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Zum Tod von Lou Reed:Düstere Vorahnung der Popgeschichte

The Velvet Underground hatte keinen Erfolg. Erfolg und Bedeutung ergeben sich nicht zwangsläufig. Niemand illustrierte das so deutlich, wie The Velvet Underground. Brian Eno prägte Jahre später mal das Bonmot, dass das Debütalbum der Velvet Underground zwar nur 30.000 Stück verkaufte, aber dass jeder einzelne, der eines der Alben kaufte eine Band gründete.

Im Sommer 1970 verließ Reed The Velvet Underground. Ein Jahr später bekam er einen Plattenvertrag bei RCA und nahm ein paar Songs auf, die er noch nicht veröffentlicht hatte. Die Plattenfirma steckte ihn dafür mit Musikern der prätentiösen Progrock-Band Yes ins Studio. Doch mit seinem nächsten Album "Transformer" lieferte Lou Reed mit David Bowie als kongenialem Produzenten das letztgültige Monument für die Sünden des Rock'n'Roll ab. Der Song "Walk on The Wild Side" mit seinen gegenläufigen Basslinien, seiner Shuffle-Gitarre, den ironischen Soulchören taugte zwar fürs Radio und erzählte doch aus den tiefsten Niederungen der Lower Eastside.

"Transformer" war nur der Auftakt für die nächsten vierzig Jahre, in denen er den Kanon des Rock immer wieder neu definierte und vor allem in Frage stellte. Als sich der Erfolg endlich einstellte, als er mit "Berlin" ein furioses Konzeptalbum über die Frontstadt ablieferte und mit "Sally Can't Dance" die Top 10 eroberte, veröffentlichte er "Metal Machine Music", ein Doppelalbum mit über einer Stunde Feedback-Kreischen und Gitarreneffekten, die Reed zur Quintessenz der Rockmusik erklärte. Egal, dass er mit seinem nächsten Album "Coney Island Baby" plötzlich wieder den sonnendurchfluteten Pop-Geist der frühen Sechzigerjahre aufleben ließ.

Die Grenzen zwischen den Künsten spielten keine Rolle mehr

Die schlechte Laune blieb. Wer es schaffte und ihm nach langen Vorverhandlungen als Journalist begegnete, bekam seine tiefe Verachtung für diesen Berufsstand dann eine Stunde lang bei einem Mittagessen oder einem Besuch daheim zu spüren. Doch seine Arbeit wurde immer fundierter. Alben wie "New Sensation", "New York" oder "Magic and Loss" erinnerten in unregelmäßigen Abständen daran, dass Rockmusik längst zum Kern der amerikanischen Kultur gehörte. Reed war Teil jenes kleinen Kreises des kulturellen Amerika, in dem die Grenzen zwischen den Künsten schon seit vielen Jahrzehnten keine Rolle mehr spielen. Auch wenn er sich nie zu schade war, seine alten Songs zu spielen.

Und sei es nur, um sich als guter Nachbar zu beweisen, wie an jenem Spätsommernachmittag, als er zur Eröffnung des ersten wiederaufgebauten Wolkenkratzers von Ground Zero aufspielte. Das war buchstäbliche Nachbarschaftshilfe. Reed und seine Lebensgefährtin, die Performance-Künstlerin Laurie Anderson, wohnten nicht weit vom Ort des Anschlages. Der Baulöwe Larry Silverstein hatte geladen, der Pächter des World-Trade-Center-Geländes. Da stand Lou Reed dann und spielte sogar "Perfect Day", seine freundliche Ballade, die auch auf Hochzeitfesten gern gehört wird. Dann aber schimpfte er doch noch auf die Immobilienwirtschaft in New York und auf die Präsidentschaftskandidaten, bevor er "Sweet Jane" anstimmte.

Im Mai dieses Jahres musste sich Lou Reed einer Lebertransplantation unterziehen. Am Sonntag ist er auf Long Island gestorben. Er wurde 71 Jahre alt.

© SZ vom 28.10.2013/kjan

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