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Zum Tod von Otto Piene:Sonne statt Atomwaffen, Regenbogen für Olympia

In diesem Geist haben auch die Veranstalter Piene nach Berlin geholt: Er sei "einer der großen Kunsterneuerer des 20. Jahrhunderts", sagte der Kurator der Neuen Nationalgalerie, Joachim Jäger, zur Eröffnung. Seine Kunst erinnere an die Visionen, Hoffnungen und Taten einer Generation, für die Piene stellvertretend sei.

Happy Dias in der Nacht

Love, Peace and Happiness - in diesem "Spirit", wie Piene sagte, ist auch die Ausstellung in der Neuen Nationalgalerie zu sehen, die nur nachts geöffnet ist, und gemütlich auf Sitzsäcken betrachtet wird. Der Titel "The Proliferation of the Sun" (Die Sonne kommt näher) bezieht sich auf die "Non Proliferation-Treaties" zur Kernwaffenbegrenzung aus der Atomwaffenzeit. Piene wollte mit seiner Diashow, die er 1967 mit damals neuester Diatechnik und handbemalten Glasdias zu einer kleinen Theateraufführung verdichtet hatte, der Atomkraft und den politischen Diskussionen darum betont friedliche Bildwelten entgegegensetzen. Die Arbeit gilt als richtungsweisende Multimedia-Performance der 60er Jahre. "Total toll, Revolution, internationale Solidarität!", riefen junge Besucher nach der Performance am Donnerstag durch die Nacht. Da wussten sie noch nicht, dass der Künstler gerade gestorben war.

An diesem Freitagmittag mussten Pienes Witwe und die Veranstalter nun darüber beraten, ob das Sky-Art-Event abgesagt wird. Doch die gute Nachricht lautet: Es findet trotzdem statt, zu Ehren des Künstlers.

Und auch damit schließt sich ein Kreis - und der hat wieder mit Gewalt, wieder mit Optimismus zu tun. Und mit München und einem großen Sportereignis, das die Welt in Aufruhr versetzt hatte.

Wie Piene einst dem Olympia-Attentat in München entgegentrat

Es muss traumatisch gewesen sein, auch für Otto Piene. Als der Künstler am 11. September 1972 sein Kunstwerk über den See im Münchner Olympiastadion spannte, wo sechs Tage zuvor elf israelische Sportler, fünf palästinensische Terroristen und ein deutscher Polizist dem Olympia-Attentat zum Opfer gefallen waren, war er gerade auf einem Höhepunkt seiner Karriere.

Der Zweite Weltkrieg war seit einem Vierteljahrhundert vorbei, Piene hatte nach dem Begründen von "Zero" und nach der Erfindung seiner Licht- und Feuerkunst gerade eine Professur für Umweltkunst erhalten - am renommierten Massachussets Institute of Technology (MIT), wo er sein geliebtes Licht weiter erforschen konnte.

Und dann das. Schon wieder Gewalt, schon wieder Blut, schon wieder Angst und Schrecken, und das in seiner alten Heimat. Mit seiner Hinwendung zur Kunst, zum Licht, zum Positiven, hatte Piene ja eigentlich den Schrecken seiner Kindheit und Jugend entkommen wollen. Und doch muss es nicht nur Trauma, sondern auch Triumph gewesen sein: Der Künstler spannte einen Regenbogen aus Licht über den Olympiasee.

Das war natürlich schon vor dem Attentat geplant (die Technik war für damalige Verhältnisse sehr aufwändig und ganz neu und benötigte eine lange Vorbereitungszeit), aber jetzt, nach diesem Schrecken, war die sowohl künstlerische als auch politische Strahlkraft umso größer. Piene konnte mit seinem Regenbogen aus Licht der Gewalt seine ganze positive Energie entgegensetzen - und ein Zeichen der Hoffnung in den Himmel malen.

Himmelskünstler mit Überraschungseffekt

Und nun ist es also wieder dramatisch geworden um Otto Piene und seine Himmelskunst. Um es allerdings mit dem ganz großen Optimismus zu sehen, den Piene sein Leben lang vertrat, muss man an ein Zitat von ihm erinnern, das da lautet: "Ich muss gestehen, dass ich in meiner Arbeit immer dann am glücklichsten war, wenn sie eine überraschende Wendung nahm."

Die Sterne werden wieder fliegen am morgigen Samstagabend. Ganz in seinem Sinne.

Die Ausstellung "Otto Piene. More Sky" - ist tagsüber in der Deutsche Bank Kunsthalle zu sehen (Unter den Linden 13, täglich von 10 bis 20 Uhr, Eintritt 4 Euro), nachts von 22 bis 3 Uhr in der Neuen Nationalgalerie, Potsdamer Str. 50 (täglich außer montags). Das Sky-Art-Event startet am Samstag, 19. Juli, auf dem Dach der Neuen Nationalgalerie um 17 Uhr und endet um 3 Uhr, Prime-Time (alle Sterne am Himmel) ist von 21 bis 23 Uhr. Weitere Infos unter www.ottopieneinberlin.de