Zum Tod von José Luis Sampedro Gegen das "immer mehr"

José Luis Sampedro verstand sich als Konservativer, doch dann wurde er zum geistigen Großvater der spanischen Volksbewegung 15M, der "Indignados" und damit auch von "Occupy". Schriftsteller war er eher nebenbei. Nun ist er im Alter von 96 Jahren verstorben.

Ein Nachruf von Sebastian Schoepp

Einer der meistgelesenen Facebook-Einträge des Frühjahrs 2011 in Spanien stammte von einem 94-Jährigen: "Sagt nein zur Tyrannei der Finanzen und ihren zerstörerischen Folgen!", forderte José Luis Sampedro seine Landsleute auf. Mit diesen kargen Sätzen wurde der Schriftsteller zum geistigen Großvater der größten Protestbewegung seit der Wiedereinführung der Demokratie. Hunderttausende besetzten wochenlang Plätze in den Städten, um gegen Spardiktat und Sozialabbau zu protestieren. Die Bewegung firmierte unter dem Kürzel 15 M, nach dem 15. Mai 2011, dem Tag der ersten Massendemonstration. Sie vereinte junge Arbeitslose, gekündigte Banker und Leute im Alter von José Luis Sampedro. 15 M war ein Protest mit gewinnendem, mediterranen Antlitz, der - mehr noch als der grimmige griechische Aufruhr - Pate stand für Occupy.

Die Demonstranten nannten sich Los Indignados, "die Empörten" - analog zum Titel der spanischen Ausgabe von Stéphane Hessels Manifest "Empört Euch!", zu der Sampedro das Vorwort geliefert hatte und das in Spanien zu Beginn der Krise binnen kurzem zum Verkaufsrenner wurde. Sampedro schrieb darin: "Aus der Empörung erwächst der Wille, an der Geschichte teilzuhaben. Aus der Empörung entstand der Widerstand gegen die Nazis, und aus der Empörung muss heute der Widerstand gegen die Diktatur der Märkte entstehen."

Was Sampedro für die Masse anziehend machte, war, dass er nicht klassenkämpferisch argumentierte, sondern vom Standpunkt eines Menschen aus, der die Erfüllung des Lebens in Solidarität und Naturnähe sucht und nicht im "Immer mehr". Man müsse sich dem "alles verschlingenden Konsumismus und der medialen Ablenkung" entgegenstemmen, sagte er 2011 in einem Interview mit El País. "Unsere Zeit ist für mich im Kern eine Zeit der Barbarei. Und ich meine nicht Gewalt, sondern beziehe mich auf eine Zivilisation, die ihre Werte degradiert hat, Werte, die ihre eigentliche Natur ausmachen." Sampedro postulierte die klassischen Werte der mediterranen Welt: "Vitalität statt Produktivität, Zusammenhalt statt Wettbewerb, Kreation statt einer Innovation, die dem Verkauf dient" - man kann sie als Antwort des Südens auf das individualistische Leistungs-Dogma des Thatcherismus begreifen. Sampedro formulierte sie erneut kurz vor seinem Tod in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung: "Wenn wir alle in uns verankern würden, dass wir Brüder sind, dass wir selben Blutes sind und teilen lernen, dann kann man miteinander gut auskommen."

Fragwürdige Vorbilder

Glaubwürdigkeit gewann Sampedro dadurch, dass er jedem zur Empörung bereiten Spanier eine Mitverantwortung für die Zustände zusprach, in denen das Land sich befand. Hatte doch in Spanien der Konsumismus vor dem Platzen der Spekulationsblase eine besonders schrille Fiesta gefeiert. Dabei war Spanien zuvor ein eher bescheidenes, anspruchsloses, karges Land gewesen, das die merkantilen Dogmen der Gewinnanhäufung hartnäckig ignorierte, wie es Juan Goytisolo dargelegt hat. Turbokapitalismus und Finanzspekulation, wie sie im Anschluss an den EU-Beitritt einsetzten, trafen auf eine unvorbereitete Gesellschaft, was ihre großen Schwierigkeiten erklärt, damit umzugehen.

