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Zum Tod von Otto Sander:Schwerelos auf schwankendem Grund

Otto Sander

Wanderschauspieler über allen möglichen Abgründen: Otto Sander (1941-2013).

Otto Sander verstand es, die Komik auf die Seite der Traurigkeit zu tragen - und wieder zurück. Nun ist der große deutsche Schauspieler, der seiner Physiognomie einen unwiderstehlichen Ausdruck von Vergeblichkeit geben konnte, im Alter von 72 Jahren gestorben.

Ein Nachruf von Lothar Müller

Einmal, im Sommer 1998, reiste der Schauspieler Otto Sander in die böhmische Provinz. In der Bar des Hotels wartete er auf seinen Auftritt, trank ein Glas Rotwein, ging dann hinüber ins Schloss und las im Festsaal aus den Lebenserinnerungen Giacomo Casanovas.

Er holte in seine Stimme das Alter hinein, in dem Casanova als Bibliothekar auf Schloss Dux seine Memoiren geschrieben hatte, aber auch den jugendlichen Liebhaber, den der alte Mann in der ungeliebten Provinz wieder zum Leben erweckte. Dann verbeugte er sich knapp, und später im Hotel signierte er Bierdeckel.

Es war etwas von einem Wanderschauspieler in Otto Sander, der die Provinz nicht scheute, der mal auf der Bühne, mal am Filmset, mal am Lesepult die ungeheure Komik auf die Seite der ungeheuren Traurigkeit trug und wieder zurück.

In Hannover war er im Kriegssommer 1941 geboren, aber dass er in Kassel sein Abitur machte und in München Theaterwissenschaft, Philosophie und manches andere studierte, sagt vielleicht weniger über ihn, als dass er, der Sohn eines Flottilleningenieurs seinen Wehrdienst bei der Marine ableistete. Er hatte den schwankenden Boden schon im Blut, als er an der Otto-Falckenberg-Schule in München Schauspielunterricht nahm - wahrscheinlich von Kindheit an, in der er selber Stücke schrieb und Bösewichter spielte.

In den Dramen Anton Tschechows gibt es die "Menschen der achtziger Jahre", die sich in ihrem Leben verlaufen haben. Otto Sander spielte sich in den Siebzigerjahren in diesen Typus hinein. Er hatte in Düsseldorf debütiert und dann in Heidelberg gespielt, bis ihn Claus Peymann 1968 an die Freie Volksbühne nach Berlin geholt hatte.

Schwerkraft irgendeines Untergangs

Und als er dann 1970 an die Schaubühne Peter Steins wechselte, wurde bald, zum Beispiel in seinem Ingenieur Suslow in den "Sommergästen" (1975) sichtbar, woraus er seine Menschen der Achtzigerjahre aufbaute. Er konnte seiner Physiognomie - da mochten Sommersprossen, rote Haare und ein Schnauzer noch so sehr darum bitten, ihre alten Vitalitätsrollen behalten zu dürfen - einen unwiderstehlichen Ausdruck von Vergeblichkeit geben, sie ganz der Schwerkraft irgendeines Untergangs aussetzen.

Er konnte seine Stimme knarzend schlurfen lassen und sie ganz plötzlich straff anziehen wie eine Hundeleine, er konnte seine Gesamtgestalt ins Schwanken bringen, ohne das buchstäblich physisch tun zu müssen, und er machte das alles im "kleinen" Register, wie beiseite gesprochen.

Zum Wanderschauspielerhaften von Otto Sander gehörte auch, dass er nie auf die ganz großen Rollen abonniert war. Er war 2004 in Bochum der "Hauptmann von Köpenick", spielte aber meist eher Claudius als Hamlet wie bei Peter Zadek in Wien 1999.

In Volker Schlöndorffs "Blechtrommel" war er der betrunkene Trompeter und in Wolfgang Petersens Film "Das Boot" nicht der Kommandant, sondern der Ritterkreuzträger Thomsen, der gegen den Untergang antrinkt und dem man nur einmal in die Augen sehen muss, um zu wissen, dass das nichts helfen wird.

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