch "Und eine Nacht vergeht wie ein Jahr", das Petra Schürmann im Jahr 2002 über die Beziehung zu ihrer Tochter schrieb, schließt sie mit den Worten: "Ich liebe dich, Alexandra, und habe eine unstillbare Sehnsucht nach dir. Doch jetzt trennen uns nicht nur zwei Türen voneinander, sondern Lichtjahre. Aber dann, wenn wir uns treffen, ist es wie eine Feierlichkeit." Der eigene Tod als Feierlichkeit. Mehr Liebe geht nicht.

© SZ vom 15.01.2010/iko
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