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Zum Tod von Jörg Hube:König Stier

Humaner Anarchist und hirnwütiger Amokspieler: Mit Jörg Hube hat München ein Stück seines besseren Selbst verloren.

Christopher Schmidt

Eigentlich ist das Kabarett der natürliche Feind des Theaters. Auf seiner Bühne stehen ja nicht Schauspieler, sondern Schausprecher, die mit entsichertem Mundwerk ihre Pointen zünden und Gag-Salven abschießen aufs Publikum. Etwas Hochexplosives, geradezu Artilleristisches hatte auch Jörg Hube an sich. Wann immer er auftrat, nahm er den Raum förmlich unter Feuer und hörte nicht eher auf, bis die letzte Patrone verschossen war. Gefangene wurden bei ihm nicht gemacht, mit Ausnahme der Zuschauer, die er in Fesseln schlug.

Bis zur letzten Patrone: Wenn Jörg Hube auf der Bühne stand, nahm er den Raum förmlich unter Feuer.

(Foto: Foto: ddp)

Der Vergleich passt auch deshalb, weil Jörg Hube in seinem Leben mindestens so oft Kriminale wie Kriminelle gespielt hat - und allein dies zeigt bereits, dass er nicht nur viele Begabungen, sondern auch zwei Seelen hatte. Hube war Schauspieler und Kabarettist, und zwar einer der besten, und in beiden Welten war die Stimme sein wichtigstes Werkzeug. Dabei sprach er nie nur für sich selbst, er war zugleich die Stimme Münchens: Jörg "The Voice" Hube verschaffte dem besseren Selbst dieser Stadt Gehör mit diesem dunklen Timbre, das knirschte, als würden seine mächtigen, mahlenden Kiefer Isarkiesel zerkleinern. Ob als exzellenter Hörspiel-Sprecher oder bei seinen zahllosen Lesungen aus den Werken von Lion Feuchtwanger und Oskar Maria Graf - Hube meldete sich hier immer auch als Mensch zu Wort.

Für keinen Schabernack zu schade

Jörg Hube sprang nicht nur als Kommissar in der gleichnamigen BR-Serie, sondern auch als Bürger in die Münchner Löwengrube, um sich mit den Bestien zu messen. Und er peitschte sich zugleich selbst durch den Feuerreifen der Öffentlichkeit, weil er als widerständiger Zeitgenosse nie ein Blatt vor den Mund nahm und sich als Künstler für keinen Schabernack zu schade war.

Zahllos die Wirkungsstätten seines rastlosen Schaffens, an denen Jörg Hube das Gesicht der Stadt prägte, in der er zwar nicht geboren, aber aufgewachsen war. Das Licht der Welt hat er im Brandenburgischen Neuruppin erblickt, das Licht der Kunst in München, wo er an der Otto-Falckenberg-Schule Schauspiel studierte, von 1984 an lehrte und die er zwischen 1991 und 1993 schließlich leitete. Er sprach und spielte beim Bayerischen Rundfunk, der am Freitag und Samstag sein Hörfunk- und Fernsehprogramm ändert, um an Hube zu erinnern.

Er gehörte zum hohen Haus der Kammerspiele unter Dieter Dorn und gab hier unter anderem den Saufaus Puntilla mit hochprozentiger Komik. 2001 folgte er Dorn ans Bayerische Staatsschauspiel, wo er ebenso inszenierte wie am Münchner Volkstheater, und war gleichzeitig an den Kleinkunst- und Off-Bühnen zu erleben. Und er hüpfte auch noch als Gerichtsdiener Frosch in Leander Haußmanns Inszenierung der "Fledermaus" hinüber ins Nationaltheater.

Anarchie der Brettlbühne

In dieser Paraderolle für jeden Komiker war das Gefängnis Hubes Wirkungsstätte auf der Bühne, aber das Theater selbst hat er oft als Gefängnis empfunden. Er fühlte sich unfrei und wagte mit den legendären "Herzkasperl"-Programmen den Ausbruch.

Als Kabarettist befreite Hube sich von den Zwängen, denen er sich als Schauspieler pflichtbewusst beugte. Für seine Disziplin entschädigte ihn die Anarchie der Brettlbühne. Und er mischte doch auch an den Kammerspielen zusammen mit Franz Xaver Kroetz oder Georg Ringsgwandl die Verhältnisse auf. Wüst und wild ging er als empfindsamer Dickschädel durch alle Wände und ließ die Welten hirnwütig aufeinander los. Als Komiker aber hat er sich selbst nie gesehen; Hube war es todernst mit dem Spaß, nur weil er das Leben schwer nahm, konnte er leicht sein in seiner Kunst. Bei Hube ist jeder Scherz ein Schrecken und bannt doch einen Schmerz. Witz war ihm nur eine mildere Form von Wahn, und seine Wut die Kehrseite der Schwermut.

Neben seinen vielen Einsätzen auf allen Kanälen hätte er in diesem Jahr auch noch den Dienst als neuer Kommissar beim Münchner "Polizeiruf 110" antreten sollen. In der Nacht zum Freitag erlag Jörg Hube seinem Krebsleiden; er starb in München, also dort, wo er ein Leben lang nahe am eigen Herzen ermittelt hat. In ihm verliert die Stadt mehr als eine Stimme: einen der besten Teile ihrer selbst.

© SZ vom 20.06.2009/bey
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