Zum Tod von Karlheinz Böhm:Ein Sonderling in der Entwicklungsszene

So viele Wendungen in einem Leben, und die größte stand noch bevor. Als Böhm am 30. Oktober 1981 nach Äthiopien fliegt, ist es erst sein zweiter Besuch in Afrika. Er hat viel guten Willen, aber wenig Ahnung, er ist ein Amateur, ein Sonderling in der Entwicklungsszene, und es sind nicht wenige, die ihre Nase rümpfen, zumal er sich auch noch politisch unkorrekt als Boykottbrecher einführt. Es ist die Zeit des kommunistischen Tyrannen Mengistu Haile Mariam, der nach einer Hungersnot Hunderttausende hat umsiedeln lassen. Das Elend der Massentransporte empört die Welt, und die reagiert, indem sie den Umsiedlungsgebieten keine Hilfe mehr gewährt. Aber Böhm sagt: "Das sind doch Menschen, denen man helfen muss." Und hilft.

Karlheinz Böhm hat eine Eigenschaft, die ihn als Helfer einzigartig macht: Er lässt sich anrühren von Leid. Aus seinem Mangel an theoretischem Wissen macht er eine große Tugend: Er kommt nicht mit fertigen Konzepten, nicht mit der elenden Pose des besserwisserischen weißen Mannes, vielmehr hört er zu, was ihm die Menschen erzählen von ihrer Not, ihren Bedürfnissen und ihren Sorgen.

So entstehen Schulen und Krankenhäuser, Veterinärstationen und Getreidemühlen, Brücken und Straßen, Bienenstöcke und Wasserreservoirs. Es wird aufgeforstet, ausgebildet, aufgeklärt. Nicht alles gelingt, nicht alles ist vorbildlich, an manchen Projekten verhebt sich die Stiftung, aber die Infrastruktur, die den Äthiopiern von der Stiftung hingestellt wird, ist zu großen Teilen solide und hat das Leben von Millionen verbessert. Für die Äthiopier ist Ato Karl, wie sie ihn nennen, der Herr Karl, ein großer Mann, ein Held und Wohltäter.

"Bis zum letzten Atemzug" wollte er sich einsetzen

Sie haben ihn mit Denkmälern und Ehrungen gewürdigt und in Liedern besungen, in der Hauptstadt Addis Abeba haben sie einen Platz nach ihm benannt, und 2003 wird ihm als erstem Ausländer die Ehrenbürgerwürde angetragen. Das ist ein feierlicher Akt, der Geehrte kann seine Rührung kaum unterdrücken und sagt, er werde sich "bis zum letzten Atemzug" für die Überwindung der Armut in Äthiopien einsetzen, und später würden dann "meine äthiopische Frau Almaz und unser Sohn Nicolas meine Arbeit fortführen".

Das klingt ein bisschen nach Erbmonarchie, und vielleicht wird da ja schon die Grundlage gelegt für einen bösen Zwist, der im vergangenen Jahr die Stiftung erschüttert, Böhm ist da schon krank. Im Zentrum des Streits steht auf der einen Seite der Stiftungsvorstand mit Böhms Nachfolgerin Almaz an der Spitze. Das ist die äthiopische Agrarökologin, die Böhm einst in einem äthiopischen Kuhstall kennen- und lieben gelernt hat. Auf der anderen Seite: ein deutscher Großspender. Es ist ein ungemein schmutziger Krieg, der da über die Medien ausgetragen wird und den Ruf der Stiftung nachhaltig beschädigt.

Inzwischen haben sich die Dinge wieder beruhigt, Almaz Böhm hat ihr Vorstandsmandat niedergelegt und wirkt jetzt als Schirmherrin der Stiftung. Die Spenden, die keiner so genial zu generieren wusste wie der Stiftungsgründer selber, fließen weiter - und das ist die wichtigste Nachricht für Äthiopien, und es wäre dies auch die wichtigste Nachricht für Karlheinz Böhm gewesen. Äthiopien war seine große Liebe, und die war gegenseitig. Nirgendwo sonst wird er mehr betrauert werden als in dem Land am Horn von Afrika.

Er hatte dort, in einem Tal weitab von allem, ein winziges Häuschen, das ihm mit großer Sicherheit mehr bedeutet hat als jeder andere Ort in der Welt. Wenn er sich noch an irgendetwas erinnern konnte in seinen letzten Jahren, dann muss es dieser Sehnsuchtsort gewesen sein, von dem er gesagt hat: "Da bin ich so glücklich wie nur irgendwas." 2008 war das, es war eine der letzten Begegnungen, einmal nicht in Äthiopien, sondern irgendwo in seiner Heimat Österreich. Es war kurz vor seinem 80. Geburtstag, das Ende war noch weit, aber es ging schon um eine Bewertung seiner Arbeit, eine Art Zwischenbilanz und um eine Antwort auf die Frage, ob anders als bei so vielen Entwicklungsruinen in Afrika die Projekte seiner Stiftung überdauern würden. Böhms Antwort kam schnell und in einem Wort: "Einhundertzehnprozentig."

© SZ vom 31.05.2014/ina
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