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Zum Tod von Jakob Arjouni:Hinter Ginestas beginnt das Paradies

Schriftsteller Jakob Arjouni

Der Schriftsteller Jakob Arjouni, aufgenommen im März 2011 in Berlin-Schöneberg.

(Foto: dpa)

Es hat ihn immer geärgert, wenn er nur als Autor von Krimis wie "Happy birthday, Türke!" wahrgenommen wurde. Völlig zu Recht: Jakob Arjouni hat auch Theaterstücke geschrieben, Kurzgeschichten und zwei saukomische, sturztraurige, rasante Berlin-Romane. Nun ist er im Alter von 48 Jahren gestorben.

Von Alex Rühle

Manche Nachrichten treffen einen, als würde man mit dem Gesicht gegen einen Eisenpfosten laufen. Jakob Arjouni ist nicht mehr da. Der großartige Krimiautor. Der treue, vollkommen unprätentiöse Mensch, der so begabt war für Freundschaften. Der glückliche Vater, der noch im vergangenen Sommer, in seinem Haus in Südfrankreich, immer wieder hoffnungsfroh wirkte, den Krebs vielleicht doch irgendwie besiegt zu haben. Es gab da diesen chinesischen Arzt . . . Er glaubte nicht wirklich daran und hoffte doch so sehr. Die Kinder spielten im Garten, Arjouni guckte schweigend im Halbschatten zu und murmelte dann, fast belustigt: "Es kann doch einfach nicht sein, dass ich die verlasse, oder?"

Pardon. Gleich mal eine Entschuldigung ins Jenseits, an das er noch viel weniger glaubte als an chinesische Alternativmediziner: Hat ihn immer geärgert, wenn er nur als Krimiautor wahrgenommen wurde. Womit er ja auch völlig Recht hat. Jakob Arjouni, der 1964 geboren wurde, hat Theaterstücke geschrieben, Kurzgeschichtenbände und zwei saukomische, sturztraurige, rasante Berlin-Romane. Es gibt außerdem mehrere Bücher, in denen er sich an den Themen des Antisemitismus, der Unkultur der Neonazis, der deutschen Schuldfrage und verschiedenster Verdrängungs-, und Sublimierungspraktiken abgearbeitet hat.

Und doch denkt wohl jeder, der sein Werk kennt, bei der Erwähnung von Arjounis Namen als erstes an Kemal Kayankaya, den türkischstämmigen Privatdetektiv, der in Frankfurt zu Hause ist, in breitestem Hessisch lospoltern kann, und den Arjouni kurz nach dem Abitur erfunden hat, damals, als er mit wenig Gepäck, aber ziemlich vielen Büchern von Raymond Chandler und Dashiell Hammett einfach mal losgefahren war in Richtung Südfrankreich.

Beruf gefunden. Mit 23!

Arjouni hat über diesen, seinen verblüffenden Anfang selbst mal fabelhaft schnoddrig geschrieben, so mit Fluppe im Mund und zusammengekniffenen Augen: "Nach dem Abitur nach Montpellier, Südfrankreich. Abgebrochenes Studium. Arbeit als Kellner, Badeanzug- und Erdnußverkäufer. Ersten Roman geschrieben, 'Happy birthday, Türke!' Mit zweiundzwanzig nach Berlin auf eine Schauspielschule. Schnell abgebrochen. Studium an der Freien Universität noch schneller. Roman 'Mehr Bier' geschrieben und ein Theaterstück. Beruf gefunden."

Beruf gefunden. Mit 23! Um damals als Sohn des berühmten Dramatikers Hans Günter Michelsen nicht irgendeine Art von Kulturbonus zu erhalten, schickte Arjouni das erste Manuskript unter dem marokkanischen Namen seiner ersten Frau bei Diogenes ein. Der Verleger Daniel Keel erkannte sofort das Talent. Die beiden verband dann bis zu Keels Tod eine sehr enge Freundschaft. Und beide amüsierten sich königlich darüber, dass in den begeisterten Rezensionen über Arjounis schlagfertigen türkischen Ermittler jahrelang behauptet wurde, Arjouni sei selbst Türke.