Fragwürdige Vorbilder schienen es vorzumachen: In den frühen Neunzigerjahren wollten aufstrebende Spanier sein wie Mario Conde, der smarte Investor, der durch Finanztransaktionen ein märchenhaftes Kapital anhäufte und mit 39 Jahren an der Spitze der Finanz-Hierarchie stand. Conde repräsentierte das Spanien des schnellen Geldes der kurzen Boom-Jahre mit dem messbar höchsten Kokaingehalt weltweit in der Luft und Spekulation als Volkssport. Später landete Conde wegen dunkler Geschäfte im Gefängnis - und Spanien auf der Negativliste der Ratingagenturen.

Die konstruktive Folge der Empörung

Dass die 20- bis 30-Jährigen danach auf der Suche nach neuen Vorbildern auf einen riesenhaften, spindeldürren, fast gehörlosen Greis mit durchdringendem Blick aus der Großelterngeneration stießen, war nur folgerichtig. Die Eltern hatten sich nach dem Tod des Diktators Franco 1975 zwar Verdienste um die transición, die Wiedereinführung der Demokratie erworben. Doch danach traten die "1975er" zielstrebig den Marsch ins Eigenheim an. Nun, da das Ideal der eigenen Wohnung für junge Spanier eine Utopie geworden ist, fühlen sie sich verlorener, aber auch freier als ihre Eltern. Die Bereitschaft, Korruption zu ächten, sich von Clan-Hierarchien loszusagen, Sprachen zu lernen, ins Ausland zu gehen und das Land mit den gewonnenen Erfahrungen vielleicht dereinst neu zu erfinden, ist das Vermächtnis des 15 M, die konstruktive Folge der Empörung.

Auf der Strecke geblieben ist dabei auch das von den Eltern sorgsam gepflegte Rechts- Links-Schema. Spanien war stets ein Land gewesen, in dem man in eine politische Überzeugung hineingeboren wurde. José Luis Sampedro jedoch war keine Ikone der Linken, eher im Gegenteil: Im Spanischen Bürgerkrieg wurde er 1936 von der republikanischen Armee eingezogen - aus Sicht der Linken sind das die Guten - und desertierte kurz danach, um sich den "Bösen" anzuschließen, Francos Nationalisten. Er sei eben von einem konservativen Elternhaus geprägt worden und habe sich für das entschieden, was ihm in diesem Moment als richtig erschienen war, sagte er später. Rechtfertigte das nicht das Prinzip, Fehler machen zu dürfen? Für Spanier, die während des Immobilienbooms mit dem Kauf einer grotesk überteuerten Wohnung den Fehler ihres Lebens gemacht hatten, war das wie eine Absolution.

Nach Ende des Krieges wurde Sampedro Wirtschaftswissenschaftler, später Professor an der Universität Complutense Madrid. Er begann, sich von der Diktatur zu distanzieren und mutig gegen sie Stellung zu beziehen. Das zwang ihn dazu, zeitweise im Ausland zu leben. Nach Francos Tod half Sampedro als Senator bei der Abschaffung der diktatorischen Strukturen. Außerdem war er in führender Stellung bei der spanischen Außenhandelsbank tätig.

Schriftsteller war er eher nebenbei, viele seiner Werke sind nicht gerade sozialrevolutionär, eher sentimental, nur drei sind auf Deutsch erschienen, "Das etruskische Lächeln" ist noch das Bekannteste. Er verstand sich auch nicht als Revolutionär, ja nicht einmal als Mann der Tat, eher als Mystiker. Er wolle nicht die Welt ändern, sagte Sampedro 2011 zu El País, sondern in Harmonie mit ihr leben. Er gehe dabei von einem Leben aus, das sei wie ein Fluss: "Der springt anfangs munter den Berg hinab, beruhigt sich dann und gelangt - wie ich jetzt - an den Punkt, an dem er stirbt. Ich möchte sterben wie der Fluss, und ich schmecke schon das Salz." Am Sonntag ist José Luis Sampedro im Alter von 96 Jahren in seiner Wohnung in Madrid gestorben.