Zum Tod von Miloš Forman Der Mann, der den amerikanischen Traum lebte

29. März 1976: Forman (links) nimmt seinen ersten Oscar aus den Händen von William Wyler entgegen, Diane Keaton beobachtet die Szene.

(Foto: UPI/dpa)

Die Nazis töteten seine Eltern, die Kommunisten trieben ihn ins Exil, wo er nach wenigen Jahren den Oscar gewann: Über das filmreife Leben des Regisseurs Miloš Forman.

Nachruf von Oliver Das Gupta

Neun - diese einzelne Zahl reicht als Beleg dafür, wie außergewöhnlich Miloš Forman war. Nur neun Kinofilme hat der Regisseur gedreht in seiner Zeit in den USA. Das hat ihm ausgereicht für eine Weltkarriere.

Für seine Arbeit regnete es unzählige Preise: Golden Globes, den Goldenen Bären, "Einer flog über das Kuckucksnest" und "Amadeus" erhielten jeweils mehrere Oscars. Was für eine Ausbeute - und all das innerhalb von 35 Jahren.

Miloš Forman ist nun gestorben, seine 86 Lebensjahre sind filmreif verlaufen. Denn seine Geschichte ist nicht nur die eines erfolgreichen Hollywood-Regisseurs, es ist auch die Geschichte eines Flüchtlings, der erst alles verlor und dann alles gewann.

Zur Welt kommt er 1932 als Jan Tomáš Forman in Mittelböhmen. Heil verläuft allenfalls die frühe Kindheit in der Tschechoslowakei. Als Schüler erlebt er dann den Einmarsch von Hitlers Wehrmacht und die anschließende brutale Besatzungszeit. Die Deutschen verschleppen seine Eltern, die christliche Mutter kommt in Auschwitz um, sein jüdischer Vater stirbt im Thüringer Konzentrationslager Mittelbau-Dora. Erst nach dem Krieg wird Miloš klar, was mit seinen Eltern passiert wirklich ist.

Ziel des jungen Regisseurs: "Den Mist der fünfziger Jahre" hinter sich zu lassen

Damals weiß der Junge schon, was ihn fasziniert: die Schauspielerei, die Bühne. Sein älterer Bruder, der beim Theater arbeitet, nimmt ihn mit hinter die Kulissen. Auf die Theaterakademie schafft er es nicht, so studiert Forman an der Prager Filmhochschule. In den sechziger Jahren dreht er erste Filme mit Laiendarstellern. Bald wird klar, wie talentiert er ist, wie kreativ und experimentierfreudig, auch weil er versucht, den "Mist in der tschechischen Kultur der fünfziger Jahre" hinter sich zu lassen, wie er später sagen wird.

Formans Regiedebüt trägt den Titel "Der schwarze Peter". Es ist ein Streifen über einen unangepassten Jugendlichen, der im Prinzip zu seinen späteren Meisterwerken passt. Im Mittelpunkt steht ein Mensch, der sich gegen den gesellschaftlichen Konformitätsdruck stemmt, der eigene Wege sucht und manchmal findet. Das ist der rote Faden, der sich von Formans Erstling über "Amadeus" bis hin zu "Larry Flynt - die Nackte Wahrheit" ziehen wird.

Foremans "Schwarzer Peter" gewinnt prompt einen Preis beim Internationalen Filmfestivals in Locarno, missfällt aber dem kommunistischen Regime. "Das schlimmste war nicht die Zensur, sondern die Selbstzensur", sagt Forman später über diese Zeit. "Sie wollten, dass du dich schuldig fühlst." 1967 provoziert er mit dem "Feuerwehrball" die Mächtigen erneut: Sein Film zeigt, wie sich ein Fest unter dem Einfluss von Parteifunktionären grotesk entwickelt. Es handelt sich um eine gesellschaftskritische Satire, einen Aufreger, der aus dem Alltag destilliert ist und bis hin zum Absurden zugespitzt wird. Stoff von dieser Art wird Forman auch später bei "Einer flog übers Kuckucksnest" über eine psychiatrische Anstalt verwenden, aber in der Tschechoslowakei bricht er ein Tabu. Dort wird der "Feuerwehrball" verboten.

Ins Exil - ohne Frau und Kinder

Einige Monate später versuchen sich die politischen Reformer im Land an einem "Sozialismus mit menschlichem Antlitz" und scheitern. Der Prager Frühling wird im Sommer 1968 blutig niedergeschlagen. Forman verhandelt zu dieser Zeit gerade in Frankreich über neue Projekte. Er bleibt kurzentschlossen im Westen und lässt alles zurück, auch seine Frau und seine beiden Zwillingssöhne. "Zuhause ist dort, wo ich mich am besten fühle", wird er später sagen, "das ist auch bei der Arbeit". Das Bedauern, seine Kinder zurückgelassen zu haben, empfindet er erst, als er 30 Jahre später noch einmal Vater wird.

Forman emigriert in die Vereinigten Staaten. Was dort in den nächsten Jahren passiert, ist verblüffend. Der "Feuerwehrball" wird als bester ausländischer Film für den Oscar nominiert. Tatsächlich verliehen bekommt Forman die begehrte Statuette dann 1976 für "Einer flog übers Kuckucksnest" - also nur acht Jahre, nachdem er in die USA geflohen ist (und immer noch mit starkem Akzent wie ein Neuankömmling spricht, worüber Schauspieler witzeln). Alles verloren, hart gearbeitet, alles gewonnen: Forman lebt den amerikanischen Traum.

Seine Liebe aus Kindheitstagen zum Theater zeigt sich auch bei späteren Projekten: Forman verfilmt das Musical "Hair", dann das Mozart-Bühnenstück "Amadeus". Letzteres wurde kritisiert, weil es etwas weit weg ist von der historischen Gestalt. Doch der Erfolg ist immens: acht Oscars gewinnt "Amadeus".

"Einer der glücklichsten Momente meiner Karriere"

Nicht mit allen Projekten reüssiert Forman, aber in seinen letzten Lebensjahrzehnten ist ihm das offenkundig nicht mehr so wichtig. Nachdem er 2006 seinen Goya-Film veröffentlicht, verkündet er, dass es das war: Er freue sich auf die Rente.

Außergewöhnlich ist an Forman auch , dass er trotz seines Ruhms all die Jahre geerdet bleibt. Anders als andere in der arroganten, beinharten Welt von Hollywood, scheint er bis zum Ende ein freundlicher, zugewandter Mensch geblieben zu sein. Er hält Kontakt in seine alte Heimat, "Amadeus" dreht er vor allem in Prag. Und auch im Herbst seines Lebens kehrt er zurück an die Moldau zum Arbeiten.

2007 inszeniert er die tschechische Jazzoper "Ein gut bezahlter Spaziergang" im Prager Nationaltheater. Es ist ein Stück, das er auch schon in den sechziger Jahren bearbeitet hat, damals, als seine beiden ersten Söhne zur Welt kamen, die er dann zurückließ. Diesmal inszenieren sie gemeinsam mit dem Vater die Oper. Für den wird es "einer der glücklichsten Momente meiner Karriere". So bereitet Miloš Forman seiner persönlichen Story schon Jahre vor seinem Tod ein Happy End.

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