Süddeutsche Zeitung

Zum Tod von Lemmy Kilmister:Adieu, dunkler Gegenpapst

Der Motörhead-Sänger Lemmy Kilmister benannte die Vergeblichkeit, Lächerlichkeit und Grausamkeit der Menschheitsgeschichte schonungslos. Erlöserische Heilsversprechen? Nicht mit Lemmy.

Nachruf von Jörg Scheller

Am Ende war die Ähnlichkeit unübersehbar. Gezeichnet von schweren Krankheiten, zitternd und schwankend, schleppte sich der eine über die Redner-, der andere über die Konzertbühnen. Beide wollten und konnten nicht ablassen von ihrer Berufung. Mit immer schwächer werdenden Stimmen kündete der eine von den höchsten, der anderen von den niedersten Dingen. In weiße und in schwarze Fantasieuniformen gewandet, zelebrierten sie ihr öffentliches Sterben als Gebot verkörperten Glaubens auch dann, wenn der Körper nicht mehr wollte. Ihr trotziger Kampf gegen die Mucken der Materie ließ sie in den Augen ihrer Gemeinden umso heller erstrahlen.

Und so kam es, dass der 1945 geborene Ian Fraser "Lemmy" Kilmister, der frevlerische Wüstenvater des Rock'n'Roll, der heillose Spieler, Sünder, Herumtreiber, Speedfreak und Verächter der Religionen, für die Rockmusik letztendlich die gleiche Funktion bekleidete wie der vor ihm verstorbene Johannes Paul II. für die katholische Kirche. Im Jahr 2012 sagte Kilmister: "Ich habe immer davon geträumt, Papst zu werden. Leider habe ich die falsche Religion erwischt." Sie hat sich dann doch nicht als so falsch erwiesen.

Seit 1975 schrieb Lemmy als Sänger und Bassist der britischen Rock'n'Roll-Band Motörhead Rockgeschichte. Im 21. Jahrhundert avancierte er zum Übervater der harten Szene, überhäuft mit Attributen wie "authentisch" oder "Original".

Lemmy wusste nie weiter

Im Gegensatz zu vielen seiner Star-Kollegen zeichnete sich Lemmy durch einen Ethos des Unterlassens aus. Er verfasste nie einen Fitnessratgeber. Er wusste nie weiter. Er präsidierte keine Stiftung zur Rettung Tibets. Er fand keinen Gefallen am Golfspiel. Er schwor den Drogen nicht ab. Er legte sich nie einen asymmetrischen Haarschnitt zu. Er verspeiste weder Maden im Dschungelcamp noch entdeckte er die Wonnen der Ayurveda-Küche. Er unterstützte keine Parteien, weil er wusste, dass sie es eh alle vermasseln, egal ob rechts oder links. Bis zuletzt komponierte er Ketzerballaden wie "God Was Never On Your Side". Wenn er in Werbespots mitspielte, dann nur für Dinge, die für ihn und sein Gefolge elementar waren: Bier, Chips, Süßkram. Und eine Versicherung.

Der bekennende Polytoxikophile hauste, so lange es die Gesundheit erlaubte, in einer Zwei-Zimmer-WG mit sich selbst, vollgestopft mit zum Totalitarismus-Impfstoff umcodierten Nazi-Devotionalien. In diesem bizarren Gehäuse wurde er sich selbst immer ähnlicher. Sogar sein schwarz gefärbtes Haar wirkte irgendwann echt. Zu der Zeit, da sein Herz nurmehr mit Hilfe eines Schrittmachers schlug, hatte er einen derart hohen Grad an Selbstreferenz erreicht, dass Fans ihn in Bildwerken als Gottvater verewigten. Lemmy aber lehnte die Apotheose ab und betonte, dass Gott kein Diabetiker sei, er hingegen schon.

Lemmy taugte nicht zum Oberlehrer von Nationen, sondern allenfalls als schrulliger Guru für postmetaphysische Sinn-, und mehr noch für Unsinnsucher. Man liebte ihn nicht, weil er sich anmaßte, die Weltläufe wortreich zu erhellen. Das Höchste der Gefühle waren Einsichten wie "Das Geheimnis des Lebens? Sex und Tod!" oder Ratschläge wie "Halt dein Pulver trocken!".

Am liebsten aber sang er, neben schneller Liebe über sinnlose Kriege, religiösen Wahn und irre Killer. Als das posthistorische Europa ratlos in den Rachen des Islamischen Staates starrte und darin das Erbrochene längst überwunden geglaubter Irrationalität, Grausamkeit und Todessehnsucht emporquellen sah, wirkte Lemmys Insistieren auf dem dünnen Eis der Zivilisation und der darunter brodelnden Ursuppe aus Kontingenz, Chaos und Gewalt weniger denn je pubertär als vielmehr prophetisch.

Dass er sich den verführerischen Duft dieser Suppe zufächelte, dass er seine berauschende Wirkung unverbrämt beschrieb, aber nie von der Suppe trank, machte seine Größe aus. Den Pariser IS-Terroristen von 2015 beschied er knapp: "Feiglinge! Sie mögen den Rock'n'Roll nicht. Und ich mag sie nicht. Würden wir aufhören, hätten sie gewonnen. Aber mich kriegen sie nicht unter." Da war er 69 Jahre alt.