Für die Betriebsnudeln ein Türke

Vielleicht hielt sich dieses Gerücht auch deshalb so hartnäckig, weil Arjouni einmalig gut in seine Charaktere zu schlüpfen verstand. Kayankaya hat türkische Eltern, wächst aber bei einer deutschen Pflegefamilie auf. Er liebt die Sportschau und sein Bier (ganz ähnlich wie sein Autor), sagt einmal "Im Grunde meines Herzens bin ich ein tanzender Schlesier" und schaffte es, permanent alle Klischees und Stereotypen auf einmal zu unterlaufen.

Genau so nahm man Arjouni später dann seinen Underdog "Magic Hoffman" ab. Wer Lust hat, Arjouni eine letzte Ehre zu erweisen, wer gleichzeitig Lust hat, mal wieder über Berlin zu lachen, über dieses ganze hochgejazzte Getue, der lese noch einmal diesen wunderbaren Roman über einen Hochstapler und Verbrechensdilettanten. Da steht über das Berlin der Wendejahre: "Illusionsneurose! Metropole, Großstadt, internationales Flair - die Leute kommen aus Kleindingsda, haben sich die große Welt vorgestellt und hocken jetzt Hermannstraße Hinterhaus. Dann werden sie Säufer oder schwul, quälen sich in absurde Klamotten, lernen die Namen sämtlicher Barkeeper auswendig - und das alles nur, damit es, wenn die Cousine zu Besuch kommt, heißt: ,Ick zeig dir'n Prenzelberg, det is wie New York'."

Vielleicht glaubten auch deshalb so viele Betriebsnudeln, dass Arjouni selbst türkischer Abstammung sei, weil er sich immer so souverän fern vom Literaturbetrieb hielt. Was bestimmt nicht heißt, dass er jemals irgendwelche Elfenbeintürme bewohnt hätte. Er war so eine Art lebender Perlentaucher, permanent sprach er einen an auf irgendwelche Kollegen anderer Zeitungen, die dieses oder jenes geschrieben hatten. Noch wenige Wochen vor seinem Tod verschlang er "Pulp Head", die Reportagen des Amerikaners John Sullivan - und schrieb danach, wie sehr er Sullivan für dessen vorurteilsfreie Herangehensweise an seine Sujets bewundere. Was auch wieder zu Arjouni selber passt: Einmal sagte er, wie gut ihm eine Spiegel-Reportage gefallen habe, "weil der das ganz genau anders sieht als ich."

Ein ganzer Meter Simenon

Arjouni pendelte den Großteil seines Lebens zwischen Berlin und Ginestas, dem kleinen Dorf in Südfrankreich, das so wunderbar abseits von allem Literaturbetrieb war, diesem Betrieb, den er so gut durchschaute wie kaum ein anderer. Die vielleicht beste Parodie auf die hemmungslos neurotische, eitle, deutsche Kulturszene steht in "Bruder Kemal", Arjounis letztem, bestem Kayankaya-Roman, der im vergangenen Herbst erschienen ist und in dem entscheidende Passagen auf der Frankfurter Buchmesse spielen.

In Arjounis Berliner Arbeitszimmer stand ein ganzer Meter Simenon. "Die Erinnerungen, die jetzt ein Teil meiner Existenz sind, das sind die Strahlen der Sonne, der Geschmack von Eis", schrieb Georges Simenon, kurz bevor er am 4. September 1989 starb. "Der Metzger, der in riesige Fleischstücke schneidet. Fisch, der auf großen Platten liegt. Wenn ich etwas in meinem Leben gelernt habe, dann, dass all das gut und wichtig ist." Arjouni hatte in Ginestas seine Cafés, Restaurants und Handwerker, nahm weite Strecken zu seinen Lieblingswinzern in Kauf und sorgte auch als Autor immer dafür, dass sein Kayankaya gut zu essen und trinken bekommt.

In der Nacht zum Donnerstag ist Jakob Arjouni nach langer Krankheit seinem Krebsleiden erlegen. Er hinterlässt seine Frau Miranda und drei Kinder.

© SZ vom 18.01.2013/ihe
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