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Zum Tod von Jakob Arjouni:Für die Betriebsnudeln ein Türke

Vielleicht hielt sich dieses Gerücht auch deshalb so hartnäckig, weil Arjouni einmalig gut in seine Charaktere zu schlüpfen verstand. Kayankaya hat türkische Eltern, wächst aber bei einer deutschen Pflegefamilie auf. Er liebt die Sportschau und sein Bier (ganz ähnlich wie sein Autor), sagt einmal "Im Grunde meines Herzens bin ich ein tanzender Schlesier" und schaffte es, permanent alle Klischees und Stereotypen auf einmal zu unterlaufen.

Genau so nahm man Arjouni später dann seinen Underdog "Magic Hoffman" ab. Wer Lust hat, Arjouni eine letzte Ehre zu erweisen, wer gleichzeitig Lust hat, mal wieder über Berlin zu lachen, über dieses ganze hochgejazzte Getue, der lese noch einmal diesen wunderbaren Roman über einen Hochstapler und Verbrechensdilettanten. Da steht über das Berlin der Wendejahre: "Illusionsneurose! Metropole, Großstadt, internationales Flair - die Leute kommen aus Kleindingsda, haben sich die große Welt vorgestellt und hocken jetzt Hermannstraße Hinterhaus. Dann werden sie Säufer oder schwul, quälen sich in absurde Klamotten, lernen die Namen sämtlicher Barkeeper auswendig - und das alles nur, damit es, wenn die Cousine zu Besuch kommt, heißt: ,Ick zeig dir'n Prenzelberg, det is wie New York'."

Vielleicht glaubten auch deshalb so viele Betriebsnudeln, dass Arjouni selbst türkischer Abstammung sei, weil er sich immer so souverän fern vom Literaturbetrieb hielt. Was bestimmt nicht heißt, dass er jemals irgendwelche Elfenbeintürme bewohnt hätte. Er war so eine Art lebender Perlentaucher, permanent sprach er einen an auf irgendwelche Kollegen anderer Zeitungen, die dieses oder jenes geschrieben hatten. Noch wenige Wochen vor seinem Tod verschlang er "Pulp Head", die Reportagen des Amerikaners John Sullivan - und schrieb danach, wie sehr er Sullivan für dessen vorurteilsfreie Herangehensweise an seine Sujets bewundere. Was auch wieder zu Arjouni selber passt: Einmal sagte er, wie gut ihm eine Spiegel-Reportage gefallen habe, "weil der das ganz genau anders sieht als ich."

Ein ganzer Meter Simenon

Arjouni pendelte den Großteil seines Lebens zwischen Berlin und Ginestas, dem kleinen Dorf in Südfrankreich, das so wunderbar abseits von allem Literaturbetrieb war, diesem Betrieb, den er so gut durchschaute wie kaum ein anderer. Die vielleicht beste Parodie auf die hemmungslos neurotische, eitle, deutsche Kulturszene steht in "Bruder Kemal", Arjounis letztem, bestem Kayankaya-Roman, der im vergangenen Herbst erschienen ist und in dem entscheidende Passagen auf der Frankfurter Buchmesse spielen.

In Arjounis Berliner Arbeitszimmer stand ein ganzer Meter Simenon. "Die Erinnerungen, die jetzt ein Teil meiner Existenz sind, das sind die Strahlen der Sonne, der Geschmack von Eis", schrieb Georges Simenon, kurz bevor er am 4. September 1989 starb. "Der Metzger, der in riesige Fleischstücke schneidet. Fisch, der auf großen Platten liegt. Wenn ich etwas in meinem Leben gelernt habe, dann, dass all das gut und wichtig ist." Arjouni hatte in Ginestas seine Cafés, Restaurants und Handwerker, nahm weite Strecken zu seinen Lieblingswinzern in Kauf und sorgte auch als Autor immer dafür, dass sein Kayankaya gut zu essen und trinken bekommt.

In der Nacht zum Donnerstag ist Jakob Arjouni nach langer Krankheit seinem Krebsleiden erlegen. Er hinterlässt seine Frau Miranda und drei Kinder.

© SZ vom 18.01.2013/ihe
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