Menschen wissen Ehrlichkeit zu schätzen

Krieg als solcher war für ihn schlicht "dumm - die logische Fortsetzung von Politik". Im Herzen war der Pfarrerssohn aus dem englischen Stoke-on-Trent stets Anarchist, Hedonist und Liberaler, vielleicht sogar Pazifist. 2010 sagte er dieser Zeitung: "Lemmy ist für Nichteinmischung - schreiben Sie das!"

Der seit 1990 in Los Angeles exilierende Eigenbrötler erfuhr kultische Verehrung, weil er die Vergeblichkeit, Lächerlichkeit und Grausamkeit der Menschheitsgeschichte schonungslos, ohne erlöserische Heilsversprechen benannte. Menschen, das blenden Pfaffen, Politiker, Glückstrainer und Anlageberater gemeinhin aus, wissen Ehrlichkeit zu schätzen, ja sie kommen sogar mit Realitäten zurecht. Genau da, wo die Sinnillusion endet, beginnt die eigentliche Arbeit an Sein und Selbst. So zeigte Lemmy, dass es möglich ist, auch auf einem mit der toxischen Asche zweier Weltkriege und dem Knochenmehl unzähliger Religionskriege bestreuten Parkett das Tanzen zu lernen.

Und es war doch Kunst

Bejahung und Heiterkeit waren dem Apokalyptiker und Agnostiker nicht fremd. Sein Glaube an die erhebende Kraft des Rock'n'Roll, die er auf allen Studioalben Motörheads besang, entspricht im Kern dem Glauben der radikalen Aufklärung. Im Song "Electricity" (2015) heißt es: "You need a bolt of rock / Severe toxic shock / Electricity deep in your soul."

Wie der Politphilosoph Eric Voegelin war Lemmy überzeugt, dass Nationalsozialismus und Kommunismus, ja alle modernen Ideologien, Ersatzreligionen sind. Allerdings ging er noch weiter als der Christ Voegelin. Auch die alten Religionen, ob Christentum, Judentum oder Islam, hielt Lemmy für Surrogate. Fürs Selberdenken. Fürs Selberfühlen. Fürs Selbermachen.

Mit seiner schlagenden Kombination aus pessimistischem Nihilismus und Glauben an die Kraft der Musik stand Lemmy in der Tradition der Kunstreligiosität Schopenhauers und Nietzsches. Letztere entwickelten die These, dass nur die Kunst das Leben erträglich mache - genau so erlebte Lemmy die Rock'n'Roll Music. Im gleichnamigen Lied (2010) heißt es: "Rock'n'Roll music is the true religion / Never let you down you can dance to the rhythm / Rock'n'Roll even gonna set you free / Make the lame walk and the blind to see".

Wie Elvis und Little Richard - nur lauter, hässlicher, schneller

Das ist mitnichten postmoderne Ironie. Postmodern an Motörhead war eher, dass die Band nicht das Neue, sondern allenfalls die Differenz in der erweiterten Wiederholung suchte. Sie machte, was schon Elvis und Little Richard machten, nur lauter, hässlicher, schneller. Ganz ohne Deleuze- oder Foucault-Lektüre hatte sie den Originalitätsglauben aufgegeben, lange bevor es ein Trend der schöpferisch erschöpften Indie-Copy-Paste-Szene wurde. In dieser Hinsicht waren Motörhead, die beständig ältere Songideen kaperten wie Freibeuter goldbeladene Galeeren, immer nahe dran an Appropriation Art und Minimal Music, ohne freilich derlei Label zu benötigen.

So war es nur folgerichtig, dass Lemmy 2015 in einem Interview zugestand, was man immer schon geahnt hatte. Dass nämlich Motörheads Musik das sei, was er lange abgelehnt und verspottet hatte: Kunst. Besser gesagt, eine Art Über-Kunst, ein tausendfach verstärktes und verzerrtes je ne sais quoi: "Ich habe meine Meinung geändert. Unsere Musik ist Kunst. Sie ist nicht intellektuell. Sie packt dich am Rückgrat und rüttelt dich durch wie eine Bombe, bevor im Kopf irgendeine Verarbeitung stattfindet. Wie sie das schafft, kann ich nicht erklären. Kunst kann man nicht erklären."

Der ansonsten notorisch skeptische und ernüchterte Autor dieser Zeilen kann diese Wirkung aus eigener Erfahrung bestätigen. Er traf Lemmy mehrere Male zum Gespräch und verdankt Motörheads Musik einige der besten Stunden seines Lebens. Ohne Pathos darf der vorliegende Text deshalb nicht enden. Die gänzlich unintellektuellen, ja kindlichen Tränen, die beim Verfassen flossen, vermag der Text nicht wiederzugeben. Verquastes Gestammel kapituliert vor der schroffen Evidenz eines jeden Motörhead-Songs, hochtrabende Exegesen verhalten sich zu Lemmy wie Alexander zu Diogenes in der Tonne.

Die Welt ist nun eine unselige Wüste

So lebe denn wohl, dunkler Gegenpapst, kynischer Buddha, weiser Rocker! Deine illusionslose Aufrichtigkeit und Dein hintersinniger, bitterer Witz werden uns fehlen. Nun erst ist die Welt wirklich zu dem geworden, als was Du sie besungen hast: eine unselige Wüstenei, in der wir frömmelnden Rattenfängern und Illusionsdienstleistern ohne Deinen Beistand ausgesetzt sind. Unser Mitgefühl gilt dem Gehörnten, der sich von nun an dort unten mit Dir wird messen lassen müssen.

Lesen Sie mit SZ Plus:

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.2799403
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ.de/jobr/cag/rus
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.