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Zum Tod von Joe Cocker:Ein Leben wie eine Achterbahnfahrt

Joe Cocker

War einer der herausragenden Rockmusiker seiner Generation: Der im englischen Sheffield geborene Sänger Joe Cocker.

(Foto: AFP)
  • Joe Cocker ist im Alter von 70 Jahren an Lungenkrebs gestorben.
  • Der britische Sänger hatte seinen Durchbruch beim Woodstock-Festival 1969 mit dem Beatles-Remake "With A Little Help From My Friends".
  • Die 1970er Jahre waren für Cocker von Drogen- und Alkoholexzessen gezeichnet.

Von Bernd Graff

Wollen wir Joe Cocker einen Rockstar nennen? War er, der Engländer, der sich auf Woodstock abarbeitete an einem fremden Lied und seinem eigenen Gesang, er, der Stahlkocherjunge aus Sheffield, gelernter Installateur, der dann auch diese klebrigen Radioschmiercharts bediente, war er irgendetwas mit Rock im Namen? Sagen wir so: Ja, Joe Cocker war ein Rockstar, einer von den besseren sogar, auch wenn er selbst sich und seine musikalische Herkunft früh vergessen zu haben schien. Aber das ist nicht einmal seine Schuld gewesen.

Joe Cocker hat ein Leben und eine Karriere bestritten, die Achterbahnfahrten glichen. Höhen und Tiefen waren nicht Erhebungen und Dellen, sondern Komplett-Desaster, sowohl in Höhen wie in Tiefen. Die Psychologie würde so etwas manisch depressiv nennen. Der Mann war vorzugsweise völlig am Boden, um sich dann wieder aufzurappeln. Und obwohl man ihn kritikerseits zeitweise als hoffnungslosen Fall dem Vergessen anheim gab, war er doch immer wieder überraschend da. Gab, wie er selbst einmal sagte, von sich und seiner Musik: "akustische Lebenszeichen."

Joe - eigentlich John Robert - Cocker wurde am 20. Mai 1944 geboren. Da war noch Krieg. Als Teenager schwärmte er für schwarze Musik, insbesondere für Ray Charles. Als er 1963 anfing, selber als Musiker aufzutreten, spielte er die Beatles nach: Eine erste Single mit deren "I'll Cry Instead" brachte 1964 aber keinen Durchbruch. Cocker lernte den Organisten Chris Stainton kennen, Straßenjunge aus Sheffield wie er, die beiden ergänzten sich. Man nannte sich die Grease Band, nahm eine Single, "Marjorine" auf und erklomm die britischen Charts. Deren zweite Single, wieder ein Beatles-Cover, machte Cocker dann gleich weltberühmt: "With A Little Help From My Friends" landete auf Platz eins der Hitlisten. Cocker tourte, ging nach Woodstock und eroberte die Herzen der Amerikaner. Es folgten zwei LPs im Jahr 1969: "With A Little Help From My Friends" und "Joe Cocker!", beide gingen durch die Decke.

Geld interessierte Cocker nie

Cocker fiel dann aber sofort auf die Nase: Geld interessierte ihn nie, seine Grease Band auch nicht mehr. Er tourte fortan mit Leon Russell und einer großen Sessionband durch die USA, nannte sich: Mad Dogs & Englishman, wurde unfassbar erfolgreich mit Film und Live-Doppelalbum der Tour, allein Cocker war komplett vom Erfolg überrollt und überfordert. Physisch, psychisch und finanziell war er nach der Tour am Ende - und ging nach Hause ins heimatliche Sheffield.

1972 versuchte er es noch einmal, aber das wurde nix. Cocker ging 1976 nach Kingston, Jamaika, nahm dort die akzeptable LP "Stingray" auf. Erfolgreich verkauft hat sie sich indes auch nicht. Was macht Cocker? Er macht: Disco-Funk. 1978 erscheint das Album "Luxury You Can Afford", kommerziell ein Flop. Was macht Cocker? Eine "Woodstock Revival-Tour". 1979 klampft er sich mit Arlo Guthrie, Richie Havens und Country Joe McDonald in ein musikalisches und kommerzielles Fiasko mit lauter Konzertabbrüchen. Was macht Cocker? Er trinkt.

1982 hat er dann mal Glück. Er spielt im Duett mit Jennifer Warnes den größten Single-Erfolg seit "With A Little Help From My Friends" ein: Die Kitsch-Schnulze "Up Where We Belong". Sie taucht im Film "Ein Offizier und Gentleman" auf und beschert ihm Platz 1 der US-Charts. Außerdem bekommt er "Oscar" und einen "Grammy" für den besten Filmsong des Jahres.

1987 erschien "Unchain My Heart", genauso klebrig, aber es platzierte sich in der deutschen Hitparade mehrere Wochen lang auf Platz 1. Dann wieder ein Glücksfall für Joe: Der Fall der Berliner Mauer. Drei Tage nach der Maueröffnung tritt Cocker bei einem spontan organisierten Festival auf, dem "Konzert für Berlin". Hier bringt er noch einmal "With A Little Help From My Friends" zu Gehört und rührt damit die wiedervereinigten Deutschen.

