bedeckt München 19°
vgwortpixel

Zum Tod von Marcel Reich-Ranicki:"Er war selten unkontrolliert"

Wutausbrüche und Fehde gab es aber doch - wenn man Schilderungen aus der Literaturszene glauben darf.

Ja, er war berühmt für seine Show. Reich-Ranicki war jemand, der auch öffentlich Theater gespielt hat. Das war eine Performance, vielfach künstlich inszeniert. Er war in der Öffentlichkeit partiell ein anderer Mensch.

Und wie war er, wenn er nicht seine eigene Kunstfigur war?

Nun ja, so ganz verstummt ist seine öffentliche Seite da auch nicht. Aber auch dann hatte es immer etwas Spielerisches, eine Mischung aus Aggression und Zuwendung. Das passierte auch in Telefongesprächen, das waren spielerische Rituale a la: "Wo bleibt Ihre Kritik, die Welt wartet!" Aber wenn er wirklich theatralisch wurde, war das nur selten unkontrolliert.

Manche warfen ihm damals vor und erinnern auch jetzt, nach seinem Tod, wieder daran, dass er immer nur habe kritisieren können. Das alte Lied: Dem Kritiker wird vorgeworfen, dass er Kritiker und nicht selber Autor ist.

Gegen diese Kritikfeindlichkeit hat er immer unermüdlich angeschrieben. In seinem Fall hing das auch mit seiner Vergangenheit zusammen. Die nationalsozialistische Kulturpolitik hatte 1936 ein offizielles Verbot der Kunstkritik erlassen - unter dem Vorwand, das schöpferische Genie vor den Zersetzungen der Kritik zu schützen und sie durch "Kunstbetrachtung" zu ersetzen. Für Reich-Ranicki war das ein abschreckendes Beispiel in einer langen und bis heute andauernden Kritikfeindlichkeit.

Aber hatte er nicht auch mehr Spaß an der Kritik als am Lob? War sein Urteil denn ausgeglichen? War er gerecht oder eher selbstgerecht?

Reich-Ranicki hat einmal einen Band mit lauter Verrissen und gleichzeitig einen Band mit lauter Lobreden veröffentlicht. Sein nachträglicher Kommentar dazu lautete, dass die Verrisse viel lieber und häufiger gelesen wurden. Offensichtlich war er sich bewusst, dass er mit großer Kritik mehr öffentliche Resonanz bekommt als mit Lobreden.

Woran liegt das?

Schwierig zu sagen. Kritik polarisiert mehr als Lob. Über Lobreden freut man sich und stimmt zu. Man ärgert sich vielleicht ein bisschen, wenn jemand gelobt wird, den man nicht mag. Aber die emotionale Resonanz auf kritische Beiträge ist wohl auch im Alltagsleben immer sehr viel stärker als auf Lob. Reich-Ranicki wurde ja nicht nur gemocht. Aber er wurde auch gemocht, weil er so gut kritisieren konnte. Das ist eine Technik der Aufmerksamkeitserregung, die er meisterhaft beherrschte.

Auch er selbst wurde oft angegriffen. Wie ist er damit umgegangen?

Viel Feind, viel Ehr', hat er sich wohl gedacht. Das hat ihn sicher zuweilen auch mal gestört. Aber die Angriffe haben ihn nicht nachhaltig gekränkt.

Wie war das an seinem Lebensende? Er war sehr krank zum Schluss.

Dazu gäbe es einiges zu sagen, auch über den Umgang der Presse mit ihm. Da sind merkwürdige Geschichten aufgetaucht, unter anderem, dass er an Krebs erkrankt sei, was ziemlicher Quatsch ist. An dem er allerdings nicht ganz unschuldig war. Er muss das wohl gegenüber der Bild-Zeitung erwähnt haben. Er hatte auch in der Tat einmal Prostata-Krebs, aber das liegt 15 Jahre zurück und ist damals erfolgreich behandelt worden. Wie diese alte Geschichte nun neu an die Öffentlichkeit gelangt ist, ist nicht ganz klar.

Und wie krank war er wirklich?

Darüber wird bisher wenig geredet. Bis vor zwei, drei Jahren war er noch sehr präsent, hatte ein hervorragendes Gedächtnis. Dann gab es einen Knick. Im Grunde ein ähnlicher Fall wie Walter Jens, nur nicht so stark erkrankt. Es war eine Art Lebenserschöpfung.

Die Feindschaften, die er sich mit seinem Job auch zugezogen hat, haben die für ihn am Ende noch eine Rolle gespielt?

Bei allen Zerwürfnissen, die es gab: Er war immer der Typ, dem daran gelegen war, dass es wieder rückgängig gemacht wurde. In vielen Fällen ist ihm das auch gelungen: unter anderem mit Walter Jens, sogar mit Günter Grass. Sie haben Jahre später miteinander geredet und sich einigermaßen versöhnt. Das war ihm immer ein Anliegen, er hat darunter in irgendeiner Weise schon gelitten. Bei Martin Walser ist ihm das aber wohl nicht mehr gelungen.