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Zum Tod von Lana Peters, Stalins Tochter:Vom Zwang, weglaufen zu müssen

Ihr Leben lang war sie auf der Suche nach Ruhe vor sich selbst, doch diese war der einzigen Tochter Josef Stalins nie vergönnt, weder in Russland, noch in den USA, noch in Großbritannien, wo sie jeweils lebte. Nach einer jahrzehntelangen Reise voller Enttäuschungen und Irrungen ist Lana Peters, geborene Svetlana Stalina, nun mit 85 Jahren in den USA gestorben.

Sie kam mit einem Namen auf die Welt, den zu führen eine Frau nur in der Sowjetunion und nur bis zum Jahr 1956 ertragen konnte, dem Nachnamen des großen Schlächters und Menschenverächters: Stalin. Josef Wissarionowitsch Dschugaschwili, der sich selbst den "Stählernen" nannte, hatte seine einzige Tochter Swetlana, die Lichtvolle, getauft - doch die mochte das Leben, das ihr das väterliche Erbe vorbestimmt hatte, nicht leben und seinen Namen nicht führen: Als junge Frau benannte sie sich in Swetlana Allilujewa um - nach der Mutter, die Selbstmord begangen hatte.

Swetlana Allilujewa mit Josef Stalin, 1937

Er nannte sie "kleiner Spatz", sie ihn "Papa Schmatz": Swetlana Allilujewa 1937 mit ihrem Vater, Josef Stalin.

(Foto: dpa)

Und sehr viel später, als sie längst in den USA lebte, wurde sie zu Lana Peters: sehr unrussisch und jede Erinnerung an eine Biografie negierend, die so kompliziert war wie das ganze 20. Jahrhundert.

Am Montag ist Lana Peters, geborene Swetlana Stalina, nun mit 85 Jahren in einem Altersheim im US-Bundesstaat Wisconsin gestorben - nach einer jahrzehntelangen Reise voller Enttäuschungen und Irrungen. Denn weder in Russland, der alten Heimat, noch in den USA, der zeitweise ungeliebten neuen Heimat, oder in Großbritannien, wo sie zwei Mal Zwischenstation machte, hat sie je Ruhe vor sich selbst gefunden.

Als das kleine Mädchen 1926 geboren wurde, kämpfte ihr Vater nach dem Tode Lenins um die Macht; als sie bewusst zu verstehen begann, erlebte sie Zwangskollektivierung und Hungersnöte, Säuberungen, Schauprozesse und den Gulag - ein Leben mit Blick auf den ersten Kreis der Hölle.

Sie wurde vom Vater aus der Ferne kontrolliert: Ihren ersten Freund ließ er, weil Jude, ins Lager schicken, ihre Rocklänge, ihre Schminke wurden überwacht. Eine erste Ehe mit einem Studenten scheiterte am Missfallen des Vaters, sie heiratete, auf dessen Drängen, den Sohn des erbarmungslosen Stalin-Vertrauten, Andrej Schdanow. Auch diese Ehe scheiterte.

Propaganda-Coup und Rieseneklat

Allilujewa lernte einen Inder kennen, doch das neue Regime goutierte auch diese Beziehung nicht. Sie lebte dennoch mit dem Asiaten - und den mittlerweile zwei Kindern aus den ersten beiden Ehen - zusammen; als Raj Brijesh Singh starb, holt sie die Erlaubnis ein, seine Asche im Ganges auszustreuen, flog nach Indien. Und blieb. Mithilfe der CIA ging sie in die USA.

Es war ein Propaganda-Coup und ein Rieseneklat zugleich, dass die Stalin-Tochter 1967 in die USA flüchtete und sich sogleich vom politischen System ihres Heimatlandes, vor allem aber vom Terrorregime ihres Vaters lossagte.

In ihrem Bestseller 20 Briefe an einen Freund, mit dem sie Millionen Dollar verdiente, rechnete sie ab: Die Oktoberrevolution sei ein "fataler, tragischer Fehler" gewesen, ihr Vater ein "moralisches und geistiges Monster".

In einem zweiten Buch, Nur ein Jahr, legte sie nach, lobte das freie Amerika. Sie war ein Lieblung der Medien - blond, temperamentvoll, exotisch -, kaufte ein Haus in Princeton, fiel zunehmend durch erratisches Verhalten und peinliche Eifersuchtsszenen in der Öffentlichkeit auf, verarmte, suchte männliche Unterstützer, und heiratete schließlich den Schwiegersohn des Stararchitekten Frank Lloyd Wright, William Peters. Die Ehe endete, wie alle zuvor, im Zerwürfnis.

Lockruf des Sohnes

Ihre dritte Tochter Olga, die aus dieser Beziehung hervorgegangen war, sollte von der mittlerweile extrem konservativen Mutter dem libertären Einfluss der westlichen Konsumwelt entzogen werden; sie wurde auf einer britischen Quäkerschule angemeldet. Dort kontrollierte die Mutter ihre Tochter ebenso manisch, wie es einst der Vater getan hatte.

Im britischen Cambridge ereilte sie dann der Lockruf des erwachsenen Sohnes aus erster Ehe, den sie, wie die andere Tochter, dereinst zurückgelassen hatte. Sie solle doch heimkommen, die Enkel sehen, sagte er am Telefon, und sie ging.

Tatsächlich hatte der KGB seine Finger im Spiel gehabt, der sich, anlässlich der Feiern zum 40. Jahrestag des "Großen Vaterländischen Krieges" und der Rehabilitierung Stalins, nun ebenfalls einen Propagandaerfolg sichern wollte.

Lana Peters bekam ihren Sowjet-Pass zurück und zog nach Moskau. Nun sagte sie, die Sache mit dem Gulag sei "unheimlich aufgebauscht worden" und sie sei in den USA nicht einen Tag lang "wirklich frei" gewesen.

Doch bald reichte ihr das enge, eingeschränkte Leben, sie ging 1985 zurück in die USA, wo sie jetzt starb. Der russische Fernsehjournalist Nikolaj Swanidse sagte dem Radiosender Moskauer Echo nach der Todesnachricht, Peters alias Allilujewa alias Stalina habe sich vor ihrem Vater gefürchtet. "Letzten Endes wollte sie immer nur vor ihm weglaufen", sagte Swanidse. Es ist ihr zeitlebens nicht gelungen.

© SZ vom 30.11.2011/pak
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