Immer klarer wird dann aber auch: Cockers Status als Rock'n'Roll-Superstar beschränkt sich auf Kontinentaleuropa, hier auf Deutschland, Italien und Skandinavien. Hier erhält er Platin, etwa 1992 für "Night Calls" und ein "Best Of"-Album.

Im November 1994 wird Cocker promoviert: Die "Sheffield Hallam University" verleiht ihm den Ehrendoktor. Gewürdigt wurde nicht nur der "berühmte Sohn der Stadt", sondern auch der in der Anti-Drogen-Bewegung engagierte und karitativ wirkende Künstler.

Akustisches Lebenszeichen für Europa

Im Frühsommer 1996 ließ sich Cocker vom deutschen "EMI"-Boss Helmut Fest überreden, "ein akustisches Lebenszeichen" (so Cocker dazu selber) für Europa und speziell Deutschland zu senden: "Ich denke", sagte Cocker damals, "er hatte das Weihnachts-Geschäft im Hinterkopf!". Eine schnell gebastelte Platte kam im Oktober 1996 auf dem europäischen Kontinent unter dem Titel "Organic" auf den Markt. "Allerdings sollte man sie nicht als neue Joe-Cocker-Scheibe ansehen, eher als eine Art Statement, wie alte Songs von mir heute klingen", meinte der Meister dazu.

Dieser Trend hält leider an: Cocker wird gezielt eingesetzt von seinen Produzenten. Deutlicher als bei "Across From Midnight" aus dem Jahr 1997 ist dies selten geworden. Eine ganze Reihe von Songs wird hier nur für ihn komponiert, darunter "That's All I Need To Know" von Eros Ramazzotti. Die Lp ist völlig auf Chart-Erfolg hin konzipiert. Cocker äußert sich 1997 dazu dezidiert im Spiegel: dass er "Produzenten und Managern ausgeliefert" sei, obwohl er bei der Endauswahl der Stücke noch mitreden dürfe, "aber auch ich muss Kompromisse machen. Auch auf der neuen Platte sind ein paar Songs, die für meinen Geschmack ein bisschen kommerziell sind. Aber ich kann nicht am Zeitgeist vorbeisingen. Wenn die Menschen von der Plattenfirma einen leichten Sommerhit wollen, liefere ich den."

Nicht nur Sommerhits, sondern auch Jingels, Für Kopfschütteln etwa sorgte die Sponsoring-Vereinbarung mit der Bremer Brauerei "Becks", die umfangreiche Werbeaktionen nach sich zog. Zum 50. Jahrestag der Thronbesteigung von Queen Elizabeth erlebte man Cocker im Juni 2002 im Garten des "Buckingham Palace" neben anderen alten Männern bei einer "Royal Pop Party". Dieses "königliche Pop- und Rockfestival" brachte vornehmlich Altstars wie Rod Stewart, Paul McCartney, Eric Clapton, Steve Winwood und eben Cocker zusammen.

Stiftungsarbeit statt Rinder- und Pferdezucht

Cocker lebte lange auf seiner Ranch in Colorado, betrieb hier sehr erfolglos eine Rinder- und Pferdezucht. Die gibt er zu Beginn des neuen Jahrtausends auf und widmet sich der von ihm und seiner Frau seit 1999 aufgebauten "Cocker Kids' Foundation", einer karitativen Stiftung, die sich mit Schul-, Sport- und Kulturprojekten für Kinder engagiert. In einem Interview bekannte er: "Es gibt so viel Armut, sogar gleich in unserer Nachbarschaft. Wir versuchen den Kindern kleine Träume zu erfüllen, zum Beispiel nach einem Musikinstrument."

Im Jahr 2007 zeichnet Queen Elizabeth ihn mit einem Verdienstorden aus, dem "Officer of the British Empire" (OBE).

Ja, vielleicht muss man es einfach so sehen, vielleicht wird man dem "Zeremonienmeister des Coversongs" (Kieler Nachrichten) nur gerecht, wenn man die Lebensleistung und das Künstlerversagen Cockers zugleich und in gleichen Teilen sieht. Der Mann verzauberte Zehntausende bei seinen großen Konzerten, er hauchte manchen gecoverten Liedern mehr Seele ein, als sie im Original hatten.

Aber er war nicht immer Herr über seine Musik und die Sprache seiner Songs. Seinen Dauerflirt mit dem Kommerz kann man ihm nicht verübeln. Er konnte einem aber leid tun, wenn er von seinem Management auf die Rampe geschupst wurde, um zu singen, was man für chartverdächtig hielt. Seine markante, emotional befeuerte Stimme gehörte - so scheint es - nicht mehr ihm selbst, sie musste herhalten: So etwa wurde "You Can Leave Your Hat On" in Cockers Version 1986 weltberühmt. Ein Song, der im Film 9 1/2 Wochen eingesetzt wurde - und seitdem die Hymne aller Striptease-Tänzerinnen ist.

Am 22. Dezember hat Joe Cocker, der Mann, der als Rockstar begann und als Popstar mit ungezählten Hits weltberühmt wurde, mit 70 Jahren in seiner Wahlheimat Colorado den Kampf gegen den Krebs verloren.

© SZ.de/fie/lala

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